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"Wetten, dass ..?" bald ohne Gottschalk: Abschiedstour des Show-Dino

In einer sehenswerten Show hat Thomas Gottschalk seinen Abschied von "Wetten, dass ..?" verkündet. Nun folgt eine Abschiedstournee mit mehreren Akten.

Von Björn Erichsen

Er wirkt erleichtert, als er es endlich ausgesprochen hat. Thomas Gottschalk sitzt auf der berühmten weißen Ledercouch, der Ort, an dem er die schönsten 25 Jahre seines Lebens verbracht hat, wie er sagt. Das Outfit ist mal wieder eine Qual, blau-grün-karierter Gehrock mit Einstecktuch, der Schlips sitzt locker, der Jägerbart hängt zauselig vom Kinn herunter, doch darüber redet diesmal keiner. "Ich kann die Show nicht weitermachen, als wäre nichts passiert", sagt er im Plauderton, ohne Zögern, scheinbar ohne Emotion. "Für mich persönlich liegt auf "Wetten, dass ..?" jetzt einfach ein Schatten, der es mir schwer machen würde, jemals wieder zu der guten Laune zurückzufinden", begründet er seine Entscheidung: "Mit der Sommersendung in Mallorca werde ich mich schweren Herzens von der Show verabschieden."

Keine andere "Wetten, dass ..?"-Ausgabe ist je mit so viel Spannung erwartet worden wie die 193. Ausgabe der Samstagabendshow aus Halle an der Saale. Und das liegt natürlich nicht am 30. Geburtstag des Formates (Erstausstrahlung: 14. Februar 1981), sondern selbstverständlich am tragischen Unfall des Wettkandidaten Samuel Koch in der letzten Show Anfang Dezember, der seit seinem missglückten Salto über ein Auto fast vollständig gelähmt ist. Gleich zu Beginn berichtet Gottschalk von seinem Besuch bei dem 23-Jährigen, der am Fernseher zusieht: Der Moderator richtet Grüße aus, übermittelt beste Genesungswünsche und fasst sich kurz. Kein überbordendes Mitleid, keine großen Rechtfertigungen, auch keine Live-Schaltung ans Krankenbett – das Publikum im Saal quittiert es mit lang anhaltendem Applaus.

Ist der Unfall der alleinige Grund?

Dass Gottschalk kurz darauf seinen Abschied verkündet, ahnen nur wenige. Klar war: Nach dem schweren Unfall würde es kein "Weiter so" geben, doch selbst erfahrene Medienkritiker hielten die Gerüchte für die übliche Quoten-PR in seiner Hauspostille. "Ehe Gottschalk seinen Posten räumt, müssen erst ein paar Tausend aufgebrachte Zuschauer das ZDF-Hauptquartier am Lerchenberg belagern", so ein beliebter Witz dieser Tage. Doch nun tatsächlich das Ende einer Ära, der "Ohne-mich-geht-es-nicht"-Moderator geht von ganz allein. Gottschalk soll sich bereits vor Weihnachten entschieden haben, und es ist zweifelhaft, ob allein Samuel Kochs Unfall dafür ausschlaggebend war, oder nicht auch allgemeine Frustration über ständig sinkende Zuschauerzahlen und die notorisch miesen Kritiken.

"Es ärgert mich persönlich schon ein bisschen, dass Mubarak mich knapp geschlagen hat", scherzt Gottschalk gleich wieder. Der Vollprofi gibt damit das Zeichen: Die Show muss weitergehen, von so einem "Schatten" lassen wir uns doch die Laune nicht verderben. Angesichts der fernseh-historischen Dimension gerät aber am Samstagabend alles rundherum zur Staffage: Maria Furtwängler, Max Raabe, Jan-Josef Liefers oder Take That inklusive Robbie Williams, egal ob Show-Act, Wettpaten oder Kandidaten, alle flehen Thommy an, er möge doch weitermachen. "Please stay, don't leave", flüstert ihm auch das ewige Topmodel Naomi Campbell zu. Doch was heißt das schon von einer Frau, die kurz vorher verraten hat, dass sie Wladimir Putin "für einen witzigen und tollen Mann" hält.

Dass die Show aus Halle dennoch zu einer der unterhaltsameren "Wetten, dass ..?"-Sendungen zählt, liegt an Gottschalk selbst. Schon lange hat man den blonden Schlaks nicht mehr so gelöst gesehen, und das überträgt sich auf die Stimmung in der Runde. Der Moderator witzelt über die musikalische Stadtwette ("Halle – lujah") und sich selbst ("Ich küsse wie eine Frau"), seine Gäste lässt er überraschend häufig ausreden. Das allerdings nutzt Panikrocker Udo Lindenberg schamlos aus: Der hat nicht nur das richtige Lied ("Hinterm Horizont geht’s weiter") und eine Flasche Eierlikör dabei, sondern hält auch einen bemerkenswert wirren Monolog zu Mauerfall und ägyptischer Revolution.

Salami-Golfen und Kronkorken-Schießen

Weniger spektakulär, dafür durchaus originell, die Wetten am Samstagabend. Als Konsequenz aus dem Samuel-Koch-Unfall will das ZDF künftig keine waghalsigen Stunts mehr zulassen. Und so müssen sich die Zuschauer mit zwei Salami-Golfern begnügen, oder einen jungen Mann, der im Handstand mehrere Glühbirnen mit seinen Füßen auswechselt und damit Wettkönig wird. Beim Zweitplatzierten, einem Mann aus Oberfranken, der mit seinem Ohr Kronkorken in Biergläser schießen kann, ist Fremdschämen angesagt. Da drängt sich dem Zuschauer eine bei "Wetten, dass ..?" altbewährte Frage auf: Haben diese Menschen in ihrer Freizeit wirklich nichts anderes zu tun?

Bis Gottschalk seine große Freizeit antritt, wird es noch dauern. Auf seiner Abschiedstournee moderiert das ZDF-Urgestein noch drei reguläre Sendungen, die letzte davon am 18. Juni auf Mallorca, anschließend folgen bis Dezember drei weitere Shows, bei denen auf 30 Jahre "Wetten, dass ..?" zurückgeblickt werden soll. Was dann kommt ist unklar: Die Sendung soll es weiterhin geben, aber ob mit oder ohne Michelle Hunziker ist noch offen. ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut hofft sogar auf einen Rücktritt vom Rücktritt, und das wäre Gottschalk durchaus zuzutrauen. Vielleicht wäre das sogar ein Segen, denn angeblich heißt der heißeste Kandidat auf seine Nachfolge Jörg Pilawa.