HOME

Talkpremiere im ZDF: Lanz mehr als nur ein Kerner-Ersatz

Man stelle sich vor, man plane einen Ausflug in die Berge und hätte die Wahl, Markus Lanz oder Verona Pooth mitzunehmen. Für wen würde man sich entscheiden? Wer im ZDF das Ich-vertrete-Johannes-B.-Kerner-während-der-Sommerpause-Talkformat "Markus Lanz" gesehen hat, dem fiele die Antwort leicht.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Natürlich, alles ist Geschmackssache. Aber kann sich jemand wirklich ernsthaft vorstellen, mit Verona Pooth die Felsen zu erklimmen? Wenn ja, dann müsste er damit rechnen, dass die Sache extrem anstrengend würde. War es doch schon anstrengend genug, der notorischen Quasslerin gestern im Fernsehen zuzugucken. Da wurde ständig am signalroten Kleid herumgezupft, da wurde der Überschlag der Beine blitzschnell kontrolliert und lächelte Verona, dann war das Auseinanderziehen der Mundwinkel so künstlich wie ihr Haarteil, das man ihr auf den Hinterkopf gefummelt hatte. Und warum bitte, legte die Pooth den Kopf ständig im 30-Grad-Winkel zur Schulter? Warum wirkte jede Geste so, als hätte sie sie monatelang einstudiert? Kurz: Wäre Verona ein Getränk, hätte es abertausende Farbstoffe.

Der Blick auf den Moderator hingegen war Wellness für die Augen. Markus Lanz hockte in seinem Studiosessel, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres auf der Welt. So wie er da saß, schien er zu sagen, hey, ist doch alles kein Drama, Leute, entspannt euch einfach. Keine betont lässige Attitüde, wie sie beispielsweise Rappern zueigen ist, sondern mit einer Natürlichkeit, wie sie auch einem Pfund Biotomaten zuzutrauen ist. Ohne Frage, der Kerl darf mitkommen in die Berge, wenn nötig, packen wir ihm auch den Rucksack.

Lanz mutiert nicht zum Selbstdarsteller

Ja, das ist ein Kompliment. Und es soll nicht das einzige bleiben. Denn der frühere RTL-Moderator hat seine öffentlich-rechtlichen Gehversuche mehr als passabel gemeistert. Man mag den 39-Jährigen richtig gerne angucken, und es soll dabei nicht von seinem Aussehen die Rede sein, sondern von seiner Art, professionell zu moderieren, ohne aus dem Moderieren eine große Sache machen zu wollen. Markus Lanz missbraucht seinen Job nicht, indem er zum Selbstdarsteller mutiert, sondern er macht einfach seine Arbeit. Er bringt sich ein, ohne sich in den Vordergrund zu drängeln. Es ist das Thema und es sind die Gäste, um die es geht. Und das ist deshalb so erholsam, weil es inzwischen üblich geworden ist, Moderatoren bei ihren Eitelkeiten zuschauen zu müssen. TV-Oldie Thomas Gottschalk beispielsweise tritt vor die Kameras, als ginge es einzig und allein um ihn und mit dieser Selbstverständlichkeit fasst er kurzberockten Schauspielerinnen gerne ans Knie. Und auch wenn Routine-Talker Johannes B. Kerner seinen Gästen wesentlich mehr Raum gibt, so lenkt er spätestens mit seinem ersten Betroffenheitsgesicht sofort wieder von ihnen ab.

Dass Markus Lanz im Hintergrund blieb, war auch der Regie zu verdanken, die den Moderator seltener ins Bild nahm, sondern vor allem auf die Talkgäste blendete. Dabei näherten sich die Kameraleute mit einer Eindringlichkeit, als wollten sie den Gesichtern die Antworten entlocken. Hartnäckig war auch der Moderator, wenn jemand versuchte, den Fragen zu entwischen. Verona Pooth beispielsweise, die seit der Firmenpleite ihres Ehemann Franjo ständig in den Negativschlagzeilen ist, wollte sich partout herauswinden aus der Frage: "Glauben Sie, dass Ihre Imagewerte gelitten haben?" An anderen Stellen wiederum war nicht klar, ob Verona überhaupt verstanden hatte, was sie gefragt wurde.

Markus Lanz stellte unverblümt die Fragen, die wohl auch die Zuschauer bewegen: War es klug, ausgerechnet einen Luxus-Urlaub in Dubai zu verbringen? Hätte sich Franjo nicht mal bei seinen Gläubigern melden sollen, anstatt Interviews zu geben? In das dennoch unspektakuläre Zweiergespräch wurde immer wieder Heiko Neumann geholt, ein Insolvenzexperte. Er sollte der Diskussion, die vor allem in den Boulevards geführt wird, einen seriösen Anstrich geben, und Verona Pooth schien ausgesprochen dankbar, dass sich endlich auch mal ein Fachmann zu Wort meldete. Trotzdem gab es wenig neue Erkenntnisse. Die Entertainerin sagte den hübschen und heftig beklatschten Satz: "Ich bin eh nur ein Unterhaltungsfaktor, ich bin nicht wichtig." Sie gestand: "Ich habe alle Medien benutzt für meine Karriere." Und sie sprach davon, dass Franjo auch ihr Geld schulden würde, was aber bereits schon vorher in den Medien ausgeplaudert wurde, schließlich handelte es sich bei der Sendung um eine Aufzeichnung und beworben wollte das neue Format ja auch irgendwie werden.

Veronas XXL-Redeschwall überboten

Dass Verona Pooths XXL-Redeschwall noch überboten werden kann, ist kaum vorstellbar. Jelena Wahler aber gelang es. Die Gründerin von "Little Giants", eines so genannten "Early Learning Centers", in der die Sprösslinge auf Erfolg und Leistung getrimmt werden, redete ohne Punkt und Komma zum Thema "Wie viel frühkindliche Förderung ist gut für die Kleinen?" Und sie redete sich dabei um Kopf und Kragen. Mit einem sehr spannenden Nebeneffekt: Gibt man Gästen viel Raum, entlarven sie sich selbst. Übereifrig, wie eine Löwin ihr Neugeborenes, verteidigte Jelena Wahler ihr Konzept, das bundesweit in 50 Einrichtungen angeboten werden soll und nach dem bereits Dreijährige Lesen, Rechnen und Schreiben lernen sollen.

Markus Lanz las aus dem Stundenplan der Kleinen vor: Arbeitsteilung Dick- und Dünndarm, Morgenkreis Magen und Ernährung, Bastelarbeit Nieren aus Moosgummi. Und fügte dann an: "Rennen im Park fände ich gut und Spielen im Matsch." Mit solchen und anderen Sätzen bezog er eindeutig Stellung und schlug sich damit auf die Seite des Diplompsychologen Michael Thiel, der nur wenig zu Wort kam. Unter anderem mit diesem Satz: "Kinder brauchen vor allem die bedingungslose Liebe der Eltern." Und: "Wir haben einen Einstein auch ohne Ihren Kindergarten bekommen." Die Diskussion endete vorhersehbar mit der rhetorischen Frage des Moderators: "Ist es sinnvoller, schlaue oder glückliche Kinder zu haben?" Heftiger Applaus. Und nicht die Rede davon, dass es nicht um ein Entweder-Oder gehen muss. Für diese Diskussionsrunde hätte man sich von Markus Lanz mehr Neutralität gewünscht, mehr aufrichtiges Interesse und mehr Gäste, die aus wissenschaftlicher Sicht argumentieren können.

Einfühlsam, ohne auf die Tränendrüse zu drücken

Nächste Gesprächsrunde, nächste Gäste: Udo Bauch, Überlebender des Zugunglücks von Eschede, dessen Ehefrau und Traumaexperte Georg Pieper. Markus Lanz gelang die Gratwanderung. Er war einfühlsam, ohne auf die Tränendrüse zu drücken. Udo Bauch wurde nicht vorgeführt und bestaunt wie ein seltenes Tier, er wurde ernst genommen. Der ehemalige Manager erzählte von seinen elf Operationen, von seiner Nahtod-Erfahrung und wie er mühsam alles wieder erlernen musste: laufen, essen, reden, schreiben. Er sprach über die unheimliche Stille, direkt nach dem Zusammenstoß und darüber, dass er heute noch, nach zehn Jahren, auf eine Entschuldigung der Deutschen Bahn warten würde. Und er bedankte sich bei seiner Frau, ohne die er es nicht geschafft hätte. Dazu Traumaexperte Pieper: "Liebe ist besser als jede Psychotherapie."

Ende gut, alles gut? Für Markus Lanz war es natürlich erst der Anfang. Ein guter Anfang. Insofern, lieber Johannes B. Kerner: "Schönen Urlaub noch."

  • Sylvie-Sophie Schindler