"Die geschützten Männer"
Eine bessere Welt im Matriarchat?

  • von Susanne Bald
Anfangs sind Anita Martinelli (Britta Hammelstein, links vorne) und Sarah Bedford (Mavie Hörbiger, rechts) noch feministische Freundinnen mit denselben Zielen. Doch kaum an der Macht, entwickelt sich Sarah zunehmend zur Despotin, während Anita an einen echten Wandel glaubt.
Anfangs sind Anita Martinelli (Britta Hammelstein, links vorne) und Sarah Bedford (Mavie Hörbiger, rechts) noch feministische Freundinnen mit denselben Zielen. Doch kaum an der Macht, entwickelt sich Sarah zunehmend zur Despotin, während Anita an einen echten Wandel glaubt.
© Filmgalerie 451/Constantin Campean

Debattieren Sie mit!

  • Mit stern-Account aktiv an allen Debatten teilnehmen und kommentieren.
Jetzt registrieren
Wie sähe das Land aus, wenn Frauen das Zepter übernähmen? Das spielt die Regisseurin Irene von Alberti in einer schrillen Satire, basierend auf dem Roman von Robert Merle, durch. In den Hauptrollen: Britta Hammelstein und Mavie Hörbiger. ARTE zeigt den Film als Free-TV-Premiere.

Wäre die Welt eine bessere, würde sie von Frauen regiert? Diese Frage liegt der so grellen wie schnellen gesellschaftskritischen Filmsatire "Die geschützten Männer" (2024) zugrunde, die am Freitagabend erstmals im Free-TV bei ARTE zu sehen ist. Der Film basiert auf dem Roman "Les Hommes protégés" von Robert Merle aus dem Jahr 1974, der als dystopische Antwort auf die zweite Feminismus-Welle in Frankreich verstanden wird.

Regisseurin und Drehbuchautorin Irene von Alberti verlegte die Handlung ins Berlin der Gegenwart: "Heute muss die Geschichte anders erzählt werden, aus weiblicher Perspektive. Wir sind im Feminismus ja schon weitergekommen. Wir sehen aber auch, dass #MeToo eine nie endende Aktualität besitzt und immer wieder Backlashs drohen, wie momentan in den politischen Entwicklungen", sagte sie 2024 im Interview mit der taz. Vor dem Hintergrund der Debatten über Gewalt gegen Frauen sind ihre Worte und ihr Film heute aktueller denn je.

Anita (Britta Hammelstein) und Sarah (Mavie Hörbiger) wollen bei der anstehenden Wahl mit ihrer Partei FEM in den Bundestag einziehen und einen Systemwechsel herbeiführen. Bei FEM prallen unterschiedlichste Feministinnen-Typen aufeinander, herrlich überzogen und selbstironisch dargestellt, insbesondere von Julika Jenkins als "fanatische Männerhasserin" (Anita) Martha Novak und Bibiana Beglau als sexuell aggressive Pharmaunternehmerin Hilda Helsinki Pfeiffer.

Parallel werden plötzlich immer mehr Männer von einem mysteriösen Virus befallen, der sie in einen erregten Zustand versetzt und schließlich dahinrafft. Auch den Kanzler (Godehard Giese) erwischt es. Kurzerhand macht Sarah sich selbst zur Interimskanzlerin und Anita zu ihrer Innenministerin einer Übergangsregierung. Anitas Mann, der Virologe Ralph (Yousef Sweid), wird mit einem Forscherteam auf ein isoliertes Militärgelände verfrachtet. Sie sollen einen Impfstoff entwickeln. Gleichzeitig verhängt Sarah Ausgangssperren für alle Männer. Erinnerungen an die Coronapandemie werden wach, auch bei den Zusehenden.

Isolation oder Kastration

"Dass die Männer angezählt sind, ergibt doch wunderbare Möglichkeiten für uns Frauen, oder?", freut sich Sarah diabolisch. Mildred Hoffmann (Michaela Caspar), die moralische Instanz der Feministinnen, kritisiert ihr Verhalten als populistisch. Die bloße Umkehr der Machtverhältnisse sei kein Fortschritt. – "Jetzt lass uns doch mal ein paar Tage den Spaß", wiegelt Anita ab.

Allerdings zeigt der Film nun, was passieren kann, wenn Menschen zu viel Macht bekommen. Sarah entwickelt sich rasant von der idealistischen Feministin zur selbstherrlichen Despotin: "Schon geil, wenn man jemanden in seiner Gewalt hat!" Die Männer haben die Wahl: Isolation oder Kastration. Oder soll man sie gleich ganz abschaffen?

Irene von Alberti inszeniert das Geschehen in grellen Farben, schrillen Kostümen (Aino Laberenz) und trashigen Motiven im Camp-Stil. Die Umkehr der Rollen – Männer demonstrieren gegen toxische Weiblichkeit oder werden Opfer sexueller Übergriffe und der Täter-Opfer-Umkehr – wird bewusst überhöht und plakativ dargestellt.

Wäre ein Matriarchat denn nun besser als das Patriarchat? Regisseurin Alberti erklärt im taz-Gespräch: "Im Grunde heißt Matriarchat bereits im Wortstamm, dass damit die Unterdrückung der anderen Seite mit inbegriffen ist. Feminismus heißt für mich, niemanden zu unterdrücken, also die Machtdynamiken aufzulösen. Über eine Geschlechtergerechtigkeit nachzudenken, finde ich wichtig, was ich in den Film übertragen habe. Der Film endet mit vielen Fragezeichen und gibt keine fertigen Antworten vor."

"Die geschützten Männer" – Fr. 01.05. – ARTE: 20.15 Uhr

TELESCHAU

PRODUKTE & TIPPS