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Kieler "Tatort": Borowski und ein Krimi, der zu viel will

Borowski und das gesunde Essen, Borowski und der tote Junge, Borowski und die neue Frau - drei Geschichten, aber nur ein "Tatort". Das kann nicht gut gehen. Die Folge "Borowski und eine Frage von reinem Geschmack" ist überfrachtet, hat aber ihre guten Momente.

Von Ulrike Klode

Ja, es ist nachzuvollziehen, dass sich die ARD-Themenwoche "Essen ist Leben" durch das gesamte Programm zieht, also auch in der "Tatort"-Folge "Borowski und eine Frage von reinem Geschmack" vorkommt. Aber bitte, muss das so aufdringlich geschehen?! Ein Krimi soll spannende Unterhaltung bieten und kein aufklärerisches Bildungsprogramm.

Ein 15-jähriger Allergiker stirbt, nachdem er einen Energy-Drink getrunken hat. Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg, wie immer sehr überzeugend) ermittelt und schnell ist klar: Der Junge ist an einem eigentlich harmlosen Lebensmittelzusatz gestorben, von dem viel zu viel in dem Getränk war. Etlichen anderen Menschen wurde schlecht, doch Tim stirbt. Borowski zieht los und stößt auf einen Milchbauernhof, der von einer ehrgeizigen Chefin (sehr gut gespielt von Esther Schweins) zu einer hocheffizienten Lebensmittelfabrik umgebaut wurde. Jetzt muss er klären, wie es dazu kommen konnte, dass dem Getränk zu viel Farbstoff beigemischt wurde. Menschliches Versagen? Sabotage? Erpressung?

Aus der Geschichte hätte durchaus ein annehmbarer Krimi werden können, der immer mal so nebenbei thematisiert, wie Lebensmittel manchmal bis zur Unkenntlichkeit aufpeppt werden. Doch leider hat es da jemand viel zu gut gemeint: Natürlich ist der Bruder der Chefin Biobauer, der das, was seine Schwester macht, als "profitgeil" verdammt. Natürlich gibt es einen sehr langen Dialog zwischen Borowski und einem Wissenschaftler darüber, warum so viel Chemie in unsere Lebensmittel gemixt wird. Natürlich bestellt Borowski beim China-Lieferdienst ausdrücklich "irgendwas ohne Chemie". Redundanz fördert das Verständnis. Und: Warum nur einmal Holzhammer, wenn es auch alle zehn Minuten geht? Das waren offenbar die zwei Gedanken, die die Macher dieses "Tatorts" angetrieben haben (Drehbuch: Christoph Silber und Thorsten Wettcke, Regie: Florian Froschmayer).

Sibel Kekillis "Tatort"-Debüt

Das überdominante Überthema "Chemie in Lebensmitteln ist furchtbar böse und das kann nur schlimm enden mit unserer Nahrungsmittelindustrie" erdrückt eine zarte Geschichte, die nebenbei erzählt wird: Borowski und die neue Frau. Die alte Frau, Frieda Jung (Maren Eggert), ist in der vorigen Kieler Folge "Tango für Borowski" plötzlich verschwunden, jetzt schickt sie einen Brief - doch der Zuschauer erfährt nicht, ob Borowski ihn irgendwann liest. Während seinen Ermittlungen auf dem platten Land lernt der Kommissar bei einem Autounfall plötzlich eine neue Frau kennen: Sarah Brandt, gespielt von Sibel Kekilli.

Es ist Kekillis lange angekündigtes Debüt, das durchaus mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. Die Figur der Sarah Brandt, die sowohl Autos reparieren, Computer fixen als auch Suppen aus Biogemüse (natürlich!) kochen kann, bringt Farbe in den tristen Tatort - auch als erfrischender Kontrast zur bedächtigen, distanzierten, Cord-Anzug tragenden Figur des Kommissar Borowski. Wie aus dieser Rolle ein fester Bestandteil des Kieler "Tatorts" werden soll, bleibt vorerst offen.

Es gibt also zwei Gründe, sich trotz dieser enttäuschenden Folge auf den nächsten Fall mit Axel Milberg zu freuen: Das Thema "Gesundes Essen" wird in der ARD dann abgehakt sein, und Sibel Kekilli wird wieder mitspielen.

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