HOME

Cannes 2006: Ein Festival zum Heulen

Die Erwartungen vor dem 59. Filmfestival in Cannes waren groß. Doch konnten Wegwerf-Ware und Tennie-Gekicher Kritiker und Zuschauer überzeugen? Eine Bilanz.

Von Matthias Schmidt, Cannes

Cannes, Ausgabe 59 - Ein Festival zum Heulen? Der englische Schauspieler Tim Roth bei der abschließenden Pressekonferenz der Jury: "Normalerweise schießen sie mir beim Drehen irgendeinen Scheiß in die Augen und ich weine. Hier habe ich in den letzten zwölf Tagen entdeckt, dass ich eine echte Heulsuse bin." Dass dem sonst so coolen Tim die Tränen in die Augen stiegen, lag weder an der Sonnencreme noch am Blitzlicht-Feuer der Paparazzi. Sondern allein an den Wettbewerbsbeiträgen. So viele bewegende Filme. So viele Meisterwerke. Jury-Kollege Samuel L. Jackson: "Sie haben einen Platz in unseren Herzen gefunden." Und auch Jury-Präsident Wong Kar Wai und seine Mitstreiter Monica Bellucci oder Helena Bonham Carter ließen sich bewegen und waren am Ende untröstlich: "Wir hatten einfach nicht genug Preise, um alle Filme auszuzeichnen, die uns gefielen. Das tut uns sehr leid."

Nicht genug Preise? Außergewöhnliche Auswahl bewegender Filme? Für die wenigen Filmjournalisten, die bis zum allerletzten Tag des Festivals ausharrten, klang das fast wie Hohn. Hatten Sie nicht die vergangenen Tage eifrig damit verbracht, Verrisse zu verfassen, über das Filmangebot zu meckern und den Festival-Machern Inkompetenz vorzuwerfen? Cannes war dieses Jahr eher ein "Zen-Festival", resümierte beispielsweise das Branchenblatt "Hollywood Reporter": Kaum Überraschungen, keine brandheißen Titel, gedämpfte Einkaufsstimmung im "Marché du Film", wo die Händler sonst bienenfleißig um internationale Vertriebsrechte schachern. Es fehlte der große Aufreger, der "Wow-Faktor", fand auch das Fachmagazin "Screen International" und die amerikanischen Kollegen von "Variety" urteilten über Cannes 2006: "Ruhig und entspannt". Nicht gerade ein Lob für das sonst so hektische Treiben entlang der Croisette.

Überdosis Kostüme und Teenie-Gekicher

Apropos Amerika: Die globalen Kino-Dominatoren hatten dieses Jahr wirklich wenig zu Lachen. Der Eröffnungsfilm "Da Vinci Code" wurde herzlich niedergeschrieben. "X-Men III" und der Trickfilm "Ab durch die Hecke" wurden als Dutzendware durchgewinkt. Und den Wettbewerbsbeiträgen erging es kaum besser. "Fast Food Nation", die Verfilmung des Ernährungs-Bestsellers durch den Regie-Alleskönner Richard Linklater: Mehr ein Pamphlet als ein Film. Ausgebeutete Mexikaner, gelangweilte Jugendliche, die auf Öko-Aktivisten machen und gewissenlose Fleischhändler machen eben noch lange kein spannendes, politisch engagiertes Kino. Der Science Fiction-Krimi "Southland Tales", heiß ersehnter Nachfolger vom Regisseur des Fantasy-Hits "Donnie Darko": Überambitioniert, überlang und an der Grenze zur Persiflage. Was wir immerhin gelernt haben: Beim Ende der Welt spielen ein Eiscreme-Laster, Ausdruckstanz und ein Song von Moby eine ganz entscheidende Rolle. Schließlich "Marie Antoinette": Die Teil-Biographie der umstrittenen französischen Königin, die am Ende ihrer Regentschaft etwas kopflos agierte. Nach "Lost in Translation" der nächste Geniestreich der hochbegabten Coppola-Sippe? Leider nein. Dafür eine Überdosis pittoreskes Kostümrauschen und Teenie-Gekicher. Amüsant, aber belanglos. Ein Film wie ein großes Stück Erdbeertorte. Mit Sahne.

Gewinnen musste am Ende natürlich doch irgendwer. Und der hieß dieses Jahr Ken Loach. Ein alter Hase, der sich in "The Wind That Shakes The Barley" dem irischen Bürgerkrieg widmet. Gewohnt souverän, gut gespielt (u.a. Cillian Murphy), aber bei weitem nicht der beste Film in der langen Karriere von Loach. Der Jury war das trotzdem die Goldene Palme wert. Eine einstimmige Entscheidung, die die Kritiker eher mit Stirnrunzeln quittierten. Dabei wurden auch die Journalisten-Favoriten "Volver" von Pedro Almodovar und "Babel" von Alejandro González Iñárritu gut bedient. Der Spanier Almodovar durfte sich über den Drehbuch-Preis freuen, sein sechsköpfiges Frauen Ensemble inklusive Penélope Cruz über die Schauspielerinnen-Palme. Der Mexikaner Iñárritu über den Regie-Preis. Wobei für beide ebenso gilt: Sie haben schon bessere Filme gedreht. So erinnert "Volver", in dem ein schreckliches Familiengeheimnis enthüllt wird, nur müde an die frühen Frauen-Selbstfindungsfilme von Almodovar. Und nach dem erstaunlichen "Amores Perros" und dem mäßigen "21 Gramm" hat man sich an der multiperspektivischen Erzählweise Iñárritus trotz Auftritten von Brad Pitt und Cate Blanchett schon ein wenig satt gesehen.

Aber Schluss jetzt mit dem Rumgeheule. Wir kommen nächstes Jahr trotzdem wieder. Und singen ein Ständchen auf den 60. Geburtstag des Festivals. Mit Freudentränen in den Augen.