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"DSDS": Die Suche nach dem Sonderling

Rock vs. Soul - Tobias vs. Mike: Im Finale von "Deutschland sucht den Superstar" stehen an diesem Wochenende zwei Kandidaten mit Ecken und Kanten. Und eines ist jetzt schon klar: Der Sieger wird kein "normaler" Popstar sein.

Von Frauke Hansen

Am Ende wird es heißen: "Ein Sonderling hat gewonnen". Kein aalglatter Schwiegersohn, kein perfekter Tennie-Traum, kein blasser Popstar. Wenn an diesem Samstag die RTL-Suche nach dem nächsten deutschen "Superstar" ein Ende hat, wird ein Gewinner mit Ecken und Kanten im Licht der Öffentlichkeit stehen und den Angriff auf die Chart-Spitze starten.

"Schmusekater oder Lederrocker", fragt die "Bild"-Zeitung: Die Finalisten bei der dritten "Deutschland sucht den Superstar"-Staffel könnten unterschiedlicher nicht sein. Da ist auf der einen Seite Mike Leon Grosch, ehemaliger Handy-Verkäufer mit spanisch-koreanischen Wurzeln und permanent verträumtem Dackelblick. Der 29-Jährige ist laut Dieter Bohlen fast schon zu alt für die - vor allem bei Teenagern beliebte - "DSDS"-Welt. Auch optisch ist Mike ein Anti-Typ - die durch Akne malträtierte Haut kann selbst die beste Maskenbildnerin nicht überschminken. In einer Welt, die so angestrengt auf Image und Äußerlichkeiten aus ist, sticht Mike durchaus positiv hervor. Früher habe er sich hässlich gefunden, hätte kein Selbstbewusstsein gehabt, sagt er. Ein Konzert von Soul-Sänger Seal sei der Wendepunkt gewesen: Er habe erkannt, dass ein äußerlicher Makel kein Hinderungsgrund sei, erfolgreich zu sein. Soul - das ist die Musikrichtung, die für Mike wie geschaffen scheint. Seine ungewöhnlich rauchige Stimme ist für seichte Pop-Nummern viel zu schade und machte ihn nicht nur bei Dieter Bohlen zum haushohen Favoriten. Auch die Mehrheit der allwöchentlich rund sechs Millionen Zuschauer rief für Mike an. Ein Anti-Fan-Typ ist der Mann mit der Drachenfrisur also nicht.

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Romatik trifft Rationalität

Romantik liegt dem ehemaligen Hochzeitssänger im Blut. Auch in der Show machte Mike aus seiner Liebe zu Mitkandidatin Vanessa keinen Hehl und erfüllte so den Wunsch der Zuschauer nach zärtlichen Gefühlen. Beim tränenreichen Halbfinale erlebte die öffentliche Liebelei einen ersten - ziemlich schmalzigen - Höhepunkt, als Mike Vanessa seine Liebe gestand und ihr ein stimmlich hervorragendes "You are so beautiful" hauchte. Doch im Finale wird es kein "Liebes-Duell" geben, Vanessa flog eine Show vor dem Finale aus dem Rennen. Ein Anderer wird gegen Mike Leon antreten. Für diesen Anderen schien es vor seinem Einzug ins Finale schwer zu sein, gegen ein Liebespaar anzutreten. Hochtrabende Emotionen treffen dort auf kühle Erdigkeit.

Denn Gefühle zeigen ist nicht seine Sache, anders als Mike bevorzugt Tobias Regner die lauten und harten Töne: Der 23-Jährige mit langjähriger klassischer Musikausbildung ist Rocker durch und durch. Seine Liebe gilt dem Heavy Metal, das sieht man nicht nur an seiner Songauswahl in der Show, sondern auch an seiner Mimik. Das buchstäbliche Zähnezeigen ist Tobias' Metier. Bei jedem Auftritt zeigt der "blonde Bayern-Rocker" den berühmten "Metaler-Gruß", bildet mit seinen Fingern das Teufelszeichen - und vertraute zumindest zu Beginn der Staffel darauf, dass diese Gesten ausreichen würden. Nach einigen Shows entdeckte aber auch der bodenständige Kommunikationsdesigner die Eitelkeit: Mittlerweile geht Tobias nicht mehr auf die Bühne, ohne sich vorher von zwei Hairstylistinnen seine wilden Naturlocken glätten zu lassen - so verlor Tobias eine seiner sympathischen Besonderheiten. Prompt verleitete das Jury-Mitglied Dieter Bohlen zu einer tiefen Beleidigung: "Du verkommst ja langsam zu einem zweiten Alexander".

Sonderling sein - Fluch oder Segen

Alexander Klaws, Sieger der ersten Staffel, versucht zurzeit angestrengt, sich vom Schwiegermutter-Traum-Image zu befreien. Der Teenie-Schwarm hat ein durchweg rockigeres Album aufgenommen, doch so ganz ist der Wandel zum ernsthaften Musiker noch nicht geglückt. Beim Interview mit einer hibbeligen Moderatorin beim Musiksender VIVA gilt die erste Frage - seiner Frisur. Auch das weitere Interesse scheint mehr seinem Liebesleben als seiner musikalischen Entwicklung zu gelten. Das aalglatte Erscheinungsbild will nicht so an Profil gewinnen, Alexander bleibt austauschbar.

Ein Sonderling zu sein - dass kann Fluch oder Segen bedeuten. Die Plattenindustrie hat viele Beispiele hervorgebracht, die zeigen, dass nicht stromlienenförmig zu sein Erfolg bringen kann. Mikes Vorbild Seal ist nur ein Beispiel dafür. Doch darf die Zielgruppe von "DSDS" bei derartigen Überlegungen nicht aus den Augen gelassen werden. Der Altersdurchschnitt der "Superstar"-Anhänger ist niedrig, Teenager sind die bevorzugte Zielgruppe der Macher. Und Teenager brauchen und wollen Sänger, mit denen sie sich identifizieren können - siehe die Chart-Stürmer Tokio Hotel, die selbst nicht viel älter als ihre Fans sind. Ob ein fast 30-Jähriger oder ein harter Rocker dazu imstande sind? Immerhin: Die Chance dazu ist da, nicht ohne Grund haben Mike und Tobias so viele Zuschauen animieren können, für sie anzurufen.

Blasse 3. "DSDS"-Staffel

Das Sonderling zu sein auch nach hinten losgehen kann, zeigt ein Beispiel aus den eigenen "DSDS"-Reihen. Elli, die Gewinnerin der zweiten Staffel, die durch ihre ungewöhnlich roten Haaren und ihre Liebe zu Frauen von sich reden machte, verweigerte sich der Hit-Maschinerie Dieter Bohlen und wollte lieber eigene Wege gehen. Der Erfolg blieb aus. Elli arbeitet heute wieder als Lehrerin. Als Lehrerin mit "Superstar"-Titel. Und auch der Dritte der ersten Staffel, "Froschstimme" Daniel Küblböck, machte heute mehr Schlagzeilen durch seinen Gurkenlaster-Unfall und wird mild belächelt oder gleich ganz ignoriert.

Trotzdem haben sich rund 14.000 Bewerber von diesen Beispielen nicht abschrecken lassen und sich der neu formierten Jury um RTL-Quotengarant Dieter Bohlen gestellt. Nach den schwächelnden Quoten der zweiten Staffel wurde das Konzept der Show überarbeitet. Die neuen Jury-Mitglieder und das neue Moderatoren-Duo blieben allerdings blass und auch auf große Skandale wartete man vergebens. Der größte Aufreger schien noch das Geständnis von Fahrlehrer Didi Knoblauch zu sein, er sei eigentlich ein Mädchen und warte sehnlichst auf eine Geschlechtsumwandlung. Die Vorwürfe von Italo-Kandidat Nevio, RTL würde die Abstimmungsergebnisse manipulieren, liefen trotz einer groß aufgefahrenen "Bild"-Kampagne auf Sparflamme.

Die Karriere: "Sonderbar" oder "besonders"?

Zu Recht alle großen und kleinen Skandälchen überlebt haben Mike und Tobias. In der Finalsendung werden die zwei Kandidaten mit der durchweg besten gesanglichen Leistung drei Lieder darzubieten. Erstmals wird der Individualität Tribut gezollt. Während in den ersten beiden Staffeln die Finalisten denselben Song performten, haben die "DSDS 3"-Kandidaten nun die Chance, mit einem extra auf sie zugeschnittenem Lied zu zeigen, was sie können. Ein Zugeständnis an ihre "Besonderheit"?

Rock oder Soul, Tobias oder Mike? Wenn am Samstag gegen Mitternacht der Gewinner feststeht, ist es an ihm, zu definieren, ob seine folgende Karriere "sonderbar" oder "besonders" verlaufen wird. Wie auch immer, der dritte deutsche "Superstar" wird (hoffentlich) immer etwas Besonderes bleiben - Normalos hat die Musikbrache genug.