ARD-Kuppelshow Spätere Heirat ausgeschlossen


18 Jahre lang hat die TV-Flirtsendung "Herzblatt" zwar keine glücklichen Paare produziert, dafür aber die Zuschauer gut unterhalten. "Ich weiß, wer gut für dich ist" heißt der Nachfolger und will von ödem Geplänkel nichts wissen: Die quotentaugliche Bagger-Latte liegt mittlerweile ungefähr auf Höhe von Schlamm-Catchen.
Von Sophie Albers

Der Name geht natürlich gar nicht, aber was bleibt den TV-Leuten denn noch anderes übrig nach Gladiatorenkampf-artigen Single-Castingshows wie "DisMissed" oder "Next". Die Latte für das quotentaugliche Baggern hängt verdammt hoch. Da reicht es nicht mehr, mit einem charmanten Grinsen eine Doppeldeutigkeit in die staunende Stille zu raunen, um den Pott des Abends nach Hause zu tragen. Nein, das Herz braucht eine auf die Zwölf, der Zuschauer will Action.

Konkurrentinnen müssen also mindestens schlammcatchen, Kandidaten bereit sein, sich zu Brad Pitt umoperieren zu lassen oder Mütter den Kusstest bestehen. Da sich allerdings hartnäckig die Meinung hält, dass so etwas im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht geht, müssen zu Beginn der neuen ARD-Show "Ich weiß, wer gut für dich ist" nur Bruder, Cousine und beste Freundin ran, wenn Ilka aus Husum den Mann "für immer" sucht. Vier Folgen lang dürfen sie vier Kandidaten testen, während die 36-jährige Singlefrau hofft, dass es kein "Turnbeutelvergesser" wird. Na, wenn's weiter nichts ist.

GEZ-finanziertes Ranwanzen

Ab Dienstagabend versucht das Erste an den Erfolg einer Sendung anzuknüpfen, an die sich zu erinnern, ein bisschen wie ein Memoriam an das Schwarz-weiß- Fernsehen erscheint. Eine Ewigkeit von 18 Jahren, von 1987 bis 2005, wuchs eine ganze Zuschauergemeinde mit der altbackenen Vorabendshow des GEZ-finanzierten Ranwanzens auf: "Herzblatt". Eine Frau, eine Wand, drei Männer; ein Mann, eine Wand, drei Frauen, so das Konzept. Zwei Mal drei Fragen, zwei Mal neun Antworten, und am Ende wird das verbale Herzblatt an die Wand gestellt, wer immer sich mit seinen vorgetexteten Antworten von der besten Seite gezeigt hatte. Da konnte das Verschwinden der Wand schon mal zur kalten Dusche werden. Und das obwohl doch vorher geklärt wurde, wie Kandidat eins bis drei denn damit umgehen würden, wenn sie morgens eine fremde Telefonnummer am Kühlschrank der gemeinsamen Wohnung vorfänden... Quel scandale!

Kalt war die Dusche dann auch für alle TV-Romantiker dieses Landes: Läppische zwei Ehen sind den 463 Folgen entsprungen, in denen sich immerhin 926 Paare 2778 Fragen gestellt haben. Und eine davon ist auch schon wieder geschieden. Die Kilometerzahl, die der "Herzblatt"-Hubschrauber zurücklegte, um all die Paare, aus denen dann doch nichts wurde, in die romantischen Berge zu befördern, entspricht elf Weltumrundungen.

Susi nicht zu vergessen

Wo wir schon bei den Zahlen sind: Sieben Moderatoren haben in der Show den Liebesboten gespielt: Angefangen mit TV-Altmeister Rudi Carrell, der von 1987 bis 1993 die Show nach einem US-Konzept im deutschen Fernsehen etablierte. Es folgten Reinhard Fendrich (1993 bis 1997), Hera Lind (1997 bis 1998), Christian Clerici (1998 bis 1999), Pierre Geisensetter (1999 bis 2001), Jörg Pilawa (2001 bis 2004) und schließlich Alexander Mazza (2005).

Der eigentliche Star der Sendung war allerdings körperlos: eine Stimme namens Susi! Jede Erotik und Intimität, die den kamera- und flirtgeilen Kandidaten abging, fing dieses Gesäusel ein, das am Ende jeder Fragerunde zusammenfasste, wie die Kandidaten sich geschlagen hatten. Und dabei war es so schmeichelnd und guttural, dass allein die Erinnerung daran für Gänsehaut und einen 0190er-Nummer-Vertrag ausreicht.

"Mein neuer Freund"

"So liebe Ilka, wer soll denn nun dein Herzblatt sein?", wird es in der neuen Show auf jeden Fall nicht mehr zu hören geben, stattdessen eine Abrechnung, die wohl eher an MTVs "Parental Control" oder auch "Date my Mom" erinnern dürfte, wo Eltern beziehungsweise Mütter potentielle Begleiter ihrer Sprösslinge, die sie offenbar unbedingt los werden wollen, unter die Lupe nehmen, um endlich auch mal ins Fernsehen zu kommen. Jeweils ein bis zehn Punkte für "Aussehen, Sympathie und Spaßfaktor" werden von den Kupplern in der neuen ARD-Show vergeben. Und mit Hilfe dieser Punktekarten soll Ilka dann am Ende ihren Nicht-"Turnbeutelvergesser" finden. Da sind die Liebesuchenden wahrscheinlich ähnlich entspannt wie Eisbären, die im Zoo endlich neue Knuts produzieren sollen.

Aber man soll den Morgen nicht vor dem Abend verfluchen. Der Auftakt am Dienstagabend wird zeigen, ob das Flirtcasting als Reality-Show noch schlechter sein kann, als die soeben versandete Vorgängersendung von Bruce Darnell, die von "Ich weiß, wer gut für dich ist" abgelöst wird. Ansonsten gibt es ja Christian Ulmens Extrem-Dating-Show "Mein neuer Freund" auf DVD. Und das ist sogar besser als schlammcatchende Mütter, die auf Brad Pitt warten.

"Ich weiß, wer gut für dich ist": 42 Folgen, jeweils dienstags bis freitags, 18:55 Uhr


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