"Wetten dass…?" Gut geschlabbert ist halb gegurgelt


Eine spaßbereite Céline Dion, Erziehungstipps von Boris Becker und ein Moderator, der sich selbst als Spießer entlarvt: In Leipzig lud das ZDF zu einer munteren Familienausgabe von "Wetten dass…?" Und Thomas Gottschalk überwarf sich beinahe mit seinem Gast Alice Schwarzer.
Von Peer Schader

Was müssen sich diese Hollywood-Stars bloß denken, wenn ihnen ihr Management sagt: "Du bist übrigens heute Abend in Leipzig, bei so einer deutschen Fernsehshow mit einem Moderator, der seinen weiblichen Gästen gerne ans Knie fasst." - "Muss das sein", fragt vielleicht der ein oder andere? Und der Manager sagt dann: "Ja, das muss. Irre Quote."

Die meisten flüchten nach ihrem Auftritt schnell wieder in den Flieger, um davon zu düsen. Nur wenige hält es bis zum Schluss. Céline Dion hat am Samstagabend hingegen recht amüsiert ausgesehen, als Thomas Gottschalk sie aufs Sofa bei "Wetten dass…?" holte, um sie als Wettpatin zu fragen, ob ein junger Mann Wasser aus einem Hundenapf schneller wegschlabbern kann als sein Labrador. Nun ja: Tim Vetter aus Tutzing hat es nicht geschafft, der Hund war schneller. Aber nachher ist er trotzdem Wettkönig geworden. Und Céline Dion, die den Hund von vornherein als Sieger sah, war sich dann nicht zu schade, den von Gottschalk vorgeschlagenen Wetteinsatz trotzdem mitzumachen.

Da saß der Weltstar also um halb elf am Abend auf dem Sofa in Leipzig und gurgelte seinen Welthit "My heart will go on". Und man konnte nicht mal sagen: Ts, diese verrückten Amerikaner - machen einfach jeden Unsinn mit, um ihre Platte zu verkaufen. Schließlich ist Dion Kanadierin. Und wenn sie keinen Spaß dabei hatte, war sie immerhin ziemlich gut darin, so zu tun als ob. Fünf Jahre ist Dion gerade Abend für Abend im "Caesars Palace" in Las Vegas aufgetreten - da kann einen vermutlich nicht mehr viel schocken.

ZDF-Werbefestspiele in Hochform

Und der anfänglich etwas müden Show hat der Auftritt kurz vor Schluss noch mal einen ordentlichen Schub gegeben - so sehr, dass sich auch Alice Schwarzer darauf einließ, ihren Wetteinsatz in die Tat umzusetzen, obwohl sie ebenfalls richtig getippt hatte. Bei der Rock'n'Roll-Einlage in der Leipziger Messehalle hat es die Dame dann sogar einmal von den Füßen gehauen - aber Gottschalk, der kurzerhand zum Mittanzen verpflichtet wurde, war derjenige, der nachher ziemlich außer Puste war und keuchend vor der Kamera stand. Nach 170 Shows lässt man es eben sonst lieber ruhiger angehen.

Es war kein spektakulärer Abend, aber souveräne Samstagabendunterhaltung, wie das Publikum es vom ZDF-Show-Dampfer erwartet. Gottschalk kam im grauen Dreiteiler, kleidungstechnisch ungewöhnlich zurückhaltend für seine Verhältnisse. Auf dem Sofa saßen neben Schwarzer und Dion noch Boris Becker (wegen seines neuen Buchs), Comedian Michael Mittermeier (wegen seiner Jubiläumstour), Inka Bause (wegen ihrer RTL-Show "Bauer sucht Frau") sowie Heino Ferch und Martina Gedeck (wegen ihres neuen Kinofilms). Die Operndiva Anna Netrebko musste leider zuhause bleiben (wegen Erkältung). Zwischendurch gab's die üblichen Werbeschlenker für DHL und Audi - die allgemeinen ZDF-Werbefestspiele in Hochform.

Dabei hat die Show durchaus unterhaltsame Momente gehabt, vor allem in der Diskussion zwischen Becker und Schwarzer, die sich ganz dem Thema Familie und Kindererziehung widmeten, weil Beckers Buch quasi ein Ratgeber für Patchwork-Familien ist. Das allein ist ja schon ein Riesen-Gag: Boris Becker gibt Erziehungstipps. "Mal ehrlich, Boris, wie viele Tage im Jahr verbringst du mit deinen Kindern", fragte Schwarzer investigativ nach, und Becker erklärte brav, dass er so ein Sommerferien-mit-den-Kindern-Verbringer ist, der dazwischen mal alle paar Wochen nach dem Rechten sieht. Der Papa hat ja auch das nötige Kleingeld, um sich mal eben schnell in den Flieger nach Miami zu setzen, wo seine beiden Söhne mit der Mama wohnen.

Nachher war eine Entschuldigung fällig

Mit Schwarzer hätte Gottschalk sich dann fast noch überworfen, und zwar nicht, weil er gestand: "Ich bin der einzige Spießer hier in der Runde - morgen feier ich meinen 31. Hochzeitstag." Als die Diskussion auf die Abendgarderobe kam, lästerte der Moderator über Schwarzers Kleid: "Mode - das erwartet man von dir ja gar nicht." Da war nachher eine Entschuldigung fällig.

Ach ja, Wetten gab es natürlich auch noch: Neben dem Napfschlabberer durften zwei pfiffige Internatsschüler beweisen, dass Gedächtnistraining genauso spannend sein kann wie Gameboy-Daddeln. Mit bewundernswerter Genauigkeit markierten sie von Gottschalk per Zufall ausgewählte Städte mit einem komplizierten Merkverfahren auf einer weißen Deutschlandkarte - und lagen jedes Mal richtig. Warum nicht die ganze Klasse mitgekommen sei, fragte der Moderator nachher. Und der zehnjährige Niklas erklärte: "Das 'Wetten dass…?'-Team wollte nur zwei auf der Bühne sehen."

Während die Kids sich also den anspruchsvollen Herausforderungen widmeten, präferierten die Erwachsenen eher die Albernheiten: Einer nagelte rohe Eier an die Wand (Gottschalk: "Ich bin hier der Eileiter"), ein anderer höhlte mit seinem Kumpel einen Riesenkürbis aus und paddelte nachher darin über einen Ludwigsburger Kleinsee. Man hätte gerne gewusst: Wie übt man sowas eigentlich? Und wie oft wird man nass dabei? Diese Fragen blieben am Samstag leider ungeklärt - ebenso wie die von Michael Mittermeier, der rätselte: "Wo habt ihr immer die Wahnsinnigen her?"

Da war nicht ganz klar, wen er gemeint hatte: Die, die all die absurden Wettideen haben. Oder die, die sich das fast drei Stunden ansehen?


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