Irgendetwas stimmt nicht in diesem Amsterdam, das die sechsteilige Serie "Etty" (ab 13. Mai in der ARTE-Mediathek, Teil vier bis sechs linear am Donnerstag, 28. Mai, ab 21.40 Uhr) beschreibt. Einerseits sieht das Leben dort einigermaßen zeitgemäß aus – auch wenn Handys, bunte Werbetafeln und moderne Architektur fehlen. Andererseits hört man aus dem Off ständig verstörende Megafon-Durchsagen, und die Straßen sind voller Uniformierter. Auch das Leben von Studentin Etty Hillesum (Julia Windischbauer), ihrer Familie und Freunde wird immer reglementierter. Mit der Zeit erfährt man: Die Nazis haben Holland besetzt, und es herrscht Krieg. Dennoch versucht Etty, die nicht ganz unbescheiden die bedeutendste Schriftstellerin ihrer Zeit werden will, mit ihren Depressionen sowie der Angst vor Imperfektion ihres Werkes klarzukommen.
Die junge Jüdin mit russischen Wurzeln, die aus einer Familie mit langer psychischer Krankheitsgeschichte kommt, sucht den geflüchteten Deutschen Julius Spier (Sebastian Koch) auf. Spier lehrt in Amsterdam die von ihm gegründete Therapieform der Psycho-Chirologie. Etty und der deutlich ältere Therapeut beginnen eine intensive Beziehung. Währenddessen werden immer mehr niederländische Juden ins Internierungslager Westerbork einbestellt.
Hagai Levi, Schöpfer preisgekrönter Serien wie "BeTipul", Vorlage für den HBO-Hit "In Treatment", oder auch "The Affair", ging einen ungewöhnlichen Schritt, um die Tagebücher der 1943 im KZ Auschwitz ermordeten Etty Hillesum zu verfilmen. Er versetzte die Handlung weitgehend unkommentiert in eine Art "Nichtzeit"-Gegenwart – woraus sich eine besonders bedrohliche Stimmung ergibt. Die Österreicherin Julia Windischbauer und auch Sebastian Koch liefern in dieser betont langsam erzählten Serie, die gleichzeitig ungeheuer intensiv ist, schauspielerische Leistungen, die man nicht mehr vergisst.
Zwei historische Figuren ins Heute versetzt
Das gesamte Ensemble der niederländisch-deutsch-französischen Produktion spielt fantastisch. Viele der Dialoge, die sich um Kunst, Gesundheit, Lebenssinn und immer mehr um menschliches Verhalten in unmenschlichen Zeiten drehen, sind faszinierend geschrieben und mit unglaublicher Intensität in Szene gesetzt. "Etty" ist allerdings auch eine Serie, die sich Zeit nimmt. Um die 60 Minuten sind die Folgen im Schnitt lang. Wer auf Action, unerwartete Wendungen und klassisch dramatische Szenen steht, könnte bei "Etty" dem Bildschirm aus Gründen der tödlichen Langeweile entkommen wollen. Lässt man sich jedoch ein auf den dystopischen Malstrom dieser Amsterdam-Erzählung, wird den Sechsstünder, der 2025 auf der Biennale in Venedig Premiere feierte, nicht mehr vergessen.
Die jüdische Intellektuelle Etty Hillesum (1914-1943), die ihre menschliche und spirituelle Entwicklung unter den Bedingungen von Krieg und Verfolgung festhält, wurde erst nach 1980 entdeckt. Damals schaffte es ein Freund der Verstorbenen, endlich einen Verlag für ihr Werk zu finden. Vor allem Hillesums Tagebücher und Briefe erlebten seit ihrer posthumen Veröffentlichung eine überwältigende internationale Resonanz. In mindestens 17 Sprachen wurden sie übersetzt. Bücher wie "Het verstoorde leven" ("An Interrupted Life") erreichten Bestseller-Status und weltweit zahlreiche Auflagen.
Auch Julius Spier, Hillesums Therapeut und Geliebter, ist eine historische Figur: Er lehrte in Amsterdam die von ihm gegründete Therapieform der Psycho-Chirologie. 1939 emigrierte der gebürtige Frankfurter jüdischer Konfession nach Holland. In Amsterdam nahm er seine therapeutische und auch die Unterrichtstätigkeit wieder auf und sammelte einen Kreis von Schülerinnen und Schülern um sich. Er starb 1942 an Lungenkrebs, kurz bevor ihn die Gestapo deportieren konnte.
Etty – Do. 21.05. – ARTE: 21.40 Uhr