VG-Wort Pixel

Jörg Pilawa als Gottschalk-Nachfolger Er wäre der Totengräber von "Wetten, dass ..?"


Jörg Pilawa wird als Favorit für die Nachfolge Thomas Gottschalks bei "Wetten, dass ..?" gehandelt. Doch er würde die Sendung mit seiner gepflegten Langeweile zugrunde richten.
Ein Kommentar von Carsten Heidböhmer

Schon in der Schule war das so: Es gab die braven, gut erzogenen Jungs, die fleißig waren, gute Noten schrieben und bei Lehrern sehr beliebt waren. Und dann waren da die vorlauten Bengels, die rotzig und verdammt selbstbewusst auftraten. Die sich zwar hin und wieder mal im Ton vergriffen und sich immer mehr nahmen, als ihnen zustand - aber bei den Mitschülern äußerst beliebt und anerkannt waren. Nicht schwer zu erraten, wen die Mädchen zu ihren Geburtstagspartys einluden. Mit den Wohlerzogenen ließ sich einfach kein spannender Abend veranstalten.

Womit wir bei Jörg Pilawa angekommen wären. Der Moderator ist so etwas wie der Musterschüler des deutschen Fernsehens. Er hat sich mit viel Fleiß und Anpassungsfähigkeit als Allzweckwaffe etabliert und kann alle Formate routiniert wegmoderieren, ganz gleich, ob es sich um Talkshow, Quiz oder Unterhaltungssendung handelt. Dabei ist er stets professionell, seine Hausaufgaben hat er immer gemacht, und seinen Gästen gegenüber verhält er sich höflich und korrekt, der gute Jörg. Niemals gab es Anlass zur Beschwerde. Kein Gast verließ je beleidigt seine Sendung. Bei keiner Randgruppe musste er sich für einen unpassenden Witz entschuldigen. Antiseptische Fernsehunterhaltung - ist das der Stoff, aus dem unsere Samstagabendträume sind?

Kein Pilawa-Artikel ohne das Adjektiv "nett"

Der Bruder von Langweile ist nett - ein adjektiv, das in beinahe jedem Artikel über Pilawa fällt. Der stern stellte bei ihm "endlose Variationen von 'nett'" fest, er sei der einzige "sehr populäre Moderator ohne Mehrwert". Der "Focus" ätzte: "Nichts spricht gegen Pilawa. Aber: Wäre es nicht schön, wenn auch etwas für ihn spräche?", und bezeichnete ihn als den "Verwechselbaren".

Das hat über Thomas Gottschalk noch nie jemand gesagt. Was immer Kritiker an ihm zu mäkeln hatten - nett, verwechselbar oder gar langweilig hat ihn nie jemand genannt. Wenn es Kritik gab, dann die: Gottschalk habe in den letzten Jahren nie seine Hausaufgaben gemacht. Auf seine prominenten Gäste war er zumeist schlecht vorbereitet. Aus der Eisschnellläuferin Anni Friesinger wurde dann schon mal Frau Wiesinger, bei den Antworten seiner Gäste wirkte er geistig abwesend, schien nicht wirklich interessiert. Wenn aber etwas Unvorhergesehenes passierte, dann lief er zu Höchstleistungen auf. Wie er bei seiner Moderation des Deutschen Fernsehpreises 2008 den erbosten Marcel Reich-Ranicki unterbrach, besänftigte und für ein Streitgespräch gewinnen konnte - das erforderte eine Riesenportion Charme, Witz und Intelligenz. Das alles besitzt Gottschalk, wenngleich er davon nicht immer Gebrauch macht.

"Ich bin der Einzige, der redet und baggert"

Klar, in Anwesenheit schöner Frauen rutschte ihm die ein oder andere anzügliche Bemerkung heraus, und er hatte erkennbar Probleme, seine Hände bei sich zu halten. Darüber haben sich viele Kritiker aufgeregt. Dabei hat er doch immer nur die intimsten Wünsche des männlichen Publikums befolgt: Wer hätte nicht gerne mal Hand an J.Los Po gelegt, hätte sich an Verona Feldbuschs Busen geworfen oder Nicole Kidman tief in die Augen geschaut. Getraut hätte sich das kaum einer - Gottschalk hat es einfach gemacht, frei nach seinem Motto: "Ich bin der Einzige, der redet und baggert." Diese Chuzpe hat dann auch das weibliche Publikum beeindruckt.

Nach seinem Abgang als Außenminister sagte Joschka Fischer 2005: "Ich war einer der letzten Live-Rock'n'Roller." Auch Thomas Gottschalk war ein solcher Rock'n'Roller. Mit Jörg Pilawa käme die Playback-Generation ans Ruder. Wenn Gottschalk der Elvis Presley des deutschen Fernsehens ist, so schickt sich mit Jörg Pilawa jetzt ein konturloser Peter Kraus an, den Königsthron der Samstagabendunterhaltung zu schnappen. Doch wenn schon Gottschalk Schwierigkeiten hatte, ein Millionenpublikum vor dem Fernseher zu versammeln - wie soll das erst bei Pilawa werden?

Wenn man den Umbruch zur Playback-Generation konsequent betreiben will, dann gibt es eigentlich nur einen richtigen Kandidaten: Den aus diversen Chartshows bekannten Oliver Geissen. Er ist es ohnehin schon gewohnt, im TV stundelang auf Sofas rumzulungern und belanglose Gespräche mit Leuten zu führen, für die er sich sowenig interessiert wie Gottschalk für seine Gäste. Musikalisch würde er sogar eine Modernisierung bringen: Während Gottschalk bei Joe Cocker, Rod Stewart und den Rolling Stones aufblühte, favorisiert der in den 80er Jahren sozialisierte Geissen Musiker wie Nena, Kim Wilde oder Duran Duran. Damit das ZDF endlich auch die immer wieder geforderte Verjüngung des Publikums anpacken.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker