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"Tatort"-Kritik: Möchtegern-Mystery mit Moorleichen

Kommissarin Charlotte Lindholm knallt mit dem Auto gegen einen Baum, verliert ihr Gedächtnis, jagt Phantome in der Pampa und findet Drogen beim Biobauern. "Vergessene Erinnerung" ist der Titel dieses "Tatorts", den man tatsächlich nur auslöschen kann.

Von Kathrin Buchner

"Friesengrün" steht auf dem Wegweiser zum Biobauern. Die Karotte und die Tomate auf dem Schild sehen lustig aus, weil sie Augen haben und zum Lachen weit aufgerissene Münder. Wenn man zu viel gekifft hat, verzerren sich diese Grinsegesichter garantiert zu grausamen Grimassen. Wie eigentlich alles in diesem ammerländischen Dorf, Schauplatz des "Tatorts", zum Horrortrip wird: Die Dienstfahrt von Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) endet an einem Baum und mündet in eine kurzzeitige Amnesie. Eine holländische Kommissarin entpuppt sich als Hobby-Dealerin. Und der Biobauer ist ein Drogenhersteller, der in einem Bunker unter seinen ökologisch wertvollen Gemüsefeldern Cannabis-Pflanzen in solch Massen züchtet, dass damit ganz Niedersachsen in einen kollektiven Rausch versetzt werden könnte.

Ja, man ahnt es schon, die Handlung ist so krude wie der Aufbau, funktionieren doch Krimis eigentlich so: Erst wird eine Leiche gefunden, dann kommen die Ermittler. Bei der niedersächsischen Kommissarin Lindholm ist das anders: Die ist wie immer stur und dickköpfig und bleibt so lange an einem Ort, an dem sie Verbrechen wittert, bis es endlich einen oder gleich mehrere Tote gibt. Das macht die Geschichte langatmig und spannungsarm.

Billiger Abklatsch von "Twin Peaks"

In der Folge "Vergessene Erinnerung" beißt sich die eiskalte Analystin an ihren eigenen Flashbacks fest: Nach einem Unfall wacht sie in einem Krankenhaus irgendwo in der niedersächsischen Pampa auf, hat Einstichlöcher im Arm und erinnert sich vage an einen Jungen in einem roten Regenmantel, dem sie ausweichen wollte, und einen Mann, der auf der Straße lag. Sie findet einen Knopf, der zu einem Trenchcoat gehört. An den klammert sie sich wie an einen seidenen Faden, jagt Phantome und wird am Ende zwei Moorleichen und einen toten Bauern gefunden haben.

Regisseurin Christiane Balthasar kreiert einen billigen Abklatsch von "Twin Peaks": Die Schnitte gaukeln eine Möchtegern-Mystery-Atmosphäre vor, Lindholms Dämmerzustand wird in surreale Bilder und albtraumhafte Visionen gegossen. Im Dorf gibt es nur verschrobene Gestalten, unter anderen eine resolute Wildschweinjägerin, einen saufenden Erbschleicher, einen gutmütigen Autoschrauber, und alle hüten sie ein Geheimnis. Die Mitglieder der Dorfclans liegen im Clinch und jagen sich gegenseitig Grundstücke ab. Die Drehbuchautoren Dirk Salomon und Thomas Wesskamp ziehen immer noch weitere, verwirrende Handlungsschleifen ein. Da dealt der Sohn des Dorfpolizisten mit der holländischen Drogenmafia, dann wird im Moor nach Erdgas gesucht.

Allein die Bilder sind traumhaft schön. Getreidehalme neigen sich theatralisch im Wind. Idyllische Backsteinhäuschen stehen in sattgrüner Landschaft, durch die am Ende Lindholm mit dem Lastwagen des falschen Biobauers heizt, außen prangt das Logo mit dem grinsenden Gemüse, innen lagert tonnenweise Dope als Faustpfand für den entführten Sohn. Und die Moral von der Geschichte: Landluft macht ziemlich gaga, zu viel Gemüse verursacht Blähungen. Man fühlt sich wie auf einem schlechten Trip bei diesem "Tatort" und wünscht sich einen temporären Gedächtnisschwund für die vergangenen 90 Minuten.