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Ohnsorg-Theater zieht um "Tschüs", Große Bleichen, "moin", Bieberhaus


Nach 75 Jahren ist am Hamburger Ohnsorg-Theater an den Großen Bleichen der letzte Vorhang gefallen. Doch das Ende ist nur ein neuer Anfang: Schon im August geht es an neuer Spielstätte weiter.

Zuschauer und Künstler schwenkten weiße Taschentücher und sangen gemeinsam das Lied "Im Ohnsorg sagt man "tschüss"". Anschließend lud Intendant Christian Seeler alle zu Sekt und Würstchen in den Innenhof, während kräftige Männer begannen, die 389 roten Plüschsessel abzumontieren. Heiter und wehmütig gestaltete sich am Freitag der "allerallerallerletzte Abend" des Hamburger Ohnsorg-Theaters an alter Spielstätte an den Großen Bleichen.

Nach 75 Jahren zieht die 1902 gegründete plattdeutsche Bühne ins Bieberhaus am Hauptbahnhof. Ein Immobilieninvestor ermöglicht den Wechsel in bessere räumliche Verhältnisse. Ein Teil des Inventars sollte am Samstag auf einem Flohmarkt verkauft werden, zu dem am Samstag tausende Fans erwartet wurden.

Zum Finale am Freitag war noch einmal eine Vorstellung des Schwanks "Brand-Stiftung" zu erleben. Günther Siegmunds Krimistück um einen lebensnahen Dorfpastor mit den Publikumslieblingen Heidi Mahler und Manfred Bettinger in den Hauptrollen wies alles auf, wofür die Ohnsorgs seit Jahrzehnten berühmt sind: urige Typenzeichnungen eines gut aufgelegten Ensembles, tiefe, jedoch liebevolle Einsichten ins Menschenherz, schlitzohriger Humor und eine detailfreudige Kulisse einer Dachkammer.

Im Jahr 1962 am Haus uraufgeführt, war der Bauernschwank dort immer wieder gezeigt worden. Mahlers Part der geldgierigen, im Kern gutmütigen Witwe Facklamm hat auch Ohnsorg-Legende Heidi Kabel (1914-2010) verkörpert. Nun fegte deren Tochter über die alten Bretter und bewies voller Brass, wie vielschichtig eine abgebrannte "olle Fruu vun'n Dörp" doch sein kann.

Nach der Sommerpause, ab 28. August, steht im historischen Bieberhaus Shakespeares "En Sommernachtsdroom" unter der Regie von Ex-Schauspielhausintendant Michael Bogdanov auf dem Ohnsorg-Programm. Ein anspruchsvolles Projekt - und dabei typisch für den Chef Seeler. Mit einer Mischung aus überkommenen Schwänken und Komödien sowie Klassiker-Übersetzungen und neuen Stücken hat er seit 1996 das damals krisengeschüttelte Haus zu neuen Erfolgen geführt.

Die Platzausnutzung liegt heute bei rund 84 Prozent. Seit 1936 sollen bis zu acht Millionen Menschen knapp 30 000 Vorstellungen gesehen haben, schätzt Seeler. Der bundesweite Ohnsorg-Boom kam mit den Fernsehübertragungen seit den fünfziger Jahren. Das Bieberhaus, in dem es erstmals auch eine kleine Studiobühne geben wird, bietet bei größerer Hauptbühne und moderner Technik pro Vorstellung 412 Besuchern Platz.

Ulrike Cordes, DPA DPA

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