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Helmut Schmidt und Peer Steinbrück live: Die Boygroup der Generation 50 plus

Im Hamburger Thalia Theater räsonierten Altkanzler Helmut Schmidt und Ex-Finanzminister Peer Steinbrück als Elder Statesmen über die Probleme der Gegenwart. Nur eine spannende Frage ließen sie offen.

Von Carsten Heidböhmer

Der Andrang vor dem Thalia Theater nahe der Hamburger Binnenalster war gewaltig. Als würde gleich eine Boygroup auftreten, warteten lange Menschenschlangen vor dem Gebäude auf Einlass. Und ein bisschen war es ja auch so: Helmut Schmidt und Peer Steinbrück, die gerade ihr gemeinsames Buch "Zug um Zug" veröffentlicht haben, sind so etwas wie die Boygroup der Generation 50 plus. So wie viele heute 30- bis 40-Jährige zu den Revival-Konzerten von Take That pilgern, um noch einmal den Soundtrack ihrer Jugend zu hören, wecken der Altkanzler und sein "Erbe" ("Die Zeit") bei den älteren Semestern Erinnerungen an die Jahre, als sie selbst noch jung waren und von einer besseren Welt träumten.

Der gemeinsame Auftritt beim "Zeit Forum Politik" bildete so etwas wie den Höhepunkt einer Woche, die das Gespann "Schmidtbrück" in den Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung brachte. Am vergangenen Sonntag saßen sie bei Günther Jauch, am Montag hob sie "Der Spiegel" auf den Titel, am Donnerstag die "Zeit" - und zum Abschluss bestreiten die beiden Hamburger vor einem ihnen geneigten Publikum ein Heimspiel.

Wickert - als Moderator auf Augenhöhe

Ulrich Wickert erwies sich als der geeignete Moderator, der den beiden Schwergewichten auf Augenhöhe begegnet. Mit seinem Gestus des von Lebenserfahrung gereiften Bonvivants traf er den richtigen Ton. Immer wieder lockerte er politische Diskussionen mit netten Anekdötchen auf und kitzelte zwischendurch ein paar private Bekenntnisse aus den beiden Buchautoren heraus.

Angesichts des medialen Overkills blieb es nicht aus, dass vieles zum zweiten oder dritten Mal erzählt wurde. Doch das Publikum lag Schmidtbrück so zu Füßen, dass sie sich über die bereits mehrfach erzählte Geschichte von Helmut Schmidt beim Rauchen in der Deutschen Bahn köstlich beömmelte.

Doch es ging vor allem um Politik. Schmidt wie Steinbrück äußerten sich zufrieden über die Ergebnisse des Euro-Gipfels, sprachen sich für Bildungsinvestitionen, die Wiedereinführung der Vermögenssteuer, eine höhere Erbschaftssteuer und gegen die von der Koalition in Aussicht gestellten Steuererleichterungen aus. Erstaunlich einig waren sich beide auch in der vehementen Ablehnung einer Frauenquote für Vorstände und Aufsichtsräte von Unternehmen.

Zur Frage, wie die Politik mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft herstellen kann, hatte Steinbrück einige konkrete Vorschläge parat. Die meisten waren altbekannt, wie etwa die Einführung von gesetzlichen Mindestlöhnen - worüber inzwischen sogar die CDU laut nachdenkt. Deutlich überraschender war dagegen die Ankündigung, die steuerliche Bevorzugung von Kapitaleinnahmen gegenüber dem Erwerbseinkommen rückgängig machen zu wollen. Dabei war es Steinbrück selbst gewesen, der als Bundesfinanzminister 2009 einen einheitlichen Kapitalsteuersatz von 25 Prozent eingeführt hatte.

"Occupy" und Piraten bleiben fremd

Nur wenig Sympathie zeigten die beiden Oldies für neue politische Erscheinungen. Mit Blick auf die Piratenpartei sprach Steinbrück von der "Diktatur der Transparenz, die dazu führe, dass Politik irgendwann nicht mehr entscheidungsfähig sei: "Man muss auch mal eine Tür zumachen können." Und Helmut Schmidt kanzelte die "Occupy"-Aktivisten – die übrigens auch 20 Meter neben dem Thaila Theater kampierten - als "ineffektiv" ab. Handeln müsse der Gesetzgeber.

Die Botschaft war klar: Als Vertreter des alten Systems wollen sich Schmidt und Steinbrück von den neuen Bewegungen klar abgrenzen. Das Hamburger Publikum hatten sie dabei auf ihrer Seite. Die Medien sowieso. Da wirkt es schon ein wenig komisch, dass sich ausgerechnet Steinbrück die Personalisierung von Politik beklagte und den Medien in die Schuhe schob. So kritisierte er eine große Sonntagszeitung, die fünf Seiten über ihn und Helmut Schmidt bringe - und nur eine Seite über den Euro-Gipfel.

Doch will er Kanzlerkandidat der SPD werden, braucht er die Medien. Aber er braucht auch die Zustimmung und das Wohlwollen seiner Partei. Um die nicht weiter zu strapazieren, war es auffällig, dass alle drei Männer auf der Bühne, Wickert wie Schmidt und Steinbrück, einen großen Bogen um die K-Frage machten. Die SPD, in der viele die Steinbrück'sche Ego-Show mehr als kritisch sehen, soll nicht weiter gereizt werden. Auf das Hamburger Publikum hätte er an diesem Sonntagmittag keine Rücksicht nehmen müssen. Der begeisterte Applaus vorher und hinterher machte klar: Er ist ihr Mann. So wie Helmut Schmidt damals ihr Mann war.