M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier
Wir lagen vor Teneriffa …

  • von Micky Beisenherz
Micky Beisenherz
Micky Beisenherz findet: Wer auf „Mein Schiff“ zu Schaden kommt, grüßt schon formal vom oberen Achtel der Wohlstandspyramide
© Fotos: Henning Kretschmer/stern ; Picture Alliance, Adobe Stock

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… und hatten das Virus an Bord. Die Kreuzfahrer der „Hondius“ müssen mit ihrer Angst klarkommen – und mit der Häme der Öffentlichkeit.

Die eigene Begabung zum Mitgefühl lässt sich gut daran bemessen, wer an welcher Stelle wie zu Schaden kommt. Hockt jemand mit Magen-Darm in Aleppo, kann diese Person unseres Mitleids ziemlich sicher sein. Aber lass Leute mal auf einem Kreuzfahrtschiff festsitzen – da sieht die Sache schon anders aus.

Auf der „Hondius“ war das Hantavirus ausgebrochen. Schlimm genug, weil mitunter tödlich. Überdies mussten die Passagiere unangenehm lange auf dem Pott ausharren, weil die Pestgaleere zunächst nirgendwo anlegen durfte. Im Zweifel mit Maske und isoliert auf Stube, weil: Infektionskette. Ein unangenehm vertrautes Corona-Cosplay. Und dann konnten sie nicht einmal auf das Mitgefühl der Leute setzen. Schließlich gehören sie zu den Großkopferten, die sich durch diese schwimmende Dekadenz selbst in diese Situation gebracht hatten.

Micky Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier

Mein Name ist Micky Beisenherz. In Castrop-Rauxel bin ich Weltstar. Woanders muss ich alles selbst bezahlen. Ich bin ein multimedialer (Ein-)gemischtwarenladen. Autor (Extra3, Dschungelcamp), Moderator (ZDF, NDR, ProSieben, ntv), Podcast-Host („Apokalypse und Filterkaffee“), Gelegenheitskarikaturist. Es gibt Dinge, die mir auffallen. Mich teilweise sogar aufregen. Und da ständig die Impulskontrolle klemmt, müssen sie wohl raus. Mein religiöses Symbol ist das Fadenkreuz. Die Rasierklinge ist mein Dancefloor. Und soeben juckt es wieder in den Füßen

Das absolute Empathie-Zwischentief erlebten wir im März, als aufgrund der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und dem Iran diverse Kreuzfahrtschiffe im Golf von Oman festsaßen, während ihnen die Raketen um die Ohren flogen. Sicher, ganz so hämisch wie das traurige Los der Gutscheincodeblinsen in den gläsernen Phallussymbolen in Dubai wurde das nicht goutiert. Aber der Vorschlag, man könne so ein voll besetztes Kreuzfahrtschiff mal durch die Straße von Hormus schicken, um die Gewässer auf Minensättigung zu testen, zeugt zumindest nicht von übertriebener Zuneigung gegenüber den Passagieren. Denn: Wer auf „Mein Schiff“ zu Schaden kommt, grüßt schon formal vom oberen Achtel der Wohlstandspyramide.

Micky Beisenherz: Die Leute buchen ungeniert „Klimakiller Kreuzfahrten“

Im Grünenjahr 2019 hatten wir uns darauf verständigt, dass es unzeitgemäß ist, auf tonnenschweren Schweröl-Kolossen die Ozeane zu versauen. Viele hatten sich geschämt, so ruchlos das Erbe der Kinder zu zerreißen, und blätterten stattdessen im Katalog für Wanderungen im Harz. Es ist doch auch ein Wahnsinn, von einem schwimmenden Plattenbau alle paar Tage zu Tausenden aus einer Luke in hilflosen Fischerdörfern verklappt zu werden. Doch in den Polykrisen der Post-Corona-Jahre geriet das Thema „Klimakiller Kreuzfahrt“ ins Hintertreffen, und die Leute buchten wieder ungeniert. Und wenn nicht gerade mal eine „Aida“ quer in einer venezianischen Lagune lag oder Wolle Kubicki angetüddelt beim Bordtalk über die Regierung herzog, nahm auch kaum jemand Notiz davon.

So schauen wir das „Traumschiff“ nicht nur wegen der schönen Spielorte, sondern ebenso wegen der erleichternden Botschaft: „Reiche Leute haben auch Probleme.“ Und wenn wir lesen, dass Trumps Furzwegschnüffler Jeff Bezos seine 127-Meter-Yacht verkaufen will, weil er mit dem Ding an keinem schicken Café in Saint-Tropez anlegen kann, bestenfalls in einem öligen Industriehafenbecken, beömmelt man sich gern. Aber ich gebe zu: Als ich das Insta-Video eines jungen Manns sah, der mit tränenerstickter Stimme von Bord des virusverseuchten Schiffes („We’re not just a headline“) berichtet, ging mir das schon nahe. Ich war wohl in der Minderheit. „Don’t fuck my summer up. Stay the hell on board!“, war noch der netteste Kommentar unter dem Beitrag.

Warum es uns möglich ist, als Kollektiv einen Wal aufs offene Meer rauszuziehen, während wir kranke Menschen davon abhalten wollen, von dort zu uns zurückzufinden, darüber könnte man auch mal eine Serie drehen. Und ich fürchte, um das Thema Sozialneid kämen wir da nicht herum.

Timmy hat einfach kein dickes Konto. Gut für ihn.

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