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Miroslav Nemec "Tatort"-Kommissar Batic hat Pause

Miroslav Nemec, bekannt aus dem München-"Tatort"
Miroslav Nemec ermittelt als Ivo Batic im München-"Tatort"
© Picture-Alliance
Im "Tatort" geht Miroslav Nemec als Kommissar Ivo Batic auf Mörderjagd. In seinem ersten Roman ermittelt er unter seinem richtigen Namen.
Von Judith Liere und Kester Schlenz

Herr Nemec, Sie haben einen Krimi geschrieben, in dem Sie nicht als "Tatort"-Kommissar Ivo Batic ermitteln, sondern Sie stolpern als Privatmann Miroslav Nemec in einen Kriminalfall. Wie sind Sie bloß auf diese Idee gekommen?
Ein Krimi allein hat mich nicht interessiert, ich habe nach einem Kick gesucht, nach einer zündenden Idee. Ich wollte nicht einfach irgendeine Ermittler-Figur entwickeln, und da kam ich auf die Idee, dass ich als Ich ermittle. Ich werde ja sowieso dauernd für einen Kommissar gehalten, ständig sagen die Leute zu mir: "Wo ist die Leiche?" Oder: "Ich hab nix gemacht!" Das wollte ich nutzen, und ich finde es ganz lustig - eine Idee, die ich so noch nie gelesen oder gesehen habe.

Das hier ist jetzt nichts Persönliches, sondern reine Routine. Wir müssen Ihnen diese Frage stellen: Wo waren Sie, als dieses Buch geschrieben wurde?

Ha, ha, gute Frage. Ja, ich war dabei! Nein, im Ernst: Ich habe das Buch zusammen mit jemandem geschrieben, der meine Geschichte aufgezeichnet hat.

Wie hoch war der Vorschuss?
Das sage ich nicht.

Wir können Sie auch vorladen lassen! Morgen um acht Uhr im Präsidium!
Wie viele "Tatort"-Witze kommen denn noch?

Das eben war der letzte. Ihr Roman "Die Toten von der Falkneralm" erzählt, wie eine Gruppe von Menschen durch einen Gewittersturm in einem Berghotel eingeschlossen wird. Und dann gibt es plötzlich Tote. Klingt nach einer literarischen Verbeugung vor Agatha Christie ...

Ja, die war ein Vorbild für mich. Ich liebe diese Art zu erzählen, auch im Film, bei "Tod auf dem Nil" oder "Mord im Orient-Express". Und die Idee des perfekten Mordes hat mich schon immer fasziniert. Nicht so ein feiger, schaler Mord, wie man es heutzutage in der Zeitung liest, sondern etwas Intelligentes.

Aber den beinahe perfekten Mord hätten Sie doch auch als Kommissar Batic zusammen mit Ihrem "Tatort"-Kollegen Leitmayr in einem Roman aufklären können.
Ich wollte hier einfach mal solistisch tätig werden. Wir machen ja sonst nie etwas alleine! In einem unserer nächsten "Tatorte" hat Leitmayr im Drehbuch den Satz: Wieso hat der Mann da so viele Frauen, und wir haben keine? Und dann sage ich: Weil wir immer zu zweit sind! Das habe ich extra eingebaut.

Sie wollten sich also aus dem ewigen Duo emanzipieren?
Vielleicht unterbewusst. Die Frage "Und, wo ist der Kollege?" höre ich sehr oft. Oder wir werden verwechselt, und man nennt mich Leitmayr.

Hatten Sie auch das Bedürfnis, jetzt mal den Künstler Nemec in die Öffentlichkeit zu rücken, damit nicht immer alle nur den Batic sehen?
Das war mein Anliegen. Das ist natürlich ein heikles Spiel, weil ich auch nicht zu viele private Dinge preisgeben will. Als ich den Roman laut gelesen habe, habe ich gemerkt, welche Passagen ich bei den Lesungen auslassen werde.

Welche denn?
Zum Beispiel die Stelle, wo mir eine Frau im Hotel erzählt, dass ihr Mann sich überhaupt nicht für mich und meine Lesung interessiert. Als ich sie frage, warum er dann überhaupt mitgekommen sei, sagt sie: "Natürlich, um auf mich aufzupassen." Und ich schreibe dann: "Wenn sie mit mir flirten wollte, dann sollte sie." Diesen Satz lese ich nicht, weil ...

... er Frauen im Publikum ermutigen könnte?
Nein, weil er mir peinlich ist! Ich denke so etwas, aber wenn man es laut ausspricht, ist es peinlich.

In Ihrem Roman flirten fast ausnahmslos alle weiblichen Figuren mit Ihnen, bis auf eine, und die ist lesbisch. Und bei ihr glauben Sie erst, dass sie etwas gegen Sie habe.
Irgendeine Ausrede muss ich ja dafür haben, dass die Frau nicht an mir interessiert ist!

Ist das nicht ein bisschen sehr eitel, sich selbst so darzustellen?
Nein, ich finde es groß, dass ich die Wahrheit ausspreche. Männer sind eitel, sie müssen einen Grund finden, warum eine Frau kein Interesse an ihnen zeigt. Dass ich das zugebe, muss man mir hoch anrechnen!

Sie haben früher in Interviews oft über Ihr Image als Frauenschwarm geredet und thematisieren das auch in Ihrem Buch. Ist die Zeit denn jetzt vorbei?
Ja, natürlich. Ich nehme das im Buch ein bisschen auf die Schippe. In früheren Zeiten habe ich anders gelebt. Heute besinne ich mich auf meine Frau und meine Kinder. Wir genießen den Alltag, und das finde ich eine gute Sache. Ich habe auch nicht das Gefühl, etwas zu versäumen. Ich habe das alles ja schon ausprobiert, irgendwann wiederholt es sich ja auch. Wenn ich an diese Zeiten heute zurückdenke, frage ich mich: Meine Güte, was für ein Wahnsinn, all diese Abhängigkeiten von Frauen? Wofür? Dieser ganze Schmerz, diese Reisereien, dieses Getriebensein ...

Das merkt man ja immer erst hinterher.
Ja, klar. Aber ich muss auch sagen: Da spürt man sich. Mein Akrobatiklehrer an der Schauspielschule hat immer gesagt: Die Menschen spüren sich nur noch, wenn sie die Treppe runtergefallen sind. Er war der Meinung, dass man zu wenig lebt, er kam vom Zirkus. Ich bin, so gesehen, öfter die Treppe runtergefallen.

Ihre erste Ehe ist nach einem Jahr gescheitert, nicht lange nach der Geburt Ihrer zweiten Tochter. Damals haben Sie gesagt, Sie seien einfach kein Familienmensch. Warum hat sich das geändert?
Ich bin innerlich weitergekommen, habe mich entwickelt. Ich habe früher einfach nicht im Sinn gehabt, mich zu binden. Das hatte teilweise auch mit meinen Schädigungen zu tun, dass ich nicht vertrauen konnte. Mein Vertrauen war stark erschüttert durch viele Erlebnisse in meiner Vergangenheit, durch meine Mutter, dass wir abgehauen sind nach Deutschland und wieder zurück. Das hatte viel mit Frauen und Vertrauensbrüchen zu tun.

Sie kamen mit zwölf Jahren aus dem ehemaligen Jugoslawien zu Adoptiveltern nach Deutschland. Warum?
Ein Grund war natürlich das Materielle. Ich war als Kind öfter in Freilassing zu Besuch bei meiner Großtante und ihrem Mann, die kinderlos waren und die mich später adoptiert haben. Die haben gesagt: Gebt ihn uns, wir ermöglichen ihm eine Ausbildung. In Zagreb gab es nicht mal genug zu essen, in Freilassing gab es ein Fahrrad, eine Turnstange, meine neuen Zieheltern hatten ein Auto. Aber sie waren auch zwei Generationen älter, das war nicht ganz einfach in der Pubertät.

Wie war das, als Jugo, wie Sie sich selbst nannten, hier zu leben?
Das war okay. Aber als Kind wusste ich schon: Ich muss mich auf mich selber verlassen. Die Erwachsenen können mir nicht helfen, die schwimmen alle, machen lauter dummes Zeug. Ich muss das allein machen.

Mit 15 Jahren waren Sie Keyboarder und Leadsänger der Rockband Asphyxia. Asphyxie bedeutet Erstickungszustand. So schlimm waren Sie als Rocker?
Eigentlich ist das eher ein Name für eine Punkband. Aber ich bin pragmatisch: Ich wollte einen Bandnamen, der mit A anfängt, denn der stand auf den Plakaten immer ganz oben. Außerdem sah das Wort geschrieben sehr gut aus.

Sie haben ja sogar schon für den Bundespräsidenten gespielt.
Da war ich mit der Miro-Nemec-Band, das ist meine zweite Gruppe. Die habe ich Mitte der 90er Jahre gegründet, um Benefizkonzerte für meinen Kriegswaisenverein zu spielen. Beim Rau waren wir zweimal und einmal beim Gauck.

Herr Nemec, Sie sind jetzt seit 25 Jahren "Tatort"-Kommissar ...
... die Frage ist: Warum?

Auch eine gute Frage: Warum eigentlich? 

Weil es mir damals angeboten wurde, ich es als gut befunden habe und ich einfach nicht aufhören kann.

Hand aufs Herz. Sie und Udo Wachtveitl sind das dienstälteste "Tatort"-Paar. Irgendwann ist Schluss. Ist das Buchprojekt der Einstieg in eine altersgemäße neue Karriere als Autor?
Möchten Sie das so sehen? Nein. Das war ein Wagnis und eine Qual mit viel Zeitaufwand. Und der Wunsch, etwas Neues einzuüben. Mehr nicht.

Ihr Buch ist natürlich auch prima Filmstoff. Gibt es da schon Pläne?
Natürlich. Das wird aber auch davon abhängen, wie das Buch jetzt läuft.

Und wer wird Sie spielen?
Das ist das Schöne an diesem Buch: Das kann nur ich spielen!

Was machen Sie eigentlich sonntags um 20.15 Uhr?
Ganz unterschiedliche Dinge. Da lasse ich mich treiben. Ich bin kein großer Fernsehgucker. Manchmal schaue ich in den "Tatort" rein, aber eher selten.

Humor wird immer wichtiger für den "Tatort". Wie witzig müssen TV-Kommissare heute sein?
Wenn es bemüht witzig ist, bringt es nix. Wir haben immer versucht, das Thema, die Geschichte, den Krimi hochzuhalten. Die Witze zwischen uns und der Humor sollten sich nicht darin erschöpfen, an der Leiche eine Wurstsemmel zu essen. Wir machen lieber Witze, die auf unsere Kosten gehen.

Sie betonten häufig in Interviews, dass Sie und Udo Wachtveitl zu den letzten reinen Männerbastionen gehörten. Und das sei auch gut so. Zu häufig würden heutzutage toughe Frauen um die 30 andere TV-Kollegen blöd aussehen lassen. Keine Angst, für einen Macho gehalten zu werden?
Jetzt gibt es Frauen, die sind wie John Wayne. Und von John Wayne war ich noch nie Fan, der war mir zu macho und männlich. Das hat nix mit dem Geschlecht zu tun, ich mag diese Art einfach nicht. Und ich wehre mich dagegen, immer alles so zu trennen und den Unterschied zwischen Männern und Frauen zu betonen. Man kann darüber reden, wer wie viel verdient, aber diese Klassifizierungen und Klischees gefallen mir nicht.

Sie thematisieren in Ihrem Buch auch das Erkannt- und Beobachtet-Werden. Leiden Sie manchmal unter Ihrer Prominenz?
Je nach Zustand. Wenn ich mal schlecht drauf bin, bin ich nicht scharf darauf, zu reden. Aber ich muss natürlich trotzdem freundlich sein. Wenn man jemanden aus dem Fernsehen kennt, dann hat man eben das Gefühl, dass man ihn auch ansprechen kann. Beim Oktoberfest aufs Klo zu gehen, das ist nicht so einfach. Dann stehe ich da, und dann sagt am Pissoir plötzlich einer: "Sind Sie nicht ..." und dreht sich zu mir. Und dann muss ich mir eine neue Hose kaufen.


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