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Der Moderatorencheck: Stahnke-Double in der ARD

Ein unbemerkter Neustart beim ARD-Magazin "Kontraste". Silke Böschen hat zum ersten Mal moderiert. Möglicherweise haben viele Zuschauer gar nicht bemerkt, dass da ein neues Gesicht zu sehen war. Man setzt offensichtlich auf Kontinuität.

Von Michael Rossié

Moderatoren von Magazinen, speziell von politischen Magazinen, müssen keine Entertainerqualitäten haben. Im Gegenteil: Wir erwarten jemanden, der glaubwürdig vermittelt, am Zustandekommen der Beiträge beteiligt gewesen zu sein und der versteht, wovon er da redet. Alles übrige verzeihen wir ihm, weil wir nichts anderes gewohnt sind.

Mit Dialektfehlern zum Beispiel nehmen wir es auch bei Frau Böschen nicht so genau. Es darf "die Umfragewärrte" oder "schwärrwiegend" oder "stömmt" sein. Warum aber kaum ein Moderator wenigstens den Versuch unternimmt, so vom Teleprompter abzulesen, dass er nicht bei jeder privaten Diskussion rausgeschmissen würde, wird mir immer unverständlich bleiben. Bis auf jemanden wie Carmen Miosga, die zeigt, wie es geht, wirkt es so, als habe die Moderatorin keine Lust, sich mit etwas so Nebensächlichem wie dem sinnvollen Vorlesen zu beschäftigen.

Da werden immer bei wichtigen Wörtern die Augenbrauen nach oben gerissen ("besonders oft"), ganz viele Worte oberwichtig betont ("dringend" oder "ganz viele") und einzelne Worte wie "diese" oder "sofort" mit angelernten Bewegungen illustriert. Jedes Satzzeichen wird mitgelesen wie im Leseunterricht des 10. Schuljahres. Stellen Sie sich vor, Sie sagten zu Ihrem Partner: "Ich weiß nicht - wie es DIR geht." Wir würden zumindest ein Stirnrunzeln ernten.

Man hört förmlich die Zeilen des schlecht eingestellten Teleprompters

Und bei dem Satz "Sollten diese Killerspiele - die auch der Amokläufer - so oft gespielt hat - verboten werden..." hören wir förmlich die Zeilen des schlecht eingestellten Teleprompters. Frei sprechen würde so niemand. Aber nicht nur Kommas werden vorgelesen. Auch Pausen mitten im Satz ("Ein Deutscher - war auch dabei.") werden willkürlich in die Gedanken gesetzt und erschweren das Verständnis. Außerdem besitzt das Wort "damit" auf Moderatoren eine derartige Anziehungskraft, dass es vor allem zu Beginn des Satzes immer betont wird, und zwar richtig mit einem Paukenschlag.

Beim letzten Satz vor dem Beitrag und beim "Auf Wiedersehen" am Schluss schließt Frau Böschen dann jeweils einen Moment die Augen, als wollten sie sagen: Schauen Sie sich das ruhig an, das ist ganz wichtig für Ihr weiteres Leben.

Moderation entfernt sich von Alltagssprache

Es hat sich so etwas wie ein eigener Stil entwickelt, bei dem der eine Moderator so viel vom anderen abguckt, dass man kaum unterscheiden kann, wer da gerade vorliest, und das auch inhaltlich. Da "steht was auf der Tagesordnung", "Vorwürfe stehen im Raum" und "Fälle tauchen auf". Zu Beginn des Beitrages wird gesagt, wer "eine Geschichte erzählt" oder "jemanden getroffen hat". Das klingt nach Dutzenden von Magazinen am Tag über viele Jahre ein bisschen abgenutzt. Genau wie das "Danke für Ihre Aufmerksamkeit" am Ende der Sendung. Moderation entfernt sich von unserer täglichen Kommunikation, und genau damit sollte sie aber verglichen werden. Auch ein Moderator kommt zu Besuch.

Silke Böschen macht ihre Sache nicht besser und nicht schlechter als die anderen. Mit einer blonden Mähne, die von jeder Menge Haarspray an der Bewegung gehindert wird, schaut uns eine attraktive Blondine an, die all das macht, was viele andere Kollegen auch machen.

Die Chefredakteurin wollte für die Sendung "ein wiedererkennbares Gesicht" haben. Gerade wenn die Sendung "Kontraste" heißt, einen eigenen Stil sollte Frau Böschen aber noch entwickeln. Nächste Möglichkeit bietet sich am 7. Dezember um 21.45 Uhr in der ARD.

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