HOME

Sibel Kekilli: Die Schaumgeborene

Der Erfolg von "Gegen die Wand" machte sie über Nacht berühmt. So berühmt, dass Sibel Kekilli erst einmal eine Auszeit nahm, und in aller Ruhe neue Angebote sichtete. Jetzt kehrt die Schauspielerin mit gleich zwei Filmen auf die Leinwand zurück.

Von Carsten Heidböhmer

Sibel Kekilli beim Interview mit stern.de in Hamburg

Sibel Kekilli beim Interview mit stern.de in Hamburg

Die meisten erfolgreichen Filmstars hatten genügend Zeit, um sich auf ihren Ruhm vorzubereiten. Der Weg an die Spitze ist in aller Regel lang und verschlungen, er führt über zahlreiche Engagements, Kurzauftritte, etwas größere Parts mit längerem Text zu tragenden Nebenrollen. Bis zur ersten Hauptrolle können schon mal einige Jahre ins Land ziehen. Und nicht immer bringt die gleich den erwünschten Durchbruch. Erst wenn Schauspieler und Rolle perfekt in- und zueinander passen, wenn das Publikum den Darsteller nicht von der gespielten Person unterscheiden kann oder will, hat er es geschafft.

Bei Sibel Kekilli erlebte diesen künstlerischen Urknall gleich zu Beginn ihrer Karriere. Die ehemalige Verwaltungsfachangestellte war in einem Kölner Einkaufszentrum angesprochen und zum Casting für Fatih Akins "Gegen die Wand" eingeladen worden, wo sie sich gegen 350 Mitbewerberinnen durchsetzte. Dann ging alles ganz schnell: Der Film lief im Programm der Berlinale, begeisterte Publikum wie Kritiker - und gewann überraschend den Goldenen Bären. So wurde die junge Neu-Schauspielerin buchstäblich über Nacht berühmt.

Die Ruhe nach dem Sturm

"Sibel wurde da reingeworfen und war plötzlich da. Schaumgeboren", beschreibt Regisseur Hans Steinbichler ihr Leinwanddebüt. In den Folgemonaten lernte Kekilli Höhen und Tiefen der Berühmtheit kennen. Sie musste eine Schmutzkampagne der "Bild"-Zeitung über sich ergehen lassen, räumte auf der anderen Seite aber jede Menge Preise und Auszeichnungen ab, den Deutschen Filmpreis und den Bambi, war sogar für den Europäischen Filmpreis nominiert. Dadurch befand sie sich in der komfortablen Lage, nicht sofort das nächstbeste Angebot annehmen zu müssen. Sie zog sich erst einmal zurück, nahm sich Zeit, ihren Ruhm zu verarbeiten und Angebote zu sichten.

Nach einer zweijährigen Auszeit ist sie nun gleich in zwei Kinofilmen zu sehen: Am 9. November ist "Der letzte Zug" von Joseph Vilsmaier und Dana Vávrová in die Kinos gekommen. Kekilli verkörpert darin die Jüdin Ruth Zilberman während ihrer Deportation nach Auschwitz. Jetzt ist Hans Steinbichlers "Winterreise" angelaufen. Wer glaubte, in "Gegen die Wand" habe sich Kekilli lediglich selbst gespielt und sei damit an das Limit ihrer schauspielerischen Fähigkeiten gestoßen, wird nun eines Besseren belehrt.

Unerwartet leise Töne

Während sie sich in "Gegen die Wand" mit jugendlichem Überschwang anschickte, die Welt zu erobern, zu leben, zu lieben und sich zu nehmen, was ihr zusteht, zeigt sie in ihren neuen Filmen ein ganz anderes Gesicht. "Schauspielen heißt ja nicht nur schreien und toben, sondern auch mal leise Töne zu zeigen", sagt Kekilli im Gespräch mit stern.de. Das stellt sie in "Winterreise" nachdrücklich unter Beweis. Darin spielt sie die junge Kurdin Leyla, die einen Geschäftsmann auf eine lange und tragische Reise nach Afrika begleitet.

Wo Josef Bierbichler in der Rolle des manisch-depressiven Unternehmers Brenninger rast, brüllt und sich ganz dem Exzess hingibt, nimmt sich Kekilli zurück, wartet ab und strahlt eine große innere Ruhe und Festigkeit aus. Diese Ausgeruhtheit auf die Leinwand zu bringen, ist allerdings das Ergebnis harter Arbeit, wie die 26-Jährige betont: "Ich habe mehr Energie verbraucht als bei 'Gegen die Wand'. Wenn man da sitzt und leise weint, ist es schwieriger, als wenn man vor der Kamera tobt."

Die Schauspielerin im Gespräch mit stern.de-Redakteur Carsten Heidböhmer

Die Schauspielerin im Gespräch mit stern.de-Redakteur Carsten Heidböhmer

Ihr Engagement für diesen Film wäre um ein Haar gar nicht erst zustande gekommen, denn die Drehbuchautoren hatten etwas gemacht, das Sibel Kekilli auf den Tod nicht ausstehen kann: Sie schrieben die ursprünglich für eine Deutsche angelegte Rolle der Leyla um. Dabei hatte sich die Tochter türkischer Eltern vorgenommen, nicht mehr die Türkin vom Dienst zu geben. "Ich habe mich erst wahnsinnig darüber geärgert und mich geweigert, aber meine Agentin hat mich dann überzeugt, dass es wichtig für die Rolle war, dass Leyla Kurdin ist."

Dass eine türkischstämmige Deutsche eine Kurdin spielt, ist durchaus nicht selbstverständlich. Doch wenn sie etwas für richtig hält, lässt sich Sibel Kekilli nicht einschränken. Darin ähnelt sie der von ihr verkörperten Frau in "Gegen die Wand" - die bezeichnenderweise ihren Namen trug: Sibel.

Engagement für Frauenrechte

Sie begnügt sich jedoch nicht damit, die Freiheit errungen zu haben, ihr Leben nach eigenen Vorstellungen führen zu können; Sibel Kekilli setzt sich auch für andere ein. "Für mich sind Frauenrechte im Islam sehr wichtig. Ich bin im Islam aufgewachsen und kenne mich damit aus. Deswegen habe ich das Recht, mich dazu zu äußern", sagt die Schauspielerin zu ihrem Engagement bei Terre des Femmes gegen so genannte Ehrenmorde. "Zwar ist es verständlich, dass die Deutschen sich nicht hundertprozentig auskennen können, aber nichtsdestotrotz sollten sie nicht wegsehen. Doch leider gibt es genauso viele Türken oder Moslems, die auch nichts sagen. Das finde ich falsch."

Auch bei Missständen in anderen Ländern meldet sie sich zu Wort. So stellte sie bei Dreharbeiten in Istanbul fest, dass es in der 15-Millionen-Stadt nur ein einziges Frauenhaus gibt. "In den sieben Wochen, in denen ich dort gedreht habe, gab es drei Ehrenmorde, die in der Zeitung standen. Ehefrauen werden von ihren Ehemännern vor der Polizei geschlagen, und die Polizisten haben zugeguckt. Und das in der Türkei!"

Keine medienwirksamen Pelz-Kampagnen

Neben dem Einsatz für Frauenrechte liegt ihr der Tierschutz am Herzen. "Die meisten helfen Kindern. Tiere sind aber genauso Lebewesen." Während sich viele ihrer Schauspiel-Kolleginnen medienwirksam nackt in einen Pelz hüllen, unterstützt Kekilli eine Kampagne der Tierschutzorganisation Peta für Straßenhunde in der Türkei. "Das müssen Sie sich mal vorstellen: Da werden Hunde von Menschen sexuell vergewaltigt."

Richtig in Rage redet sie sich bei diesem Thema. Ein reizvoller Kontrast zu ihrer Rolle in "Winterreise". Dort entfaltet sie ihre Wirkung gerade durch Reduktion. Nebenbei wartet der Film noch mit einer netten Pointe auf: Nicht etwa der "zivilisierte" Deutsche, sondern die kurdische Außenseiterin behält am Ende den Überblick. Denn sie ist in der Lage, sich in verschiedenen Kulturen zurechtzufinden. Eine Fähigkeit, die ganz gewiss auch Sibel Kekilli auszeichnet.