Mit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 erklärten die Gründerväter das Recht auf "Life, Liberty, and the Pursuit of Happiness ", also auf "Leben, Freiheit und das Streben nach Glück". Doch wie weit klafften bereits vor 250 Jahren Ideal und Wirklichkeit auseinander? Auch heute sehen sich viele noch immer benachteiligt, die Nachkommen von Ureinwohnern ebenso wie die Nachfahren schwarzer Sklaven. – In ihrem Dreiteiler "Amerika – Traum und Wirklichkeit" (jeweils 45 Minuten, am 9. und 10. Juni, um 20.15 sowie um 01.15 Uhr, und in der Mediathek) setzen sich die Dokumentaristen Jens Strohschnieder und Jan Tenhaven auf ihrer US-Reise mit der Frage auseinander, wie es um den Traum von Gleichheit, Recht und Freiheit heute steht.
Wie aktuell die kurz vor dem Start der WM gesendete Doku ausgerichtet ist, zu der die Autoren mehrere Wochen die Staaten bereisten, zeigt vor allem der Teil, in dem es um die Freiheit des Einzelnen geht. Noch immer kämpfen People of Colour um ihren Platz in der Gesellschaft, so fanden sie heraus. Noch immer hat sich der Traum der Gleichhalt nicht erfüllt. Weil darüber hinaus gegenwärtig die Freiheitsrechte immer mehr eingeschränkt werden, spaltet sich zunehmend die Gesellschaft.
Zwar gebe es Erfolgsgeschichten wie die der jüdischen Iranerin Sheila Nazarian, die als Schönheitschirurgin und Influencerin ihren amerikanischen Traum unter Donald Trump verwirklicht hat. Doch Joycelyn "Joy" Davis, einer Nachfahrin von Sklaven, die in Ketten ins Land gebracht wurden, ist der unrühmliche Teil der US Geschichte noch immer viel näher als gemeinhin gedacht. Auch Celestine Stadnick, die zur indigenen Minderheit der Lakota gehört und im Pine‑Ridge‑Reservat in South Dakota, einer der ärmsten amerikanischen Gegenden, lebt, geht die weitgehend verdrängte Historie ihrer Vorfahren nahe. Sie nimmt das Filmteam mit zum Wounded Knee, wo man 1890 ihre Vorfahren massakrierte.
Amerika müsse zurück zu seinen Wurzeln, behauptet wiederum Eric Orwoll, der in Arkansas eine Siedlung gegründet hat, die weißen, christlichen und heterosexuellen Amerikanern vorbehalten bleiben soll. – "Die Idee, Amerika gehöre einer weißen Mehrheit, zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte – sie verschwindet nie ganz, sondern taucht in neuen Formen wieder auf", sagt hierzu die Politikwissenschaftlerin Sudha David-Wilp. War die Nation der Einwanderer also immer zugleich eine Nation der Ausgrenzung? – Das fragt der zweite Teil der Doku, in dem es um eine erneute "Spaltung" geht.
Waren wirklich alle gemeint?
Was bedeuten die einleitenden Worte der Unabhängigkeitserklärung: "We the People"? Waren damit wirklich alle gemeint? Eine Demonstrantin, die am 6. Januar 2021 das Kapitol mit erstürmte, bereut heute diese Tat. Doch was trieb sie an? – In Portland kämpfen Demonstranten gegen die Einwanderungsbehörde ICE, ihre Gegner sehen in ihnen jedoch Terroristen, die Amerika zerstören wollen. Wie kann man diese Unversöhnlichkeit je wieder heilen?
Der ehemalige Blackrock-Manager Morris Pearl wiederum glaubt, dass Amerika "nicht nur mit gesellschaftspolitischer Spaltung" zu kämpfen haben, "sondern auch mit den ökonomischen Gräben zwischen Arm und Reich". Nicht zuletzt ist es auch um die Außenpolitik nicht gut bestellt. Es gehe ihr weniger um Sicherheit als um reine Dominanz. Im Inneren werde "Macht" (Teil drei) vor allem aus dem Silicon Valley heraus ausgeübt. Dort säßen "die neuen Generäle".
Die Dreharbeiten gestalteten sich oft schwierig, so die Autoren, insbesondere bei den Vorbereitungen hätten viele Interviewpartner Angst gehabt. Vor Ost sei es deutlich einfacher gewesen, sagt Tenhaven. "Dann war da oft wieder diese berühmte amerikanische Offenheit – auf allen Seiten des politischen Spektrums." Manchmal hatte er sogar den Eindruck, die Menschen waren froh, wenn sie ihre vielfältigen persönlichen Geschichten erzählen konnten. "In ihrer polarisierten Gesellschaft wird ansonsten viel geschrien, aber wenig einander zugehört."
Was hat die Autoren am meisten fasziniert? – "Die Herzlichkeit der Menschen im Alltag, die Weite der Landschaft, die Macher-Mentalität und der in unseren Augen fast schon surreal anmutende, unerschütterliche Optimismus", antwortet Tenhaven in einem Pressedosier. Auch heute betonten selbst Migranten oder Sklavennachfahren immer wieder, dass es auch "viele positive Entwicklungen" gebe – und dass sie überzeugt seien, dass "am Ende alles besser" werde.
Amerika – Traum und Wirklichkeit (1) – Di. 09.06. – ZDF: 20.15 Uhr