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Trotz Samuel Kochs Unfall bei "Wetten, dass..?" Gefährliche Shows? Das war einmal


Reflexartig geht nach dem Unfall bei "Wetten, dass..?" die Diskussion über Quotengier und gefährliche Sendungen los. Aber: Die Shows werden nicht risikoreicher. Im Gegenteil.
Von Bernd Gäbler

In der Öffentlichkeit funktionieren die Reflexe genauso wie bei Pawlows Hunden. In "Wetten, dass..?", der großen Familienshow des ZDF, ist ein schlimmer Unfall passiert. Der Wettkandidat Samuel Koch hat sich schwer verletzt und liegt nach einer Notoperation im künstlichen Koma. Eventuell bleibt er gelähmt. Prompt fordert der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck in seiner Eigenschaft als Verwaltungsratsvorsitzender des Mainzer Senders eine Debatte darüber, welche Risiken der Sender aus Quotengier bereit sei einzugehen. Die medienpolitischen Sprecher von SPD und Grünen - auch bestrebt zu den Kritischen im Lande gerechnet zu werden - stimmen ihm sofort zu. Es wird unterstellt, das ZDF sei bereit, in seiner Show immer größere Risiken einzugehen, um in der Quotenkonkurrenz mit der RTL-Suche nach einem "Supertalent" am Samstagabend nicht einzubrechen. Allgemeine Worte über "Schaulust" und das "knappe Gut Aufmerksamkeit" werden dann gerne zusätzlich gesprochen. Hilfreich wäre: Kenntnis des konkreten Programms.

Ein Lob für das ZDF

Zunächst einmal wäre es angemessen, das ZDF zu loben. Thomas Gottschalk, der Unterhaltungschef Manfred Teubner und der Programmdirektor Thomas Bellut haben es in einer sehr schwierigen Situation geschafft, einigermaßen stilsicher die richtige Entscheidung zu treffen und die Show abzubrechen. Ihre große Erfahrung hat dabei eine Rolle gespielt. Zu loben ist das ZDF auch, weil es den Unfall nicht optisch ausgebeutet hat. Wenn der ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut erklärt, es gebe nun einmal keine hundertprozentige Sicherheit, dann mag das aktuell nicht sehr geschickt sein - aber er ist ehrlich.

Befindet sich das ZDF nun mit "Wetten, dass..?" in einer Phase des sich stetig steigernden Risikos? Mitnichten! In dieser Sendung gab es früher häufiger als heute gefährliche Wetten. Mit Motorrädern wurde über Hausdächer gesprungen; sie kamen auf Skisprungschanzen zum Einsatz. Ein anderes Beispiel: Ein Fallschirmspringer versuchte im Korb eines am Himmel schwebenden Fesselballons zu landen. Er drohte sich zu verheddern, die Zuschauer wurden Zeuge eines gefährlichen Kampfes um Leben und Tod. So etwas hat sich seitdem nicht wiederholt. Viel typischer als der Nervenkitzel ist für die Sendung absurde Geschicklichkeit oder eine eigenartige Kombination von Fähigkeiten - Lastwagen auf Sektgläsern zu parken; BHs mit chinesischen Ess-Stäbchen zu öffnen; Automarken am Klang der Türen zu erkennen; mit schweren Maschinen und empfindlichem Material zu hantieren.

Sachlich angemessen ist es allein, jetzt einen genauen Bericht über den traurigen Unfall zu verlangen. Der Boden wurde extra gummiert, der Kandidat davon überzeugt, einen Helm zu tragen. War dies eine zu lasche Reaktion auf ein sich abzeichnendes Risiko? Vermutlich ist vor allem die Schwierigkeit unterschätzt worden, auf den Federstelzen, die der Wettkandidat benutzte, um per Salto rollende Autos zu überspringen, balanciert zu landen.

Quotendruck durch RTLs "Supertalent"?

Wer glaubt, das ZDF sei leichtfertig geworden, um mit RTL mitzuhalten, kennt einfach die "Supertalent"-Sendung des Privatsenders nicht. Es ist keine Sendung voller gefährlicher Stunts und riskanter Artistik, sondern eine ethisch fragwürdige Freakshow. Zwar gibt es beim ZDF Anpassungsreaktionen an RTL-Shows. So wurden zum Beispiel schon mal in angeblich ironischer Anspielung auf das "Dschungelcamp" Stierhoden serviert und Wetten dargeboten, die nicht mehr lustig, sondern erniedrigend waren. Da schlabberte zum Beispiel ein Herrchen mit seinem Hund um die Wette Wasser aus einem Hundenapf. Ebenso wirkte es unwürdig, den alternden Joachim Fuchsberger mit Krampfadern im Nachthemd vorzuführen. Darüber regt sich Kurt Beck natürlich nicht auf. Erst recht nicht über die vielen geistigen Verletzungen, die dem Publikum aus reiner Quotengier im ZDF-Boulevard "Leute heute" oder hirnlosen Serien zugefügt werden.

Immer mehr Risiko? Das war einmal

Ist es denn im allgemeinen so, dass der Drang des Fernsehens nach außerordentlichen Shows und Events zu immer gefährlicheren Experimenten oder gar einem leichtfertigen Umgang mit der Gesundheit der Menschen führt? Auch hier ist der größte Risiko-Kitzel eher vorbei. Die absurde japanische Spielshow "Takeshi's Castle", die einen Großteil ihres vermeintlichen Vergnügens daraus zog, Kandidaten schmerzhaft scheitern zu sehen, ist ebenso im Nischenprogramm verblieben wie das pubertäre "Jack-Ass". Die Methodik dieser Sendungen ist nicht ins Hauptprogramm vorgedrungen. Bewusst mit dem körperlichen Einsatz vor allem des Protagonisten arbeitet "Schlag den Raab" (Pro 7). Auch bei Ablegern wie der "Wok-WM" oder Turmspring-Wettbewerben kam es schon zu Verletzungen - hier ist es aber vor allem der Fernsehprofi selbst, der sich dem Risiko aussetzt.

Das wirkliche Risiko begann im deutschen Fernsehen mit einem "Familienspiel", das bewusst "alte Zöpfe abschneiden" wollte: Das war "Wünsch Dir was" mit Dietmar Schönherr und Vivi Bach. Guido Bauman war der Ideengeber, André Heller gehörte zur Redaktion. 1971 wurde die Schweizer Familie Dreier hier in einem simulierten Autounfall mitsamt Fahrzeug unter Wasser gelassen und geriet in Lebensgefahr. Zwar waren Taucher zugegen, nicht kalkulierbar aber war die menschliche Reaktion der Kandidaten.

Viel stärker auf Action und Nervenkitzel angelegt als alle heutigen Shows war die "100.000 Mark Show" (1993 - 2000), die RTL in den neunziger Jahren erstmals Quoten von zehn Millionen Zuschauern einbrachte. Die RTL-Sendung "Glücksritter" (1996/97) war zwischenzeitlich sogar bewusst als noch einmal härtere Ausgabe dieser "100.000 Mark Show" konzipiert. Die Produzentin und Moderatorin der Sendung, Ulla Kock am Brink, animierte hier die Kandidaten sogar einmal zu der riskanten Aktion, Dartpfeile in den Rücken eines Fakirs zu werfen. Eine weitere Eskalation riskanter Spiele oder gesundheitsgefährdender Aktionen hat es nicht gegeben. Wenn heute eine Zeitung wie der "Weserkurier" schreibt, Wetteinsatz sei die Gesundheit der Kandidaten, dann ist dies einfach eine demagogische Verallgemeinerung aus dem furchtbaren Einzelfall.

Es gibt im Fernsehen vieles, was schrecklich ist. Es gibt Ekel-TV und Trash, es gibt fiesen Voyeurismus und manche Formate arbeiten gezielt mit dem Reiz und der gleichzeitigen Abstoßung durch Gewalt - aber es stimmt einfach nicht, dass in den großen Shows des deutschen Fernsehens in den vergangenen Jahren eine wachsende Tendenz zu Action, Nervenkitzel und Risiko zu verzeichnen wäre. Natürlich ist es legitim, über die Quotenfixierung öffentlich-rechtlicher Sender zu sprechen. Aber unsere Debattenkultur selber ist zu oft einem furchtbar simplen Reiz-Reaktions-Schema verhaftet.


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