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Elke Heidenreich: Geschämt, gespottet, gefeuert

Das erste Opfer der Fernseh-Qualitätsdebatte ist ausgerechnet eine Kultursendung: Anstatt über der Kritik zu stehen, entledigte sich das ZDF seiner Moderatorin Elke Heidenreich und ihrer Literatursendung. Am Ende steht jedoch nicht Heidenreich als Verliererin da - sondern das Fernsehen selbst. Ein Kommentar von Katharina Miklis.

"Von mir aus schmeißt mich jetzt raus, ich bin des Kampfes eh müde," sagte Elke Heidenreich und das ZDF reagierte: Mit sofortiger Wirkung hat sich der Mainzer Sender von der Moderatorin und ihrer Sendung "Lesen!" getrennt. Es war die Reaktion des Senders auf Heidenreichs Verbalattacke in der "FAZ" nach dem Deutschen Fernsehpreis. Vielleicht war es nicht die feine Art mit Begriffen wie "hirnlose Scheiße" um sich zu werfen. Aber es zeigte, dass Elke Heidenreich noch etwas hatte, was viele schon verloren hatten: die Hoffnung in die Öffentlich-Rechtlichen. Hoffnung, dass man einen Sender wie das ZDF mit solch offenen Worten aufrütteln kann. Sie hat sich geirrt. Das ZDF, das sich jahrelang mit der aufmüpfigen Aushänge-Kritikerin schmückte, zeigt jetzt, dass es mit einer Art von Kritik gar nicht umgehen kann - mit der an sich selbst.

Die kleine Elke auf dem Spielplatz der Medienkritik

Das ZDF schmollt. Kritik ja, gegen die Verwahrlosung der Kultur, gegen alles und jeden, aber bitteschön nicht gegen den Sender. Die kleine Elke hat auf dem Spielplatz der Medienkritik mit Sand um sich geworfen - und jetzt nimmt ihr das ZDF trotzig die Schippe weg. Die Qualitätsdebatte, um die es doch eigentlich ging, geht völlig unter im Geplärre beleidigter Programmdirektoren. Ob es von Elke Heidenreich richtig war, zu sagen, sie schäme sich für ihren Sender, darüber kann man sich streiten. Vielleicht sogar darüber, ob das Fernsehen von heute "arm, verblödet, kulturlos, und lächerlich" ist.

Unbestreitbar ist jedoch die Tatsache, dass Heidenreich in den sechs Jahren, in denen sie mit "Lesen!" für die Popularisierung der Literatur gekämpft hat, Wichtiges geleistet hat. Wie Reich-Ranicki zuvor mit seinem "Literarischen Quartett" hat sie versucht, Menschen für die Literatur zu begeistern. Dass das ZDF sich jetzt der Person entledigt, die dafür stand, was Reich-Ranicki so inbrünstig in seiner Wutrede gefordert hatte, damit stellt sich das ZDF nun selbst ein Armutszeugnis aus.

Geistige Wende der Öffentlich-Rechtlichen? Von wegen!

Marcel Reich-Ranicki, der beim Deutschen Fernsehpreis vor allem den "Blödsinn" der Privaten kritisierte, bekommt gönnerhaft eine halbe Stunde vom ZDF spendiert, um das schlechte Gewissen einer ganzen Branche zu beruhigen. Inszenierung der Eitelkeiten. Aber Heidenreich, die direkte Kritik am ZDF übt, gerade weil man von dem Sender gegenüber den Privaten mehr Anspruch erwartet, wird rausgeschmissen. Geistige Wende der Öffentlich-Rechtlichen? Von wegen. So rettet man nicht die Kultur. So macht man sich darüber lächerlich.

Wer jetzt anfängt, Elke Heidenreich vorzuwerfen, sie würde nur im Windschatten des alten Mannes auf dem Meer der Fernsehschelte dahinschippern, der irrt. Seit Jahren regt sich Elke Heidenreich mit ihrer eloquenten wie schnoddrigen Art über die schlechte Platzierung von Kultur im Fernsehen auf. Und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Schon seit einem halben Jahr steht auf den Onlineseiten des ZDF ein Videointerview, in dem Heidenreich schimpft: "Die Sender beachten die Kultur viel zu wenig. Die Kultur wird immer noch in die Nachtstunden geschoben, wo die Intellektuellen sitzen, die es eh wissen." Damit kritisierte sie direkt ihren Arbeitgeber. Schon damals. Auch in einem "Cicero"-Interview machte sie vor einigen Wochen keinen Hehl aus ihrer Aversion gegen die Programmpolitik: "Wenn ich Intendantin wäre, würde ich radikal die Kultur nach vorne ziehen und populärer machen und den Trash nach hinten verbannen. Nach Mitternacht, wenn alle schon besoffen sind, können sie von mir aus das Supermodel suchen. Aber um 20 Uhr reden wir über Oper, über Bücher, über Kultur!"

Verlage kämpfen für Heidenreich

Schon vor der Alibi-Sendung von Ranicki und Gottschalk im ZDF warnte Heidenreich ihren Kollegen: "Tu es nicht. Rede nicht mit den Vertretern der Sender, es bringt nichts. Sie werden es nicht begreifen". Sie sollte recht behalten. Jetzt muss Elke Heidenreich den Mainzer Sender verlassen. Die beiden für dieses Jahr noch geplanten Ausgaben ihrer Sendung "Lesen!" werden nicht mehr produziert. Die eindringliche Bitte der Leiter namhafter Verlage wie Joachim Unseld (Frankfurter Verlagsanstalt), Helge Malchow (Kiepenheuer & Witsch) oder Marcel Hartges (Dumont) an den Sender, die Entscheidung zu überdenken, wies Intendant Markus Schächter zurück. "Die Trennung von Frau Heidenreich ist irreversibel", erklärte er. Trotzdem soll es weiterhin eine Literatursendung im ZDF geben. "An einem Nachfolgekonzept für 2009 wird gearbeitet". "Weight Watchers"-Ratgeber von Andrea Kiewel, Dieter Bohlens Lesestunde, Bushidos Bücher-Bashing... Dem ZDF wäre dieser Tage einiges zuzutrauen.

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