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Erste Folge ohne Ingo Naujoks: Maria Furtwängler ganz allein im "Tatort"

Der erste "Tatort" ohne Mann an der Seite von Charlotte Lindholm - gar nicht so leicht für die sonst so taffe Kommissarin. Ihr Mitbewohner Martin ist einfach verschwunden und im Job wird sie mit der perfekten Mutter konfrontiert.

Charlotte Lindholm hat es nicht leicht - dabei könnte das Leben so einfach sein: Sie ist attraktiv, hat eine ordentliche Karriere vorzuweisen und ist Mutter eines pfiffigen kleinen Sohnes. Doch etwas fehlt in ihrem Leben: Ein Mann, würde Mutter Annemarie sagen - und die "Tatort"- Kommissarin vermutlich zähneknirschend zustimmen. Und jetzt ist auch noch Ersatzmann und Mitbewohner Martin weg - das private Chaos ist perfekt.

Hinzu kommt im nächsten Lindholm-Krimi "Der letzte Patient" (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) ein Fall, der der Kommissarin emotional alles abverlangt - und der Schauspielerin Maria Furtwängler ebenfalls: "Für mich war es sehr spannend, eine derart angefasste Kommissarin zu spielen", sagt sie im Presseheft zum ARD-Krimi.

Denn diese Lindholm ist wütend - wütend auf Martin (bisher gespielt von Ingo Naujoks), der über Nacht die Wohngemeinschaft verlassen hat und damit als Ziehvater und Lebens-Organisator ausfällt; wütend auf Männer, die einen zurückgebliebenen Jungen benutzen und missbrauchen; wütend auf perfekte Mütter und fremdes Familienglück - und damit auch wütend auf sich selbst und die eigenen Unzulänglichkeiten.

Denn ihre Figur der starken und gleichzeitig verletzlichen, der einsamen und zerrissenen, alleinerziehenden Karrierefrau, wird gleich doppelt gespiegelt und kontrapunktiert: Einerseits vom ersten Mordopfer Silke Tannenberg (Cristin König), die mit Genickbruch in ihrer ausgebrannten Arztpraxis gefunden wird und sich per Videotagebuch als extrem einsame Frau darstellt, die in Affären mit verheirateten Männern das große Glück suchte, doch nie fand. Andererseits von der Kripo-Kollegin Anja Dambeck (Christina Große), die als moderne Gluckenmutter ständig von Frühförderung, gemeinsamem Familienkochen und ihrem ach so verlässlichen Ehemann spricht.

Irgendwo zwischendrin findet sich Lindholm wieder - und dennoch ist ihr 17. "Tatort" seit dem Start im Jahr 2002 kein gefühlsduseliges Frauen-Selbsthilfe-Fernsehen, sondern ein echter Krimi, nach einem Drehbuch von Astrid Paprotta ergreifend inszeniert von Friedemann Fromm, der sich mit den Mehrteilern "Weissensee" und "Die Wölfe" sowie diversen Krimis einen Namen gemacht hat.

Der Krimi beginnt klassisch mit dem Mord an Dr. Tannenberg, doch dahinter tut sich ein ganz anderer Abgrund auf - in dessen Mittelpunkt steht das lernbehinderte Pflegekind Tim (Joel Basman). Der Teenager kann sich nicht wehren, wenn ihm der Pflegevater wie der Sozialarbeiter "Anweisungen" erteilen, wenn sie ihn an andere Männer vermieten; so macht er notgedrungen alles mit, lässt alles über sich ergehen. Dabei geht es nicht plakativ um Sex, das wäre zu einfach, zu offensichtlich falsch.

Regisseur Fromm zeigt, wie dünn die Grenze zwischen Zuneigung und Ausnutzung, zwischen freundschaftlicher Nähe und Missbrauch sein kann. Er zeigt, wie sehr sich erwachsene Männer selbst und andere betrügen, wenn sie Pädophilie weit von sich weisen, aber davon reden, dem knabenhaften Jungen einfach nur nahe sein, ihn einfach nur ansehen oder sanft berühren zu wollen. Erstmals scheinen sich dabei die beiden gegensätzlichen Kommissarinnen nahe - in ihrer Wut, Unfassbarkeit und Traurigkeit.

Ein heißes Eisen, wie nicht zuletzt die aktuelle Diskussion um das Thema Missbrauch Minderjähriger im Internet zeigt. Auch im nächsten Lindholm-"Tatort" rütteln die Macher an einem Tabu: Es geht um einen Mord an einem Fußballprofi - der Verdacht: Führte der Sportler ein Doppelleben als Homosexueller und wurde er von Hooligans umgebracht? Drehbeginn ist am 9. November, gedreht wird auch im Stadion des Bundesligisten Hannover 96, unter anderem beim Spiel gegen den Hamburger SV am 20. November. Die TV-Ausstrahlung ist im Frühjahr.

Der nächste Fall steht also schon fest, doch wie es für Lindholm privat weitergeht, sei noch nicht klar, heißt es vom verantwortlichen Norddeutschen Rundfunk (NDR). Einen neuen Mitbewohner wird sie nicht bekommen - und eine Rückkehr von Naujoks scheint ausgeschlossen: "Es ging für den Charakter von Martin einfach nicht mehr weiter", sagte er im Frühjahr zu seinem Ausstieg nach 16 Fällen an der Seite von Furtwängler. Die Kommissarin soll aber auch nicht bis zum Karriereende allein durch den "Tatort" stapfen. Ein bisschen schade, dass Kommissarin Dambeck nur in einem einzigen Fall an der Seite von Lindholm agiert - sie wäre als gegensätzliche, aber auch ergänzende Partnerin der beliebten Ermittlerin Lindholm durchaus reizvoll.

Patrick T. Neumann, DPA / DPA