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"Tatort" aus Köln: Solo für Rohde

Ein toter Club-Besitzer, viele falsche Spuren, zwei allzu routinierte Kommissare - beinahe wäre der als Wiederholung ausgestrahlte Kölner "Tatort" in seiner Bräsigkeit erstickt. Wäre da nicht der Hauptdarsteller gewesen.

Von Volker Königkrämer

Vater (Armin Rohde) und Sohn (Ludwig Trepte)

Vater (Armin Rohde) und Sohn (Ludwig Trepte)

Viel Tempo gleich zu Beginn: Die Leiche liegt zügig rum, die Freundin trauert, ein erster Verdacht kommt um die Ecke - und trotzdem: So richtig los geht dieser "Tatort" aus Köln erst ab der zwölften Minute. Dann nämlich drängelt sich Armin Rohde erstmals ins Bild. Nur mit einer Miniatur zunächst: Rohde treibt Geld ein bei einem säumigen Schuldner. Doch wie er das macht, ist großes Kino - und für den Zuschauer der Grund, den nächsten 78 Minuten halbwegs zuversichtlich entgegenzusehen.

Dabei spielt Rohde, wie es scheint, zunächst nur eine Nebenrolle in dem Beziehungsgeflecht, das in dem Mord am jungen Club-Besitzer Oliver Mohren mündet. Seine Freundin Laura Albertz (Alice Dwyer) hatte ihn mitten in der Nacht tot vor seinem Lokal aufgefunden. Die Kommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) ermitteln zunächst in Richtung einer Beziehungstat. Erst recht, als Lauras Ex-Freund Erik Trimborn (Ludwig Trepte) auftaucht. Er und Oliver waren einst Freunde, doch dann hatte der ihm Laura ausgespannt. Nach dessen Tod finden die beiden wieder zusammen.

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Lauter gute Bekannte im "Tatort" - auch hinter der Kamera

Sehr zum Unwillen von Eriks Vater Ralf Trimborn, der von Armin Rohde gespielt wird. Dieser Trimborn ist ein Vollblut-Verbrecher, gerade erst raus aus dem Knast, wo er für den Mord an einem Türsteher gesessen hat. Auch seine Frau, die Mutter von Erik, starb vor Jahren unter mysteriösen Umständen. Als Vater, das ist schnell klar, ist Trimborn ein Tyrann. Er schlägt, fordert, manipuliert, wie es ihm gerade in den Kram passt. Ein Mann ohne Grenzen. Mal schmeichelnd, mal brutal - die Sensoren immer ausgefahren, wo für ihn was drin ist. Erik ist ihm hilflos ausgeliefert. Einzig und allein Laura stellt sich dem Alten entgegen.

Es ist dennoch eine etwas zwiespältige Mixtur, die Regisseur Kaspar Heidelbach und Autor Norbert Ehry hier angerührt haben. Beide sind alte "Tatort"-Haudegen: Heidelbach setzte 1997 den ersten Ballauf/Schenk-"Tatort" in Szene ("Willkommen in Köln"). Ehry schrieb sein erstes "Tatort"-Buch schon 1982 ("Peggy hat Angst"). Gemeinsam verantwortete das Team im Jahr 2001 unter anderem die Episode "Bestien" (auch damals mit Rohde in der Hauptrolle).

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Ballauf und Schenk sehen ganz schön alt aus

Als Krimi ist "Dicker als Wasser" mitunter ziemlich zäh. Der Grund sind die Kommissare. Das Duo Ballauf/Schenk wirkt müde und in die Jahre gekommen. Buch und Regie gelingt es nicht, aus dem Verhältnis der beiden noch ein paar überraschende Funken zu schlagen. Vieles ist vorhersehbar (wie etwa Freddys verunglückte Extratouren), anderes wirkt bemüht (Max' Ausraster). Schön immerhin, dass Kommissar Schenk scheinbar die Stoppuhr seines alten Sportlehrers aufträgt, um die Zeit zu stoppen, die ein Verdächtiger von Punkt A zu B braucht.

Der WDR sollte Ballauf und Schenk vielleicht mal eine Langzeit-Figurenentwicklung über vier, fünf Episoden gönnen. So, wie man es beim Dortmunder Kommissar Faber gemacht hat. Oder in den Büchern von Sascha Arango für Kiels Borowski. Allein ein neuer Assistent (Patrick Abozen) ist zu wenig, um die Wurstbuden-Ermittler wieder zum Leben zu erwecken. Der Neue ist zwar gut für den einen oder anderen Spruch ("Ich würge meine Chefs nicht."), scheint auch bei der Überwachungstechnik auf dem neuesten Stand - aber dass er gleich nach den ersten Anraunzern von Freddy die Kündigung einreichen will, ist schon ein bisschen mimosenhaft. Da kann noch mehr kommen!

Für einen Kotzbrocken fast zu sympathisch

Aber zum Glück gibt es ja Rohde und Trepte. Denn die machen aus einem mäßigen Krimi immerhin ein überzeugendes Vater-Sohn-Drama. Rohde ist gewohnt großartig. Ihm gelingt es, selbst dem Familientyrann und vierfachen Mörder eine so lässig-wurschtige Attitüde zu verleihen, dass man als Zuschauer beinahe anfängt, diesen Kotzbrocken sympathisch zu finden. Herausragend sein Face-to-Face-Duell mit Schenk beim warmen Wolfsbarsch. Hier merkt man, dass Rohde und Bär alte Kumpel aus Bochum sind, wo sie 1984 als Anfänger im Schauspielhaus gemeinsam auf der Bühne standen.

Und auch Trepte beweist eindrucksvoll, warum er als einer der begabtesten deutschen Jungschauspieler ("Tannbach", "Unsere Mütter, unsere Väter") gehandelt wird. Ihm gelingt das Kunststück, an der Seite des dominanten Rohde nicht unterzugehen. Im Gegenteil, er bietet dem Schauspieltier Paroli, gibt Eriks Zerrissenheit zwischen Vater und Freundin, zwischen Verbrechen und Reihenhaus-Normalität glaubhaft Kontur.

Bis zuletzt ist nicht klar, für welche Seite sich Erik entscheidet. Hinterher will es Freddy gewusst haben: "Ich hab's an seinen Augen gesehen. Das ist ein guter Junge. Hoffentlich kriegt er die Kurve."

Die "Tatort"-Folge "Dicker als Wasser" wurde erstmals am 19. April 2015 ausgestrahlt.