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"Tatort"-Kritik: Debüt ohne Bämm

Ein Regisseur mit Grimmepreis und zwei "Tatort" erprobte Schauspieler als Neukommissare. Klingt nach einer sicheren Sache. Aber irgendwie sprang der Funke im Debüt von Broich und Koch nicht über.

Von Jens Wiesner

Die Kommissare Paul Brix (Wolfram Koch), und Anna Janneke (Margarita Broich) mit Miranda Kador (Emily Cox, Mitte), der Überlebenden des Blutbades.

Die Kommissare Paul Brix (Wolfram Koch), und Anna Janneke (Margarita Broich) mit Miranda Kador (Emily Cox, Mitte), der Überlebenden des Blutbades.

Es ist nie schön, wenn die Guten gehen. Sieben Jahre lang lieferte Joachim Król das Porträt des einsamen, dem Alkohol verfallenen Wolfes ab. Dann zogen Schauspieler und Kommissar die Reißleine - und Frankfurt brauchte ein neues "Tatort"-Team. Man hätte den Abgang leichter verschmerzen könne, wäre Króls letzter Auftritt an der Seite von Armin Rohde kein so unglaublich gutes Stück Fernsehen geworden. Ein Psychothriller, dicht und nah, wie man ihn selten hierzulande sieht.

Die Fußstapfen waren also groß, die es für das neue Ermittlerteam Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) zu füllen gab. Zumal Florian Schwarz, der Regisseur ihres ersten gemeinsamen Falls, zuletzt den großen Tukur-"Tatort" "Im Schmerz geboren" inszeniert hatte. Und tatsächlich beginnt der Fall vielversprechend - visuell wie inhaltlich.

Der Krimi geht ganz bewusst vom Gas

Die Kamera schwenkt und zoomt durch einen Tatort, fängt Details ein, die später wichtig werden: die Todesanzeige des Großvaters, der CD-Spieler, Familienfotos. Aber die heile Familienwelt ist zerbrochen: Mama, Papa und der kleine Sohn sind tot. Einzig die 17-jährige Tochter (Charleen Deetz) und ihre Nachhilfe (Emily Cox) konnten dem Blutbad entkommen, hocken verletzt, aber lebendig in einem dunklen Loch. Als Zuschauer glauben wir zu wissen, wohin die Reise nun geht: Die neuen Kommissare müssen sich zusammenraufen, um in einem Wettlauf gegen die Uhr das Leben der Gefangenen zu retten.

Doch der Krimi verweigert sich unseren Sehgewohnheiten und geht ganz bewusst vom Gas: Bereits in Minute 20 werden die Vermissten aus ihrem Gefängnis befreit. Verdächtig sind nun alle: Der Mediziner-Onkel der Vermissten (Roman Knizka, bis zur Karikatur böse), der schon einmal bei einer Erbschaft nachgeholfen haben soll. Der Postbote (verstörend creepy: Sebastian Schwarz), der die Pakete seiner Kunden heimlich öffnet und ihren Inhalt nachkauft, um am Familienleben anderer teilzuhaben. Und natürlich die Nachhilfe, die eine seltsame Familiensehnsucht umtreibt und eine Liebesbeziehung mit der Tochter der Familie führt. Dass sich letztere in einem "Verbotene Liebe"- würdigen Twist schließlich als Halbschwester ihrer Geliebten entpuppt, als Kind einer Vergewaltigung der Mutter durch den übermächtigen Großvater, liefert schließlich den Schlüssel zur Lösung dieses Falls. Leider bleibt nach dem Abspann das ernüchternde Gefühl zurück, gerade ein gut gemeintes, aber viel zu bemühtes Experiment gesehen zu haben.

Herrlich altmodisch

An den schauspielerischen Fähigkeiten von Broich und Koch liegt es nicht. Ihre Figuren kommen in einer Fernsehwelt, die von gebrochenen Antihelden und psychotischen Einzelgängern nur so wimmelt, herrlich altmodisch daher. Da treffen zwei Quereinsteiger - er von der Sitte, sie Psychologin - aufeinander, die sich kurz beschnüffeln, für sympathisch befinden und ohne viel Federlesens füreinander einstehen. Fast scheint es, als wären die Drehbuchschreiber den großen Dramen und Konflikten, den moralischen Grauzonen und persönlichen Problemen überdrüssig geworden, mit denen sich die "Tatort"-Kommissare zuletzt rumschlagen mussten. Da war kein Paukenschlag zur Einführung, keine großes Tschiller-Bämm. Brix und Janneke schleichen sich in die "Tatort"-Welt wie ein Hauptkommissar Derrick, ganz piano, ganz unaufgeregt.

Angenehm fällt auf, dass der Hessische Rundfunk nicht der Versuchung erlegen ist, dem Jugendwahn der "Tatort"-Reihe oder der Verpflichtung bekannter Film- und Fernsehstars zu verfallen: Broich und Koch sind beide über 50, kommen vom Theater und haben sich bereits in mehreren "Tatort"-Nebenrollen bewiesen. Eine Anspielung darauf hat es sogar in den fertigen Film geschafft: "Und die jüngsten sind Sie auch nicht. Wahrscheinlich können Sie sich noch an die Einführung der Wehrpflicht erinnern", nordet Boss Riefenstahl seine Neuankömmlinge gleich beim ersten Dienstgespräch ein. Pikant: Broichs Partner im echten Leben ist Martin Wuttke, der gerade seinen "Tatort"-Dienst in Leipzig - wohl aus Altersgründen - quittieren musste.

Sie haben ihren Stil noch nicht gefunden

Dass der Einstand trotzdem nicht rund lief, muss man leider Drehbuchschreiber Michael Proehl und Regisseur Florian Schwarz anlasten. Das überrascht, gehört Schwarz doch zu den besten seiner Zunft in Deutschland: Die Künstlichkeit des Mediums Film nicht zu verstecken, sondern zu betonen, ein Stilelement daraus zu machen, ist seine große Kunst. Die Paarung mit Ulrich Tukur, der den "Tatort" seit jeher als experimentelle Spielwiese verstanden hat, war ohne Zweifel eine Liebesheirat. Und das Kind dieser Vermählung, die geniale Tarantino-Verbeugung "Im Schmerz geboren" hat völlig zu recht den Grimme-Preis erhalten. Aber diesmal erscheinen Schwarz' stilistische Mittel als bloße Gimmicks, auf die man besser verzichtet hätte: Bisweilen mutet es gar an, als habe er lediglich eine innere Checkliste abgehakt: Splitscreen wie bei "24" - Check! Aufpoppende SMS wie bei "Sherlock" - Check! Kommissare, die wie in "Hannibal" zu handelnden Personen in Rückblenden werden - Check!

Nicht aufgegangen ist zudem der Versuch, dieser bewussten Künstlichkeit eine unbedingte Realitätstreue in Alltagsdingen an die Seite zu stellen: Die Ehefrau macht sich nach dem Sex untenrum sauber, während sie sich mit ihrem Mann unterhält. Bei der Observierung aus dem Auto muss eben dieser aufs Klo und pinkelt in eine Wasserflasche. Als Janneke eine Zeugin per Videotelefon befragt, hallt der Ton heftig nach. Und natürlich zickt die vor 20 Jahren gepresste CD im Abspielgerät der Polizei genauso wie bei uns zu Hause. Auf dem Papier mag dieser Realismus interessant geklungen haben - hier will er einfach nicht zum Gesamtpaket passen.

Nein, noch haben Brix und Janneke ihren Stil nicht gefunden. Trotzdem sollten Sie den beiden Kommissaren eine weitere Chance geben. Wo andere Sendeanstalten auf bewährte Formeln setzen, kommen die "Tatorte" aus Wiesbaden und Frankfurt eben wie echte Wundertüten daher. Manchmal versteckt sich Geniales darin, manchmal geht ein Experiment daneben. Diesmal hat es nicht ganz geklappt: Aber wer weiß, was der HR beim nächsten Mal aus dem Hut zaubert.