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BBC-Serie "Life on Mars": Der Herr Inspektor aus der Zukunft

So sehen Polizeiserien sonst nicht aus: In "Life on Mars" wacht ein Polizist nach einem Unfall in den 70er Jahren wieder auf und muss sich dort mit brutalen Kollegen und steinzeitlichen Ermittlungsmethoden herumschlagen. Schade, dass Kabel 1 die Schere angesetzt hat.

Von Peer Schader

Autobahnzubringer, die schon immer da waren, verschwinden nicht so einfach. Wo sollen die denn auch hin? Also wundert sich Sam Tyler schon ein bisschen, wo zum Teufel er gelandet ist, als er das Bewusstsein wiedererlangt: auf einem Fabrikgelände im Matsch. Der Highway, neben dem er seinen Dienstwagen geparkt hat, bevor er ausstieg und über den Haufen gefahren wurde, ist jedenfalls nicht mehr da - nur noch ein Bild davon auf einem großen Schild, das den Schnellstraßenbau für die nächsten Monate ankündigt.

Im Hintergrund läuft immer noch derselbe Song von David Bowie, doch der Wagen hat sich in eine Rostlaube verwandelt und die Polizeistation, in die der Detective Inspector irritiert zurückkehrt, ist ein düsteres Verlies, in dem man vor lauter Schreibmaschinengeklapper das eigene Wort nicht versteht, und in dem die Luft zu dreißig Prozent aus Nikotin besteht, weil alle Mitarbeiter rauchen wie die Schlote. So war das nun mal - im Jahr 1973.

Zeitreise im Unterbewusstsein

Zugegeben: Es ist schon eine komische Geschichte, die in der BBC-Serie "Life on Mars" erzählt wird. Ein Polizist aus der Gegenwart wird in einen Unfall verwickelt und wacht 33 Jahre früher wieder auf, geht dort ganz normal zur Arbeit, nur sind die Kollegen unfreundlicher, die vertraute Umgebung ist weg, und die Ermittlungsmethoden eine Katastrophe.

Sam alias John Simm (aus dem "Trainspotting"-Klon "Human Traffic") weiß nicht: Ist er wirklich zurück in der Zeit gereist - oder spielt ihm sein Unterbewusstsein einen Streich, und er liegt in Wirklichkeit bewusstlos in einem Krankenhaus? In jeder der acht Folgen gibt es Hinweise, die genau darauf deuten: Der Mann im Fernseher spricht plötzlich mit Sam wie ein Arzt. Aus dem Off redet ihm seine Mutter gut zu, so als säße sie an seinem Krankenbett und wache über ihren Sohn. Nur kann der nicht aufwachen.

Was ist bloß Cola Light?

Stattdessen muss er sich in einer Zeit zurechtfinden, zu der er eigentlich erst vier Jahre alt war. "Ich werde so lange laufen, bis mir keine Gesichter und Straßen mehr einfallen", sagt er zu seiner Kollegin Annie, der einzigen Person, der er sich wirklich anvertraut. Aber weglaufen bringt nichts. Sam bleibt nichts anderes übrig als sich mit der Situation anzufreunden.

Computer gibt es im Jahr 1973 keine (Farben offenbar auch nicht), die Frau an der Auskunft hält die Mobilfunknummer, die Sam anrufen will, für eine Nummer im Ausland, und als er im Pub Cola Light bestellt, wird er bloß komisch angeschaut. Doch die größte Konfrontation mit der Vergangenheit ist Sams Vorgesetzter Gene Hunt, der sich aufführt, als habe man ihn in einem Western vergessen. "Ich hab schon Unfallopfer gesehen, die sahen fröhlicher aus", sagt er zu dem Neuen.

Hunt, fantastisch gespielt von Philip Glenister, hat seine eigene Art, Fälle zu lösen: meist spielt Gewalt dabei eine entscheidende Rolle. Wenn es sein muss, werden Tatverdächtige unter Druck gesetzt oder zusammengeschlagen. Sam hat eine völlig andere Herangehensweise: Er versucht Vertrauen zu Verdächtigen aufzubauen, um ihnen den entscheidenden Hinweis zu entlocken und stellt genaue Nachforschungen an, wenn die anderen den Fall schon zu den Akten gelegt haben.

Verfolgungsjagden und Traumsequenzen

Die beiden Detectives geraten ständig aneinander - es wird geschimpft, geflucht und gebrüllt. Doch mit der Zeit merken sie, wie effektiv sie arbeiten können, wenn jeder etwas von seiner Erfahrung einbringt: Manchmal hilft es, den Tatort ganz genau anzuschauen und eben nicht darauf zu warten, dass Scotland Yard nach zwei Wochen die Ergebnisse der Fingerabdruck-Prüfung einschickt. Ein andermal ist aber auch Körpereinsatz gefragt.

"Life on Mars" (benannt nach dem Bowie-Song aus der ersten Folge) ist witzig, zugleich hochmoralisch und spannend, ohne dabei ein Abklatsch eines Erfolgsformats aus den USA zu sein. Spannende Mordfälle mischen sich mit rasanten Verfolgungsjagden und surrealen Traumsequenzen. Der BBC ist ein Serienglanzstück gelungen, wie es in Deutschland selten zu sehen war. Im vergangenen Jahr wurde die Reihe mit einem International Emmy Award ausgezeichnet worden.

Es steht außer Frage, dass man Kabel 1 dazu beglückwünschen muss, sich die Rechte dafür gesichert zu haben - aber warum sie nun samstagabends um 20.15 Uhr direkt gegen "Deutschland sucht den Superstar" läuft, ist einem schon ein Rätsel.

Der Jamaikaner spricht astrein Deutsch

Auch bei der Synchronisation musste es schnell gehen. Es ist immer schwer, die Atmosphäre des Originals zu transportieren, wenn man es in eine andere Sprache übertragen muss. Bei "Life on Mars" fällt das besonders auf. Jegliche Spuren des harten Manchester-Dialekts, in dem Hunt und Sam sich gegenseitig anbellen, sind getilgt, dabei ist auch die Aggression, die Glenister seinem Inspector Detective in den Ausdruck legt, verloren gegangen und der jamaikanische Barkeeper im Pub spricht astreines Deutsch.

Viel schlimmer ist aber, dass Kabel 1 in der ersten Folge einfach mal zehn Minuten weggeschnitten hat - vermutlich, damit "Life on Mars" im Doppelpack inklusive Werbezeit nicht bis in den späten Abend laufen müssen.

Dabei sind der Schere keine besonders brutalen Bilder zum Opfer gefallen - sondern ausgerechnet eine der Schlüsselszenen im Büro, in der Sam mit Hilfe von Annie bei der Jagd nach dem Mörder einen entscheidenden Schritt weiterkommt, und Annie sich von ihren männlichen Kollegen jede Menge sexistische Sprüche anhören muss, was die Atmosphäre in der Polizeistation wesentlich charakterisiert. Schade drum. Wer "Life on Mars" wirklich genießen will, muss also doch zur DVD greifen.

"Life on Mars", samstags um 20.15 Uhr bei Kabel 1.

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