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TV-Kritik "Make Love": Beckenboden, Baby!

Wenn es mit dem Sex nicht mehr klappt, ist das für viele Paare eine Katastrophe. Dabei kann man mit einem unsexy klingenden Training erstaunliche Ergebnisse erzielen.

Von Simone Deckner

Make Love: Sex trotz Hindernissen

Was tun, wenn es im Bett nicht mehr so funktioniert? Paartherapeutin Ann-Marlene Henning gibt Tipps an die Hand

"Sex trotz Hindernissen" lautete das Thema in der gestrigen Folge der heiß diskutierten ZDF-Aufklärungs-Doku "Make Love". Konkret: Was können Paare tun, wenn der Sex nicht mehr so funktioniert wie früher? Sei es durch einen Unfall, Krankheit oder einfach nur, weil beide älter werden.

Ein anspruchsvolles Thema, dass sich die Sexologin und Paartherapeutin Ann-Marlene Henning vorgenommen hatte. Tabuisiert. Schambehaftet. Denn Begriffe wie "erektile Dysfunktion" und "mangelnde Standhaftigkeit" klingen in den meisten Männerohren wohl ungefähr so angenehm wie lange Fingernägel, die über eine Schiefertafel kratzen.

Henning berät das Modellpaar

So geht's richtig: Sexologin Henning schaltet sich ins Geschehen ein.

Dass diese Folge – im Vergleich zur letzten, in der es etwas zu explizit um Prostatamassagen ging – sehenswert war, hat viel mit dem Paar zu tun, dessen Problem sich Henning annahm. Wer sich nach 34 gemeinsamen Jahren noch so voller Liebe anschaut wie Andreas und Beate mag Probleme mit erektiler Dysfunktion haben, aber sie besitzen etwas, von dem andere Paare nur träumen können:

Er: "Die Liebe hat es nicht betroffen.

Sie: "Die ist eher noch mehr geworden."

Fremdkörpergefühl nach Krankheit

Andreas hatte zwei Bandscheibenvorfällen. Die Behandlung missglückte. Seither ist der Sex nicht mehr so wie zuvor. "Auf gut deutsch gesagt, anfangs war das wie eine Wurst, völlig ohne Gefühl,wie ein Fremdkörper", erinnert sich Andreas an die Zeit, als er durch zu viel Spritzen Lähmungserscheinungen hatte. Henning geradeheraus: "Er steht also nicht so lange, wie ihr es gern hättet?"

Kein Einzelfall: Jeder 2. Mann über 40 ist mit seiner Standfestigkeit unzufrieden – auch ohne medizinischen Notfall. Dieses Mal ist es ein Prof. Dr. Frank Sommer (Nomen est omen!), der den medizinischen Background liefert. Wenn innerhalb von drei Monaten wegen fehlender Härte des Penis in über 50 Prozent der Fälle kein Sex möglich ist, spricht man von einer erektilen Dysfunktion. Nicht die einzige sexuelle Funktionsstörung, aber eine der auffälligsten.

Andreas kann eine Erektion nur noch mithilfe von Viagra halten.Er: "Die Planerei nervt. Das ist manchmal wie ein Dienstplan, den du abarbeiten musst." Dazu die Nebenwirkungen: Hitzewallungen, Atemnot. Und das Gefühl, es selbst nicht mehr zu bringen. Bis hin zu Selbstmordgedanken: "Wenn der nicht mehr funktioniert, brauche ich ja eigentlich gar nicht mehr leben."

 Auch Beate kann sich heute "schwerer fallen lassen". Auch sie denkt noch oft an "früher", wünscht sich, "zwanglosen Sex zu haben, ohne groß nachdenken zu können. Wie in jungen Jahren: einfach drauf los." Leider blendet die Kamera in dieser Szene aus. Zu gern hätte man gewusst, wie Henning auf das offensichtliche Dilemma reagiert hat. Ihren Rat erfährt man kurze Zeit später: "Man muss sich von alten Vorstellungen verabschieden." Statt 100 Prozent und gemeinsamer Orgasmus reichen vielleicht ja auch 75 bis 80 Prozent.

"Levator ani" und Froschübung

Dann kommt der große Auftritt der Beckenbodenmuskulatur. Die, so erfährt man, sei für die Erektionsfähigkeit so etwas wie der geheime Schlüssel zu Glück. "Nicht nur bei Frauen, auch bei Männern", so Henning. In einem anspruchsvollen medizinischen Exkurs fällt mehrmals der Begriff Levator ani, den man direkt nach der Sendung googelt. Auflösung: Heber des Anus, der größte Muskel des Beckenbodens. Bildungsauftrag endlich mal erfüllt, ZDF!

 Die Szenen, in denen zwei eifrige Physiotherapeutinnen mit Andreas und Beate Beckenbodenübungen machen, ist hingegen unfreiwillig komisch. Die Frauen überschlagen sich förmlich vor Begeisterung, als die "Froschübung" klappt und erkundigen sich bei Andreas nach dem Gefühl in seinen Sitzbeinhöckern – Vokabeln, bei denen nur Meditations-Erfahrene nicht mit einem Gesicht voller Fragezeichen dastehen. Letztlich geht es darum, die tiefen Muskeln anzuspannen, denn das Training soll sich lohnen: die Erektionsfähigkeit soll sich damit um bis zu 80 Prozent verbessern.

Das nackte Modellpaar im Video zeigt, wie es besonders gut geht: im Sitzen, die Frau oben. Die Bewegung sende positive Signale in den ganzen Körper. Henning: "Wenn der Körper sich wohlfühlt, dann entspannt auch der Kopf." Das Feedback von Andreas und Beate nach ein paar Wochen ist positiv:

Sie: "Ich gehe es jetzt lockerer an - durch die Übungen."

Er. "Es hat was gebracht."

Was man von dieser Folge "Make Love" auch guten Gewissens behaupten kann.

Die Autorin auf Twitter: https://twitter.com/senatorsim

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