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"Tatort"-Kritik: Borowski trifft auf einen Serienmörder am Fjord

Auf Wallanders Fährten: Der Kieler "Tatort"-Kommissar Klaus Borowski macht einen Dienstausflug zu den Fjorden und Birkenwäldern Finnlands. Zwischen Tangotänzern, Teenqueens und Trinkern stößt er auf einen Serienmörder. Ein schaurig-spannender Krimi in Kinoqualität.

Von Kathrin Buchner

Sie robben wie Pfadfinder bei einem Räuber-und-Gendarm-Spiel bäuchlings über den Waldboden. Um sie herum sind Baumstämme, knorrige Ästen, das Zwitschern der Vögel. "Tatort"-Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) und sein finnischer Kollege Mikko Väisanen (Janne Hyytiäinen) suchen in den unendlichen Weiten der Birkenwälder Nordkareliens nach einem deutschen Ex-Junkie, der ihnen nach der Vernehmung auf dem Weg in die Untersuchungshaft entwischt ist. Der Jugendliche, gespielt von Florian Bartholomäi, war in einem Rehabilitationscamp mitten im Wald therapiert worden und dort in den Verdacht geraten, ein junges Mädchen vergewaltigt und ermordet zu haben.

Regisseur Hannu Salonen lässt in "Tango für Borowski" den Kieler Kommissar von der Förde an ins Land der tausend Seen reisen, lässt ihn Computer und Kunstlicht gegen Seen und Sonnenstrahlen eintauschen. Borowski hält sich wacker als Schmalspur-Wallander. Er schwitzt und schnauft bei der Mörderjagd. Er leidet an Schlaflosigkeit, tanzt und verirrt sich im Wald, in dem Land, dessen Sprache sich anhört, als ob alle Buchstaben, die beim Scrabble übrig bleiben, zu Worten zusammengesetzt werden.

Das Grauen hinter Bullerbü-Holzhäuschen-Fassaden

Mücken, Sauna, kauzige Kerle, Mittsommernächte, Tango-Melancholie - bis aufs Skispringen bedient sich der gebürtige Finne Salonen, der seit 17 Jahren in Deutschland lebt, aller gängigen Klischees seiner Heimat und mischt daraus einen atmosphärisch dichten Krimi. Man könnte im hohen Norden archaischere Geschichten erzählen, dort gäbe es noch echte Wildnis, sagt Salonen. Und bedient sich reichlich bei der Mythologie der heidnischen Vorfahren. Lässt einen psychisch gestörten Serienmörder Opferbirken schnitzen, mit dem Totenreich kommunizieren und die Köpfe seiner Menschenopfer vergraben.

Salonens schräge Typen sehen aus, als ob sie Aki-Kaurismäki-Filmen à la "Leningrad Cowboys" entsprungen wären: Die Teenqueen mit toupierter Frisur und Lolita-Outfit, der Rocker mit reichlich Tätowierungen, Lederjacke und langen Zottelhaaren, der triebgestörte Einzelgänger, der im Küchen-Puff fürs Spannen bezahlt - alle sind sie wortkarg und geben sich emotionslos Alkohol und Arbeit hin.

Der "Tatort" verarbeitet damit nur das, was wir aus Skandinavien und den nordischen Ländern sowieso schon kennen: Hinter den Fassaden der niedlichen roten Bullerbü-Holzhäuschen verbirgt sich das Grauen. Die Abgründe der Nordlichter entspringen keineswegs deutschen Vorurteilen, sie werden uns ständig in Krimis von Mankell, Larsson und Co. vorgeführt. In einer Landschaft ohne Horizont, wo Platz genug für jedes Lebewesen ist, ist offensichtlich nicht die unwägbare Natur des Menschens ärgster Feind, sondern der Mensch selbst. Von wegen Sozialromantik mit Komplett-Absicherung, Kinderfreundlichkeit und Gleichberechtigung - will man der skandinavischen Literatur Glauben schenken, gibt es nirgendwo in der Welt gibt es mehr Morde als in Nordeuropa.

Da wundert es einen auch kaum, dass im "Tatort" auf einmal ein Massenmörder auftaucht, den man so einem deutschen Drehbuch kaum abnehmen würde. Der Ausflug zu den Elchen auf Kosten unserer Rundfunkgebühren hat sich gelohnt: Salonen hat Lust am Erzählen, verbindet Action und traumhafte Landschaftsbilder zu einem gruselig-spannenden Krimi auf Kinoniveau zusammen. Es ist die richtige Kulisse, um das "neurotische Großstädterspiel aus Nähe und Distanz", wie Milberg es nennt, mit ein paar poetischen Zeilen enden zu lassen. Unspektakulär, aber doch sentimental verschwindet Psychologin Frieda Jung (Maren Eggert) in der Melancholie der Mittsommernächte. Eggert zieht künftig das Theater dem "Tatort" vor.

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