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Ohnsorg-Theater zieht um: Tschüs, altes Haus!

75 Jahre lang residierte das Ohnsorg-Theater in einer der prächtigsten Einkaufsstraßen Hamburgs. Am Freitag fiel der letzte Vorhang, die plattdeutsche Bühne zieht um. Doch vorher kommen noch ein paar alte Stücke unter den Hammer. Ein Flohmarktbericht.

Von Susanne Baller

Hamburg, Innenstadt, Große Bleichen. Es ist 10.45 Uhr, der Vorraum zum Theater füllt sich allmählich, vom weißen Stahltor zum Bühnenbereich werden die letzten Buchstaben abgeschraubt, das kleine h aus dem Wort Ohnsorg will nicht so recht. Mit dem Gong bittet das Haus heute nicht darum, Platz zu nehmen, sondern kündigt an, dass gleich losgeht, worauf hier alle warten: Flohmarkt und Versteigerung ausgewählter Requisiten aus dem Fundus.

Das Ohnsorg-Theater schließt nach 75 Jahren seine Pforten in den Hamburger Großen Bleichen, Freitagabend fiel hier der letzte Vorhang. "Brand-Stiftung" hieß zwar das Stück, ist aber nicht der Anlass für das Verlassen der Innenstadt. Der Ortswechsel bot sich aus diversen Gründen an: 2015 wäre der Mietvertrag ausgelaufen und, so steht es auf einem Plakat im Vorraum, "zu tragbaren wirtschaftlichen Konditionen nicht verlängert" worden. Mit einem Umzug bot sich nicht nur die Möglichkeit, der Preiserhöhung zu entgehen, sondern auch, für Schauspieler und Zuschauer einen moderneren Rahmen zu finden. Es geht ins Bieberhaus am Hauptbahnhof, bereits im Frühjahr 2010 war Grundsteinlegung für das "Haus im Haus" des denkmalgeschützten Gebäudes. Ein großer Saal mit 404 Plätzen plus eine Studiobühne mit knapp 100 Sitzplätzen sind ab dem 28. August die Bretter, die Ohnsorg bedeuten.

Warm und schwül

11 Uhr, der dritte Gong, das Stahltor öffnet sich. Vorbei an Streuselkuchen für 1,20 Euro und Orangensaft drängen die Menschen, die in dem glasüberdachten Vorraum schon die ersten Schweißperlen von der Stirn tupfen mussten. Es ist warm und schwül in Hamburg, der Sauerstoff wird langsam knapp. Im Fundus zeigen sich die Gründe, die für die Mischung der heutigen Besucher gesorgt haben. Darsteller kleiner Bühnen brauchen für die Ausstattung ihres neuesten Stücks noch Material. "Wenn wir ein schönes altes Kneipenschild finden, nehmen wir das auf jeden Fall mit", sagt der Mann mit der tiefen lauten Stimme, der mit einem großen roten Koffer zu diesem besonderen Flohmarkt gekommen ist. "Und zwei schwarze Damenhüte brauchen wir noch."

An einem Kleiderständer schlüpft ein kleiner Mann in ein offensichtlich viel zu großes Sakko. Erwartungsvoll guckt er in Ermangelung eines Spiegels seine Begleitung an. "Na, sitzt doch super", sagt der. Wahrscheinlich soll auch dieses Stück niemals auf der Straße getragen werden.

Alles kommt unter den Hammer

Einen Tisch weiter drängelt das Publikum, Steinkrüge, Plastikbananen und Osterhasen warten auf neue Besitzer. Was auf jedem normalen Flohmarkt abends als unverkäuflich im Müll gelandet wäre, findet hier einen zahlungswilligen Liebhaber. Für kleines Geld ein Andenken an Heidi Kabel, Henry Vahl, Heidi Mahler - wo gäb es das sonst? Hinter den Verkaufstischen stehen Ensemble-Mitglieder und der junge Nachwuchs. Die Kundschaft tuschelt: "Toll, dass der heute auch hier ist!" und zeigt auf einen beleibten Schauspieler in blauem Fischerhemd und rotem Nickituch, der mit den Kunden in der ersten Reihe herumflachst. Hinter ihm eine Kamera, ein großes Mikro und zwei Redakteure eines Fernsehsenders.

Im Theatersaal, wo bereits am Freitagabend die Stühle abgeschraubt worden sind, ist die Bühne abgesperrt. Hier stehen die Originale, die für einen späteren Zeitpunkt aufgespart werden: die Versteigerung - 13 bis 15 Uhr. Die Sessel aus dem Zuschauerraum kommen genauso unter den Hammer wie die kleinen Bühnenmodelle von "Otello dörf nich platzen", "Swatte Hochtied" und einigen anderen Stücken. Höhepunkte dürften ein Kostüm, ein Kleid und eine Kittelschürze von Heidi Kabel werden, vielleicht aber auch der Eselskopf aus "Die Bremer Stadtmusikanten", handelt es sich hierbei doch um ein Unikat. "Neuwert 3000 Euro da Handarbeit", heißt es auf der Auktionsliste.

Inzwischen reihen sich die Menschen nicht mehr nur im Vorraum auf, sondern auch die Großen Bleichen hinunter. "Ich steh noch in der Schlange", sagt eine Frau in ihr Mobiltelefon. Da nur neue Besucher eingelassen werden, wenn der Mann an der Pforte es für richtig hält, kann es noch etwas dauern, bis sie drin ist. Wenn sie es bis zur Versteigerung schafft, trägt sie womöglich bald eine neue Kittelschürze hinterm Herd.

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