Das Los von Buckelwal Timmy dürfte niemandem entgangen sein. Hat ein Sommerloch-Tier je so früh im Jahr seinen Dienst angefangen? Und was hat der Meeressäuger an sich, das Bruno, Sammy und Kuno dem Killerwels an Charisma gefehlt haben? Ist es der traurige Blick des sanften Riesen, hinter dem sich unerschlossene Welten verbergen?
Bemerkenswert, dass die Anwesenheit des gestrandeten Wals sämtliche Reflexe auslöst, die wir von anderen Ereignissen oder Großkrisen kennen. Dabei hatte es drollig angefangen: Da strandet ein Wal auf einer Sandbank vorm Timmendorfer Strand und bringt die Kururlauber dazu, statt einen Windbreaker zu kaufen oder ein Peter Hahne-Buch zu lesen, mit Aperolglas in der Hand zum Wasser zu gehen und sich vom Schicksal des Tieres rühren zu lassen. „Komm, wir gehen Timmy gucken!“ wurde schnell zum Volkssport.
Die Medien (genauer gesagt: die „Bild“-Redakteure) waren happy, auch mal was anderes als immer nur den Spritpreis tickern zu können. So las man Eilmeldungen wie „Er weint die ganze Nacht“, „Er bläst!“ oder „Er buckelt wieder“. Geht’s da noch um den Wal, oder ist Rutte schon wieder bei Trump? Schockierend auch Headlines wie „Timmy hat Wasser in der Lunge“. Mir erschien das nicht so ungewöhnlich für einen, der circa 98 Prozent seiner Lebenszeit im Meer verbringt.
Micky Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier
Mein Name ist Micky Beisenherz. In Castrop-Rauxel bin ich Weltstar. Woanders muss ich alles selbst bezahlen. Ich bin ein multimedialer (Ein-)gemischtwarenladen. Autor (Extra3, Dschungelcamp), Moderator (ZDF, NDR, ProSieben, ntv), Podcast-Host („Apokalypse und Filterkaffee“), Gelegenheitskarikaturist. Es gibt Dinge, die mir auffallen. Mich teilweise sogar aufregen. Und da ständig die Impulskontrolle klemmt, müssen sie wohl raus. Mein religiöses Symbol ist das Fadenkreuz. Die Rasierklinge ist mein Dancefloor. Und soeben juckt es wieder in den Füßen
Micky Beisenherz: Wie kommt Timmy zurück ins Meer?
Ich bin aber kein Experte. Diese wurden ebenfalls schnell zu Rate gezogen, um zu klären: Wie kriegen wir Timmy zurück ins Meer? Ist der zum Sterben hierhergekommen? Oder ist er womöglich einfach nur ein bisschen doof? Und will er eigentlich als Timmy gelesen werden? Passt „Hope“ nicht viel besser? Wir reden am Ende von einem Jugendlichen mit schlechter Haut, der am liebsten nichts tut und Geld kostet – Jimi Blue wäre auch ein schöner Name gewesen.
Der Ton in der Berichterstattung wurde zunehmend genervt: „Er hängt schon wieder fest!“ Aufgebrachte Timmy-Jünger durchbrachen Absperrungen, um zum verehrten Tier zu kommen, als gelte es, das Kapitol zu stürmen. Die Gelehrten gerieten in Streit um das richtige Vorgehen. Selbsternannte Expertinnen traten vor Lokalsenderkameras und sprachen: „Ich kenn mich aus mit Walen. Mein Sternzeichen ist Fische.“ Eine unangenehm bekannte Überreiztheit ergriff die Querfront aus Esoterikerinnen, Santiano-Fans und Covid-Traumatisierten. Der manövrierunfähige Säuger ist nach einem Monat zur Projektionsfläche geworden für die Hoffnungen, Ängste und Träume einer Gesellschaft, die kein Thema auslässt, um sich heillos zu entzweien.
So hat der Umweltminister Mecklenburg-Vorpommerns, Till Backhaus, vorgeschlagen, dem doch recht untätigen Timmy eine Bronzestatue zu widmen. Das ist speziell in den Küstenregionen ein unglaublicher Affront gegenüber dem denkmallosen Robert Habeck. Mir fehlt noch ein offener Brief von 50 Kulturschaffenden an den Kanzler. Und wenn der Wal noch zwei Wochen länger dem Steuerzahler auf der Sandbank liegt, wird er als kultiger Totalverweigerer zu Markus Lanz eingeladen.
Wenn schließlich die Wirtschaftsministerin Reiche ihm zur Lösung der Treibstoffkrise persönlich 1000 Liter Super aus der Zirbeldrüse drückt, haben wir das Timmy-Game durchgespielt. Aber vorher will ich bei der Megapark-Saisoneröffnung noch den Timmy-Song von Heino feat. Haftbefehl hören.