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"Tatort" im Faktencheck: Drei Schüsse und ein Insektenstich

Ein Einstichloch, das nicht beweisgültig sein soll. Ein Treppensturz in den Tod. Und drei Notwehrschüsse. Hier beantworten wir die wichtigsten Fragen zum neuen "Tatort" aus Frankfurt.

Der Mediziner Martin Kern (Roman Knizka) spritzt seiner Frau Silke (Carina Wiese) einen Muskelrelaxan. Dann stürzt er sie die Treppe hinab. Die Frau stirbt.

Der Mediziner Martin Kern (Roman Knizka) spritzt seiner Frau Silke (Carina Wiese) einen Muskelrelaxan. Dann stürzt er sie die Treppe hinab. Die Frau stirbt.

Kälter als der Tod" hieß der erste Frankfurter "Tatort" in Neubesetzung. Eine dreiköpfige Familie wurde erschossen, Tochter und Nachhilfelehrerin blieben verschont. Und werden unter einer Luke in einem Bauernhof entdeckt. Zudem ließ der manische Schwager seine Frau in den Tod stürzen und wird in der entscheidenden Szene von der Nachhilfelehrerin erschossen, die wiederum die Halbschwester der überlebenden Tochter und Täterin des Familienmordes ist. Kommen Sie noch mit?

Fünf Tote, alle irgendwie miteinander verwandt. Und der neue Kommissar Brix (Wolfram Koch) richtet die Täterin mit drei Schüssen, Notwehr. Darf der das eigentlich? Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Sonntagskrimi.

Kommissar Brix hat die Täterin umgebracht, mit drei Schüssen. Die Waffe grub er vorher in seinem Garten aus, seine Dienstwaffe hatte er zuvor auf den Tisch gelegt. Gilt das eigentlich noch als Notwehr?

Notwehr, so heißt es im StGB "ist eine Verteidiung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwehren." In diesem Fall versucht die vierfache Mörderin, die letzte Überlebende der Familie, ihre Halbschwester, zu erschießen. Dabei trifft eine Kugel die Kommissarin Janneke (Broich) am Arm, woraufhin Kommissar Brix mit einer zweiten Waffe die Täterin mit drei Schüssen richtet. Den "rechtswidrigen Angriff" hat er damit abgewehrt. Ob der Polizist dabei nur einen Schuss abgibt oder mehrere, ist nicht entscheidend. Allerdings wird bei jedem abgebenen Schuss ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Die Schüsse dürfen zudem nur von einer vom Dienstherren abgesegneten Waffe abgegeben werden. Ob dies für die ausgegrabene Pistole von Brix gilt, ist sehr fraglich.

Der Notfallarzt und Onkel der Überlebenden spritzt seiner Frau Muskelrelaxan, um sie danach die Treppe herunter zu schubsen. Ein sicherer Tod?

"Den Treppenstoß hätte es, sieht man mal von der Verschleierung des Mordes ab, wahrscheinlich gar nicht gebraucht", sagt Prof. Dr. Gunter Schmidt von den Asklepios-Kliniken in Hamburg Altona. Durch das Relaxans werde auch die Atmung gestoppt. Unter normalen Umständen hat man dann eine Überlebenschance von wenigen Minuten. Relaxantien werden bei Anästhesisten nur unter Beatmung in der Narkose genutzt.

Der Rechtsmediziner behauptet später, Relaxantien seien nur wenige Minuten nachweisbar, er könne bei der Leiche nichts finden.

Das komme auf das Relaxans an, so Dr. Schmidt. Es gebe auch Wirkstoffe, die 40 bis 50 Minuten lang wirken und dementsprechend auch so lange nachzuweisen sind. Handelt es sich aber um Succinylcholin, so wirkt der Substanz nur 3-5 Minuten und ist danach nicht mehr im Blut nachweisbar. Neuere Untersuchen zeigen jedoch auch für Succinylcholin und seiner Abbauprodukte einen späteren Nachweis der Substanz zum Beispiel im Urin.

Bei der Obduktion findet der Gerichtsmediziner das Einstichloch der Spritze. Als Beweis diene das aber nicht sagt er, es könne auch als Insektenstich misinterpretiert werden.

Sofern das Relaxans intravenös gespritzt wurde, ist mit einer kleinen Nachblutung an der Vene zu rechnen, sagt Dr. Schmidt. „Dann sollte ein Rechtsmediziner das Einstichloch auf jeden Fall von einem Insektenstich unterscheiden können .“

val
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