Über die Pünktlichkeit in Deutschland wird im Allgemeinen gerne und völlig zu Recht gemeckert. Der Frühling indes hat sich nix vorzuwerfen. Der ist zu seinem meteorologischen Anfang überpünktlich erschienen. Und so hielt ich Freitag wie ein Welpe die Nase in den Wind und stellte fest: Es liegt Aufbruch in der Luft. Und wieder einmal bin ich beeindruckt, wie sehr mich das beeindruckt. Der Duft von Frühling, in meiner provinziellen Ruhrgebietsheimat sogar gepaart mit aufkommendem Raucharoma. Die Gänse und die Griller, sie sind zurück. Wie schön.
Erstaunlich, was für eine Zeitmaschine unsere Nase ist. Kaum dringt ein bestimmter Geruch ein, bist du um Jahre, ach, Jahrzehnte zurückversetzt. Plötzlich ist wieder der 4. März 1995. Wir sitzen vor meinem Elternhaus, trinken Bier aus Literflaschen, hören Tupac und tun, als wären wir Hauptdarsteller in einem John-Singleton-Film. Sternstunden kultureller Aneignung! Eine Bekannte hat sich neulich ein teures Parfüm gekauft, weil es sie so sehr an den Geruch von CK One erinnerte, den Duft ihrer Jugend. Erst später wurde ihr klar, dass sie für ein Viertel der Kohle direkt CK One hätte kaufen können. Aber so regressiv wollte sie dann doch nicht sein.
Micky Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier
Mein Name ist Micky Beisenherz. In Castrop-Rauxel bin ich Weltstar. Woanders muss ich alles selbst bezahlen. Ich bin ein multimedialer (Ein-)gemischtwarenladen. Autor (Extra3, Dschungelcamp), Moderator (ZDF, NDR, ProSieben, ntv), Podcast-Host ("Apokalypse und Filterkaffee"), Gelegenheitskarikaturist. Es gibt Dinge, die mir auffallen. Mich teilweise sogar aufregen. Und da ständig die Impulskontrolle klemmt, müssen sie wohl raus. Mein religiöses Symbol ist das Fadenkreuz. Die Rasierklinge ist mein Dancefloor. Und soeben juckt es wieder in den Füßen.
Micky Beisenherz und der Duft von Sonnenspray
Wer einmal an einem grauen Wintertag die Flasche Nivea-Sonnenspray unter dem Waschbecken hervorgezogen hat, kann bestätigen: Das ist ein olfaktorischer Kurzurlaub, den man so gar nicht für möglich gehalten hätte. Binnen Millisekunden wird man an den Strand oder ins Freibad gebeamt. Und das im Januar! Nivea ist mittlerweile schlau genug, den Duft direkt als Parfüm zu verkaufen. Ähnlich hält es die Firma Edding, die die Essenz ihrer Stifte in Flakons abgefüllt und käuflich gemacht hat. Nur welche Assoziationen sollen damit verbunden sein? Großraumbüros, Konferenzräume und Flipcharts? Stranger Riechkink meiner Meinung nach.
Dass Duftstoffe eingesetzt werden, um physische und psychische Störungen zu behandeln, ist allgemein bekannt und wenig verwunderlich, wenn ich bedenke, wie positiv ich auf gewisse Aromen reagiere. Zuletzt schickte uns das Krankenhaus, in dem mein Vater bis zu seinem für uns doch etwas überraschenden Ableben lag, eine Rechnung für eine Therapie, bei der stimulierende Düfte eingesetzt worden waren. Da er zum Zeitpunkt der olfaktorischen Attacke bereits quasi hirntot war, dürften sich die Reize positiver auf die Finanzbuchhaltung der Klinik ausgewirkt haben als auf meinen Papa.
Kölnisch Wasser und Labradorkacke
Im Parfümkontext erinnere ich mich auch gerne an eine Busreise, vor der sich die Passagiere noch mal die Beine vertreten sollten, ehe es zurück nach Hause ging. Dummerweise trat Frau Gemballa in Hundescheiße und bemerkte dies erst, als sie den Bus komplett abgeschritten hatte. Herr Gemballa kam allerdings auf die rettende Idee, die Flecken im Teppich auf dem Gang wegzureiben – mit 4711. So genossen wir während der 497 Kilometer langen Fahrt von Berlin nach Castrop-Rauxel die doch sehr spezielle Melange aus Kölnisch Wasser und Labradorkacke.
Apropos ungewöhnlich: Im selben Alter, in dem ich einst eine geruchliche Zuneigung zu frischem Beton entwickelte, eröffnet mir meine Tochter jüngst ihre unbedingte Liebe zum Geruch von: Benzin. „Am liebsten würde ich mir einen Benzinkanister ins Zimmer stellen, Papi.“ Einen Exorzisten, bitte! Der Geist von Ulf Poschardt ist in mein Kind gefahren! Ich denke, sie kriegt einen Kanister Super zum 11. Geburtstag. Noch rechtzeitig, bevor sie mit Zigaretten anfängt. Ich freue mich ja über ein schönes Raucharoma. Sollte halt nur nicht von der eigenen Wohnung kommen.