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"Wetten, dass..?": Nur die Oma im Himmel freut sich

Wie lange will sich Markus Lanz das noch antun? Er quälte sich durch eine Show ohne Höhepunkte und ging schon nach der Hälfte komplett auf dem Zahnfleisch. Immerhin: Einen lichten Moment hatte er.

Von Mark Stöhr

Man muss die ganze Sache auch mal positiv sehen. Die Namen einiger Gäste waren gut. Einer zum Beispiel, so ein hyperaktiver Neunjähriger – man will nicht seine Eltern sein –, hieß Leandro Palme. Einer Kosmetikerin, die vor laufender Kamera eine Reihe von Fußballerwaden mit einem Wachsstreifen enthaaren musste, wurde ihr Beruf gleich mit in die Wiege gelegt: Laura Adretti. Und ein Superhirn mit schiefen Zähnen hatte zwar keinen guten Namen, dafür aber ein gutes Hobby: schnelles Becherstapeln. Nein, bei der "Wetten, dass..?"-Sendung aus Düsseldorf war nicht alles schlecht, Herr Lanz. Nur das meiste.

Lanz, der Halbmarathon-Mann

Drei Stunden dauerte die Show. Drei Stunden. Das war selbst dem Gastgeber zu lang. Nach der Hälfte ging bei Markus Lanz nichts mehr. Man sieht ihm das nicht unbedingt an, aber man hört es: an seinem gackernden Lachen. Je hysterischer er lacht, umso weniger fällt ihm ein. Dann wirft er Superlative in die Luft wie ein angeknockter Boxer seine Fäuste. Eine tolle Geschichte! Phänomenal! Ein Traum! Den Sänger Adel Tawil herzte er mit "Ich mag dich wahnsinnig!", und schob, schon nahe am Delirium, den rätselhaften Satz hinterher: "Du machst für mich das neue, coole, junge Deutschland aus!" Tawil wird im August 36. Wenn dem Halbmarathon-Mann Lanz die Puste ausgeht, werden auch seine Plattitüden nicht besser. Italien war "das Land der guten Köche" und Udo Jürgens "der große Udo Jürgens". Später zwang er ihn zu einem Duett am Klavier. Tolle Geschichte.

Promis in die Produktion!

"Wetten, dass..?" ist eine der letzten Shows, in denen Prominente noch ausschließlich ihren öden Selbstpromo-Quatsch ausbreiten können. Wofür gibt es heutzutage Facebook und Twitter? Anderswo müssen sie von Türmen springen, fermentierte Eier essen oder Amateuren beim Singen zuhören. Das ZDF aber bietet noch die komplette Komfortzone und sendet seinem Selbstverständnis nach offenbar für ein Wachkoma-Publikum ohne Internetanschluss. Und so durfte Judith Rakers über ihre bei YouTube ausführlich dokumentierten Pleiten-, Pech- und Pannen-Erlebnisse aus zehn Jahren Tagesschau monologisieren ("Einmal lief der Teleprompter rückwärts!") und die zweifache Oscar-Preisträgerin Hilary Swank ein Best-of aus ihrem Wikipedia-Eintrag rezitieren ("Ich kam mit 75 Dollar nach Los Angeles"). Die ebenfalls eingeladenen Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt flegelten und feixten derweil auf der Couch wie zwei Fünftklässler beim Besuch einer langweiligen Ausstellung – im Museum der deutschen Samstagabendunterhaltung.

Was, noch 'ne Wette?

Den Männercliquen und Nerds kann man keinen Vorwurf machen: Sie lassen sich wirklich die hirnrissigsten Sachen einfallen. Ein Feuerwehrauto mit einem riesigen Strohhalm ansaugen, Mitspieler an ihren Wadenhaaren erkennen und Hirsche an ihrem abgeworfenen Geweih. Auch gestern war wieder alles dabei. Die Wetten sind die einzigen Posten, die in der Insolvenzmasse der Show einmal interessant sein werden. Aber müssen es jedes Mal gleich so viele sein? Fraglich ist auch, ob ein Hirnforscher, der mit verbundenen Augen eine halbe Ewigkeit lang an einem Zauberwürfel herumschraubt, zur Kundenbindung beiträgt. Die beste Wette des Abends war auch zugleich die Gewinnerwette: Zwei Brüder liefen eine Wand hoch und hängten in über drei Metern Höhe Bilder auf. Ihren Auftritt widmeten sie ihrer kürzlich verstorbenen Oma. Lichter Moment von Lanz: "Da oben wart ihr eurer Oma im Himmel am nächsten."

Volle Kanne Vollplayback

Mit den Showacts erfand "Wetten, dass..?" das Prinzip der Werbeunterbrechung, noch bevor es die Privaten gab. Zeit zum Austreten oder Wegzappen. Die Vollplayback-Auftritte sind nicht auszuhalten. Was für ein befremdlicher Witz auch, im Jahr 2014 immer noch nur so zu tun als ob. Die Backen aufzublasen wie die Bläserbegleitung von Udo Jürgens oder mit dem Mikrofon durchs Publikum zu springen wie Adel Tawil und dabei nur die Lippen zu bewegen. Das ist ZDF-Hitparade 1978. Was für ein grandioser Liveauftritt dagegen von Pharrell Williams, der mit seinem Hit "Happy" den ganzen Saal zum Kochen brachte. Das ist professionelles und zeitgenössisches Entertainment. Nur in einem Punkt jedoch irrte der Star aus Übersee. Er wolle, sagte er, dass auch die acht Millionen Zuschauer vor den Fernsehern zu Hause tanzten. Acht Millionen? Dafür kam er ein paar Sendungen zu spät.