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Die Zukunft von ProSieben: Warum Raabs Weggang den Sender so schmerzt

Stefan Raab hat ProSieben wesentlich geprägt und dafür gesorgt, den Privatsender fest in Deutschland zu verankern. Mit Raabs Rückzug geht dem Sender viel mehr verloren als ein wichtiger Moderator oder das ein oder andere Format.

Eine Medienkolumne von Bernd Gäbler

Stefan Raab

Stefan Raab geht - doch was wird aus ProSieben?

Sich selbst hat Stefan Raab vor vielen Jahren einmal scherzhaft als eine Mischung aus Johannes Rau und Dieter Bohlen bezeichnet. Zu dieser Zeit galt er noch als ein ungehobelter Rabauke, dessen Spezialität es ist, sich furchtlos mit bekannten Autoritäten anzulegen - vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog über Uli Hoeneß bis zu Rudi Carell. Der Hinweis auf seinen früheren Landesvater sollte zeigen, dass durchaus auch Versöhnliches in ihm stecke. Ja, privat sei er sogar eher schüchtern. Und beide Seiten - die furchtlose Attacke wie der Hinweis, dass diese gar nicht böse gemeint sei, sondern nur der Unterhaltung diene, gehören zu Stefan Raab. Letztlich erwies es sich vor allem als ein probates für den eigenen Aufstieg zur TV-Berühmtheit, sich früh an den Großen des Gewerbes zu reiben.

So verband Stefan Raab stets auch zwei eigentlich widerstrebende Eigenschaften miteinander: Einerseits war für ihn das Leben in der Öffentlichkeit immer ein Wettkampf, den er mit verbissenem Ehrgeiz unbedingt gewinnen wollte, andererseits ging es doch nur darum, die Leute zu unterhalten. Der ehrgeizige Raab blieb spielerisch.

Aus diesen beiden Quellen speist sich sein Erfindergeist.  Denn das zeichnete das Fernsehschaffen von Stefan Raab vor allem aus. Zwar war er als Moderator, Sänger und Kämpfer nahezu täglich präsent im Fernsehen, aber wichtiger war sein ständiger Fluss von Ideen und Versuchen, wieder etwas Frisches im Fernsehen vorzuzeigen. 


Raab sorgte für die Verankerung von ProSieben im eigenen Land

Hierdurch hat er den Sender ProSieben wesentlich mitgeprägt. Nicht alleine durch Stefan Raab, aber doch sehr stark mit ihm und seinen Ideen hat ProSieben ein klares Profil als hiesiger junger Unterhaltungssender gewonnen. Ansonsten hätte er leicht vor allem als Abspielstation US-amerikanischer Serien und Produktionen wirken können. Erst der zähnefletschende Bundesblödler Raab hat ProSieben fest im Land verankert. Andere - wie Joko und Klaas oder die allein deutlich weniger erfolgreiche Palina Rojinski - folgten nach. Manchmal konnte man sogar den Eindruck gewinnen, der Sender sei stärker abhängig von Raab als dieser vom Sender.  

Was dem Sender ProSieben alles fehlen wird

Deswegen geht dem Sender mit Stefan Raabs Rückzug vom Bildschirm sehr viel mehr verloren als ein wichtiger Moderator oder das ein oder andere Format. 

Das werktägliche "TV total", das zwar nie eine ganz große Late-Night-Show mit einem weltläufigen Conferencier wurde, war Raabs sichere Basis. Für den Sender war es eine recht sichere Bank mit klarem Generationenprofil in der Fangemeinde. Hier erfand Stefan Raab zunächst etwas, was anschließend Standard in ungefähr allen Sendungen wurde, die lustig sein wollten: die Resteverwertung. Er warf die bunten Schnipsel aus anderen Fernsehsendungen in die Luft und machte sich darüber lustig.

Dass ProSieben nun diese Sendung mit einem anderen, eingewechselten Moderator einfach weitermachen könnte, ist wenig wahrscheinlich. Da muss eine gesamte Programmschiene neu gedacht werden. 

Immer neue Shows und sehr viel Körpereinsatz

Fast wichtiger als die Sendung "TV total" selbst aber war: Aus einzelnen Elementen und Rubriken erwuchsen immer wieder neue Formate. Was für ein herrlich schräger Typ muss man sein, wenn es einem gelingt, aus chinesischen Bratpfannen, in denen man durch einen Eiskanal rutscht, eine über Jahre hinweg funktionierende "Wok-WM" zu kreieren? Solche Formate kann man nicht auf dem Papier entwickeln, sondern nur im Praxistest. Vieles von ähnlicher Bauart kam hinzu: Auto-Crashs und Turmspringen, was mit Skiern und "Eis-Fußball".

Bemerkenswert ist dabei die Fähigkeit von Raab als Erfinder, auch sofort zu merken, wenn etwas nicht klappt: zum Beispiel der "Eis-Fußball" oder ein selbstgebasteltes Reitturnier, an dem er sich auch einmal versucht hat. Die Poker-Nächte dagegen haben wiederum einen eigenen Charme entwickelt. Diese ProSieben-Shows haben alle auch einen besonders Look, selbstgemacht und doch hochprofessionell, der nicht jenen Standards nachempfunden ist, wie er aus den Laboren des internationalen TV-Marktes kommt. Es ist im Moment nicht recht vorstellbar, wie es ProSieben gelingen könnte, diese Eigenheit ohne Raab zu bewahren. 

Vieles, was Raab erfand, lebte von seinem eigenen Körpereinsatz. Es gibt dafür zwar US-Vorbilder, aber hierzulande war er der erste Fernsehmann, der gegen eine Frauen-Boxweltmeisterin in den Ring stieg oder sich im Eisschnelllauf duellierte. Aus den Einzeldisziplinen erwuchs dann "Schlag den Raab", eine Live-Show, die schon zeitlich alle Dimensionen sprengte und in gewisser Weise die Samstagabendunterhaltung neu definierte. Etwas sehr Intensives fand da für eine kleinere Zielgruppe statt. Und nun? Ein "Schlag den Elton" oder "Schlag den Simon Gosejohann?“ weckt nicht gerade wilde Erwartungen.


Vor allem aber war "TV total" auch die Basis für Raabs eigentliche Liebe: Die Musik. Er selbst - ein eifriger Autodidakt - spielte Schlagzeug, Klavier, Gitarre und Ukulele. In "TV total" startete er zunächst seine eigenen Gassenhauer und arbeitete sich dann erneut an den üblichen Formaten ab. Er stürmte die ZDF-Hitparade, stellte der führenden Castingshow "DSDS" eine Alternative entgegen, in der es tatsächlich um die Ausbildung musikalischer Talente ging. Nur, wenn er mitmischte, gelang es deutschen Künstlern - Guildo Horn, ihm selbst und natürlich der von ihm entdeckten Lena - den Eurovision Song Contest aufzurollen. Schon etwas länger ist Raab hier auf dem Rückzug. Und jetzt schon sind die Musikshows bei Vox interessanter als auf ProSieben. In der Musik aber leistete Stefan Raab etwas Besonderes: von Max Mutzke über Stefanie Heinzmann bis hin zu Lena ließ er anderen Raum, sich selbst zu entfalten. Er machte sie groß und ließ sie dann los.


Es gibt keine Kronprinzen

Im TV-Business im engeren Sinne - bei den Moderatoren, Showmastern oder Abendgastgebern - hat er das nicht gekonnt oder nicht gewollt. Es gibt keinen sich aufdrängenden Nachfolger, keinen aufgebauten Kronprinzen. Elton hat sich zwar von Stefan Raab allmählich etwas emanzipiert, spielt besser Poker als dieser und gibt im ZDF den lieben Onkel für die Kinder, aber doch wirkt es immer noch als habe Raab das Sorgerecht für seinen tapsigen Side-Kick. Simon Gosejohann hat eher die Grobheit des jungen Raab übernommen, aber nicht das ebenfalls vorhandene situative Gespür. Eine Zeit lang sah es aus, als könne Oliver Pocher einmal in eine potentielle Raab-Nachfolge hineinwachsen. Aber er hat sich dafür entschieden, sein Talent brachliegen zu lassen. 

Es ist kein Wunder, dass Pro Sieben Stefan Raab eine langjährige Vertragsverlängerung angeboten hat und beide zum Abschied nur Lobesworte füreinander gefunden haben.


Joko und Klaas in Zukunft täglich?

Pro Sieben muss jetzt sehr vieles neu denken und konzipieren. Es geht um nicht weniger als das eigene Profil. 

Die erste Frage lautet: Soll es - analog zu "TV total" - eine feste werktägliche Programmschiene geben? Denkbar wäre nur, dass Joko und Klaas so etwas machen. Können diese beiden das schon? Würden sie sich nicht im Alltag verschleißen? Und trägt deren Spiel mit wechselseitigen Grausamkeiten wirklich dauerhaft?

Dann ist zu entscheiden: Wer soll welche neuen Shows entwickeln? "Schlag den Raab" jedenfalls ist mit einem anderen Protagonisten kaum denkbar. Könnte Elton oder jemand anders durch die nächste "Wok-WM" oder einen ähnlich herrlichen Quatsch führen? Schwierig!

Wichtig für ProSieben wäre es auch, einen ganz neuen, attraktiven Musikwettbewerb zu entwerfen. Vielleicht könnte Stefan Raab zumindest dabei ja - ganz im Hintergrund und nur als Miteigentümer der Firma Brainpool - ein wenig mithelfen?

ProSieben würde es nutzen und vielen den Abschied erleichtern.

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