HOME

"Tatort"-Kritik: Tanz, Freddy, tanz!

Ein verliebter, tanzender Kommissar und jede Menge kauziger Zeugen: Der "Kölner "Tatort" lieferte zwar wenig Spannung, war aber dank viel Klamauk und Musik trotzdem unterhaltsam.

Von Sarah Stendel

Steht ihm gut, das Tanzen: Kommissar Schenk (Dietmar Bär) hat sich verliebt.

Steht ihm gut, das Tanzen: Kommissar Schenk (Dietmar Bär) hat sich verliebt.

Stellen Sie sich vor, es klingelt an ihrer Tür und ein junger, blutverschmierter Mann bittet um Hilfe. Was würden Sie tun? Im neuen "Tatort" aus Köln knallt diesem Mann ein Hausbewohner nach dem anderen die Tür vor der Nase zu. Der Mann stirbt - auch, weil alle weggeguckt haben.

Diese Gleichgültigkeit muss sich auch Kommissar Ballauf (Klaus J. Behrendt) vorwerfen lassen. Die Mutter des Opfers (Lina Wendel) wohnt bei ihm im Haus und hat ihn schon viel früher um Hilfe gebeten. Ihr Sohn Daniel (Matthias Reichwald), ein Pianist, war schon längere Zeit verschwunden. In einer Hotelbar hatte er sich um einen Job als Klavierspieler beworben - und wurde gnadenlos von Besitzer und Gästen fertig gemacht. Der Zuschauer erfährt auch, dass der Musiker schon länger auf der Straße lebte.

Griff in die Klamauk-Kiste

Aber warum suchte er blutverschmiert ausgerechnet in einem Mehrfamilienhaus in einer noblen Gegend Zuflucht? Die Ermittlungen der Kommissare Ballauf und Schenk (Dietmar Bär) gestalten sich dort wie in einem "Miss Marple"-Film: Sie stoßen auf eine Reihe kauziger Bewohner, die allesamt etwas zu verbergen scheinen. Ein schwerhöriges älteres Ehepaar, eine Übersetzerin, die sich vor ihrem Ex-Mann fürchtet, ein homophober Eishockey-Trainer - und die attraktive, alleinerziehende Kunstprofessorin Claudia Denk (Ursina Lardi). Kommissar Schenk ist regelrecht schockverliebt in die scheinbar so kultivierte Frau und lässt sich von ihr um den Finger wickeln.

Eigentlich sind das ganz gute Voraussetzungen für ein spannendes "Whodunnit?", leider wird der Fall aber schnell ziemlich öde. Es dauert allein gut 15 Minuten, bevor klar ist, dass der obdachlose Pianist tot ist.

Dafür rettet die für die Kölner ungewöhnliche Inszenierung den Film über weite Strecken. Musik und Kunst spielen wichtige Nebenrollen, Ballauf und Schenk besuchen sogar das WDR Funkhausorchester, um die Exfreundin des Opfers zu befragen. Und sie dürfen tief in die Klamauk-Kiste greifen. Wenn Schenk verliebt im rosa Hemd und mit Künstlerschal die Dozentin umgarnt oder durch einen Streich verdattert vom Sofa fällt, dann hat das fast schon Züge des Münsteraner "Tatorts". Ebenfalls Slapstick: Ballauf beim ungeschickten Aufbauen einer Massageliege. "Lassen sie die Hose an, das wird keine Ganzkörpermassage", herrscht ihn die Zeugin an, bevor sie ihn wieder einrenkt.

Freddys Tanz hat Klasse

Die Überzeichnung der Figuren funktioniert aber nicht immer. Die schleimigen Banker, die sich in der Bar wie im Affenstall benehmen, Frauen angaffen und das Opfer beleidigen, sind so klischeehaft fies, dass sie fast einer "TKKG"-Folge entsprungen sein könnten. Dass sie ihn trotzdem nicht ermordet haben, ist viel zu offensichtlich. Schön aber die Sequenz, in der Freddy erkennt, dass er dem professionellen Flirt der Professorin erlegen ist - traurig wiegt er sich in der schummrigen Bar auf der Tanzfläche zur Musik. Seine Ehe ist gerade noch einmal davon gekommen, im Epilog berichtet Schenk, dass er sich und seine Frau zu Tangostunden angemeldet habe.

Nach der starken Folge aus Kiel ist "Freddy tanzt" eher Durchschnitt - wenngleich auch unterhaltsam für Zuschauer, die es klamaukig mögen. Aber vielleicht wollten die Kölner einfach mehr Leichtigkeit nach der wahnsinnig guten und krassen Folge "Franziska" im vergangenen Jahr. Vom Tod ihrer Assistentin hatte sich das Team nämlich bisher nicht erholt. Ab der nächsten Folge soll dann der neue Assistent (Patrick Bozen) im Einsatz sein.