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Kolumne zu "Wetten, dass ..?": Gottschalks schwerste Show

Nach dem Unfall des Wettkandidaten Samuel Koch ist nichts mehr wie vorher für "Wetten, dass ..?" und Thomas Gottschalk. Am Samstag in Halle stehen beide am Scheideweg.

Von Bernd Gäbler

Am 4. Dezember um 20 Uhr 41 geschieht es: ungebremst fällt Samuel Koch nach dem Salto auf Sprungstelzen über ein fahrendes Auto auf sein Gesicht. Er bewegt sich nicht mehr. Schnell schützt die Regie das Unfallopfer vor den Blicken des Publikums. Wenig später bricht Thomas Gottschalk die Sendung ab. Bis heute ist nicht abzusehen, ob und wie gesund der athletische Wettkandidat jemals wieder werden kann. Auch wenn man den schnellen Erklärungsversuchen, dieser Unfall sei nur logische Konsequenz einer aus Quotendruck immer gefährlicher gewordenen Show nicht folgt - richtig ist: Dieser dramatische Unfall ist für die Geschichte der größten deutschen Fernsehshow ein Einschnitt. Danach kann es nicht einfach so weitergehen. Gefährliche Wetten verbieten sich von selbst und niemand kann so tun als sei da nichts gewesen. Thomas Gottschalk steht vor der riesigen Aufgabe, für den Unfall, Mitgefühl und Weitermachen Worte und eine angemessene Tonlage zu finden. Vielleicht wird er sogar seinen Abschied erklären.

Nur zusammen sind Thomas Gottschalk und "Wetten, dass ..?" erfolgreich. Beide sind aufeinander angewiesen. In jeder anderen Sendung wirkt Gottschalk ein wenig schwächer. Die große Halle, das Saalpublikum, das Knie-an-Knie-Sitzen mit den Weltstars - da blüht der Moderator auf. Ohne Gottschalk könnte "Wetten, dass ..?" vielleicht auch recht nett sein, aber letztlich wäre die Sendung doch nur eine von mehreren Versuchen der TV-Unterhaltung für jedermann. So aber, in der Symbiose, überstrahlen Thomas Gottschalk und "Wetten, dass ..?" die Konkurrenz. Obwohl die Sendung in die Gegenwart hineinragt wie ein Fels aus der Vergangenheit, geht von ihr immer noch eine besondere Sog- und Integrationswirkung aus. Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist Thomas Gottschalk vermutlich wichtiger als Angela Merkel.

Der Lehrer im Clownskostüm

Fernsehhistorisch ist Thomas Gottschalk ein Mann des Übergangs. Früher wurden im Unterhaltungsfernsehen Bildungsbürger nach Opern-Arien und Literaturklassikern gefragt. Hans-Joachim Kulenkampff gab den ersten Gentleman von nebenan, der Mutti in den Mantel half. Peter Frankenfeld im großkarierten, bunten Jackett brachte die Varieté-Tradition auf den Bildschirm. Heute ist der Großteil der TV-Unterhaltung Trash. Gottschalk ist die Brücke zwischen beidem: Er ist der gelernte Schullehrer, der sich im Clownskostüm wohler fühlt. Er ist die sinnfreie Supernase und kann gleichwohl mit Marcel Reich-Ranicki oder Hans-Dietrich Genscher gelassen parlieren. Das ist seine Integrationsleistung.

Bei ihm stehen Tokio Hotel, 50Cent und Justin Bieber ebenso auf der Bühne wie der sehr alte Heinz Rühmann, Sophia Loren oder Anna Netrebko. Er hatte Michael Jackson in der Show und Gerhard Schröder als frisch gewählten Bundeskanzler. Bei ihm sitzt der Hollywood-Star neben Mario Barth; durfte Oliver Pocher, als er noch als Talent galt, Mariah Carey als Presswurst beleidigen und werden die nächsten ZDF-Filmchen neben globalen Kino-Blockbustern promotet. Einen fast surrealen Reiz gewinnt die Show aus der ihr immanenten Zwei-Welten-Lehre: Die Welt der Stars auf dem Sofa hebt sich ab vom Rackern der Wettkandidaten, die Absonderliches können. Was anfangs meist noch von Handwerkerstolz getragen war, ist inzwischen weitgehend zum Kuriositäten-Bazar mutiert.

Aus der Größe und Integrationsleistung der Show ergeben sich für Thomas Gottschalk immer wieder Probleme, die er mal souverän, mal schwankend löst:

Das Altersproblem: Gottschalk will für alle da sein, deswegen kann und will er nicht älter werden. Von den Haaren bis zu den Cowboystiefeln ist alles schräg. Würde ist seine Sache nicht – dass er sich selbst zum ewigen "Rock'n'Roller" erklärt, der massenkompatible Ausweg.

Das Boulevardproblem: Gottschalk will es allen recht machen, darum bespielt er immer wieder die Boulevardmedien, von denen er sich zugleich abgrenzen will. Er lässt sich ein auf Fernduelle mit Dieter Bohlen, schaut herüber, vergleicht sich mit ihm, um am Ende doch nur zu schimpfen. Manchmal ist er einfach nicht auf der Höh, manchmal hat er keine Haltung zu den aktuellen Themen und dem Personal des Boulevards.

Das Identitätsproblem: Gerne betont Gottschalk den öffentlich-rechtlichen Charakter von "Wetten, dass ..?" und bietet die Sendung dennoch als größte Werbeplattform des deutschen Fernsehens an, für die ausschließlich die Quote zählt. Mal dichtet er der Show eine erzieherische Funktion an, dann will er doch nur gute Laune machen.

Er schlingert. Er weiß nicht recht, wo seine Brückenfunktion enden soll. Dabei hat er die unmittelbar aus dem Unfall von Samuel Koch herrührende Krise gemeistert. Wie ein gut trainiertes Springpferd ist er schnell wieder in die Arena gegangen, hat ohne lange Pause schon am 12. Dezember den ZDF-Jahresrückblick moderiert. Ein vorsichtiges Gespräch mit Samuels Vater, dessen tiefer Glaube sogar Trost zu spenden vermochte, half ihm dabei. Auch für den ZDF-Jahresrückblick 2011 ist er bereits gebucht.

Vom Universellen zum Partikularen

Und dennoch: Es mag einfach Pech sein oder unverdient; durch den Einschnitt des Unfalls wird eine Entwicklung beschleunigt, die ohnehin unaufhaltsam ist und sich auch schon seit längerem andeutet: der Weg von der Universalität der Sendung zum Partikularen, von der Versammlung aller zu deren Zerstreuung in Zielgruppen. Bald wird es die eine große, alle anderen Unterhaltungsangebote überstrahlende Fernsehsendung nicht mehr geben.

Jetzt, am Samstag in Halle, mögen Udo Lindenberg und Roxette, Robbie Williams und die wiedervereinigten Take That, ein Thomas Gottschalk, der zu guter Form aufläuft, eine angemessene Erinnerung an Samuel Koch und einige originelle oder lustige Wetten noch die Illusion erzeugen, "Wetten, dass ..?" könne wieder so sein wie vor dem 4. Dezember 2010. Aber schrittweise wird "Wetten, dass ..?" ohnehin seinen Sonderstatuts verlieren. Vermutlich spürt Thomas Gottschalk das. Sicher könnte er noch einige Zeit weitermachen - auch das würde das Publikum verstehen; am Ende aber würde es "Wetten, dass ..?" in alter Funktion nicht mehr geben. Vielleicht sehen wir heute Abend zum letzten mal "Wetten, dass ..?" - auf jeden Fall aber sehen wir die Sendung zum letzten Mal in ihrer alten Funktion.