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Roche bei "Maischberger": Sexualmoral wird zur Talk-Qual

Charlotte Roche plappert über Bordell-Recherchen, Hellmuth Karasek erklärt den Sexualzustand unserer Gesellschaft. Mittendrin versucht Moderatorin Sandra Maischberger vergeblich, die Fäden zu verknüpfen. Einzig Karaseks dauererigierter Zeigefinger stach hier heraus.

Von Christoph Forsthoff

Irgendwie haben die Kollegen bei Maischberger wohl das Thema verpennt - und so müssen die "Schoßgebete" von Charlotte Roche nun 20 Tage nach Erscheinen des Buches eben noch nachgeschoben werden. Pseudo-aufklärerisch verpackt in die rhetorische Frage "Sexualmoral 2011: Kein Anstand, kein Tabu?", ebenso diskutiert von den ewigen Talkshowgästen Hellmuth Karasek und Jutta Ditfurth, die schon längst keiner mehr wirklich sehen und hören will; dazu darf Bettina Böttinger die Kampf-Emanze geben, mit der Ärztin Esther Schoonbrood fehlt auch die unvermeidliche Expertin nicht in der "Menschen"-Runde - und sogar einen Anstands-Wau-Wau für dieses anrüchige Thema hat die Redaktion ausgegraben mit dem "überzeugten Christen" Tobias-Benjamin Ottmar: Sechs Jahre hat der vor seiner Ehe enthaltsam gelebt. "Wie geht das faktisch?" fragt Sandra Maischberger sichtlich interessiert - auf der Couch schlafen und enthaltsam sein, lautet die schlichte Antwort.

Verbale Dauerpenteration und erregierte Zeigefinger

Ob das auch gegen die verbale Dauerpenetration einer Roche geholfen hätte? Ebenso penetrant wie naiv fällt die nämlich nicht nur jedem ins Wort, sondern erblödet sich auch nicht, von der Faszination der Bordellszene zu schwafeln und von der netten alten Puffmutter zu fabulieren. Aufwändig recherchiert habe sie im Rotlichtmilieu - und überhaupt sollten sich viel mehr Menschen Pornos angucken, denn "man(n) kann sehr viel lernen", wie etwa die stundenlange Befriedigung einer Frau.

Was wir eigentlich auch schon immer mal wissen wollten, doch leider versucht gerade in dem Moment die Moderatorin mal wieder, zum Thema zurückzukehren – oder doch zumindest überhaupt erst einmal eines zu finden. Was indes gar nicht so leicht ist, denn der ewig erigierte Zeigefinger Karaseks bohrt tief in den vermeintlich literarischen Qualitäten des Werkes ("eine Satire!"), während Ditfurth offenbar aufkommende Hitzewallungen mit einem roten Fächer bekämpft - Carmen lässt grüßen. Oder sollte es sich am Ende doch nur um die "Krankengeschichte einer schwer Borderline-gestörten Persönlichkeit" handeln, die Schoonbrood gelesen hat? Maischberger ist das alles zu theorielastig und kommt lieber zur Sache: "Wie wichtig ist Sex in einer Beziehung?" Eine geradezu revolutionäre Frage.

"Die Übersexualität der Gesellschaft ist ein Gerücht"

Und so ersparen wir dem geneigten User denn an dieser Stelle auch die Antworten. Wobei, ein kluger Satz fällt inmitten dieser alles andere als anregenden Runde dann doch noch: "Die Übersexualität der Gesellschaft ist ein finsteres Gerücht", befindet der alte Schwerenöter Karasek – trieb es mit der Ehefrau eines Freundes, während der unten vorm Haus vorüberging –, denn diese existiere nur in der Werbung und bei einigen wenigen Promis der Klatsch- und Boulevardmedien.

Doch so ein Satz versendet sich binnen Sekunden, und schon nervt Roche wieder mit Geschichten aus ihrem Bekanntenkreis, die auf der Suche nach Pornos ständig alle in Altpapiercontainer geklettert seien, warnt die Ärztin, dass heute in jeder Schulklasse in der Pause Pornos nachgespielt würden. Und damit auch ganz bestimmt keiner abschaltet, wird schnell ein Filmchen zu den Lustreisen der Versicherungsvertreter der Hamburg-Mannheimer eingespielt, Maischberger wirft noch den Lustmolch Dominique Strauss-Kahn in die Debatte, und am Ende gibt's obendrein ein paar Bilder zu der Affäre des über eine 16-Jährige gestürzten CDU-Politikers Christian von Boetticher. Und die Moral von der Geschicht'? Den Abend hätten wir wahrlich besser im Bett verbracht.