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"Tatort"-Kritik: Eine Hundsliebe

Der richtige "Tatort" zum falschen Zeitpunkt: "Borowski und die Kinder von Gaarden" führt in die Abgründe eines sozialen Brennpunkts. Das Mordmotiv war wie so oft Liebe - diesmal aber zum Hund.

Von Carsten Heidböhmer

Sie kennen sich aus Jugendtagen: Thorsten "Rauschi" Rausch (Tom Wlaschiha) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli)

Sie kennen sich aus Jugendtagen: Thorsten "Rauschi" Rausch (Tom Wlaschiha) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli)

So etwas bezeichnet man wohl als schlechtes Timing: Am Ende dieser Katastrophenwoche hätte die "Tatort"-Nation ein wenig Ablenkung gut vertragen können. Vielleicht mit ein paar Kalauern von Thiel und Boerne mal wieder lachen wollen. Oder sich vom durchgeknallten Felix Murot aus Wiesbaden überzeugen lassen, dass Logik und Alltagszwänge nicht immer das letzte Wort behalten müssen, dass es aus der Tyrannei des Faktischen Auswege geben kann.

An diesem Sonntag war allerdings ein Kiel-"Tatort" terminiert. Einer von der düstersten Sorte, der schonungslos die Schattenseiten der Wohlstandsgesellschaft beleuchtet. Die Folge "Borowski und die Kinder von Gaarden" spielt in dem gleichnamigen Kieler Stadtteil, einem sozialen Brennpunkt. Hier sind viele Menschen ohne Arbeit und Hoffnung. Der Film zeigt heruntergekommene Wohnblöcke. Die Menschen sind auffallend häufig übergewichtig, trinken zu viel, hängen vor der Glotze oder auf den Straßen ab. Insbesondere die Jugendlichen leiden unter der Perspektivlosigkeit.

Einer von ihnen ist Timo Scholz. Der 15-Jährige findet keinen Job. Gerade erst hat er 20 Bewerbungen rausgeschickt und darauf drei Absagen bekommen. Die restlichen Firmen hielten es nicht einmal nötig, zu antworten. Wer aus Gaarden kommt, so sein bitteres Fazit, hat eben keine Chance.

"Ich hatte Pickel, und du warst The Legend"

Das ist jedoch nicht das einzige Problem des Jungen: Er ist im Bett von Onno Steinhaus gefilmt worden, einem wegen Kindesmissbrauchs vorbestraften Mann, und wird damit nun von Jungs im Viertel erpresst. Als Steinhaus kurz darauf ermordet in seiner Wohnung gefunden wird, ist Tim Scholz daher der erste Verdächtige.

Kommissar Borowski (Axel Milberg) ist nicht recht davon überzeugt. Er interessiert sich mehr für Hauptwachtmeister Thorsten Rausch (Tom Wlaschiha), der sich in Gaarden wie ein Ortssheriff aufspielt und bei einigen Frauen im Viertel offenbar ein und ausgeht. Auch Sarah Brandt (Sibel Kekilli) interessiert sich für den Polizisten - aus anderen Gründen. Sie kennt "Rauschi" noch aus Jugendtagen. Der erkennt die "kleine Nachbarin" zunächst nicht wieder. "Ich hatte Pickel, und du warst The Legend", wie sich Brandt erinnert.

Die beiden Kommissare ermitteln in verschiedene Richtungen: Während Borowski - unbeholfen, aber hartnäckig - Kontakt zu den Jugendlichen in Gaarden aufnimmt, sucht seine Kollegin die Nähe zu ihrem alten Bekannten. Beim Black Jack mit viel Wodka findet sie schließlich heraus, dass der Tote früher mit "Rauschis" Mutter liiert war und ihn in dieser Zeit missbraucht hat.

Ein schonungsloser Film

Auch wenn der Polizist damit ein starkes Mordmotiv gehabt hatte: Er war nicht der Täter. Das war Timos jüngerer Bruder Leon Scholz, der nicht länger ertragen konnte, wie Steinhaus seinen Hund gequält hat. Denn das Tier war das einzige Wesen, das dem kleinen Jungen Zuneigung und Wärme gegeben hat. Deswegen wurde das Kind zum Mörder.

So trist ist die Welt, in die "Borowski und die Kinder von Gaarden" die Zuschauer einführt. Der Film geht dabei sehr behutsam vor. Er beschönigt nichts. Verrät seine Charaktere aber auch zu keiner Zeit, selbst wenn es sich dabei um miese, sadistische Jungs handelt. Gleichzeitig schafft es die Folge (Buch: Eva und Volker A. Zahn), die Düsternis immer wieder mit kontrastierendem Humor ein wenig aufzulockern. Ein sehenswerter "Tatort", dem man einen anderen Ausstrahlungstermin gewünscht hätte.

Am Ende nimmt der Hund Reißaus, auf dem Weg in ein neues, besseres Zuhause. Zumindest er könnte eine bessere Zukunft finden. Zurück bleiben die Menschen in Gaarden. Sie müssen weiterleben, an diesem Ort ohne Hoffnung und Liebe.

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Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo