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"Tatort"-Kritik: Undercover im Knast

Falscher Name, neue Vorlieben: Kommissar Lannert ermittelt in "Freigang" undercover im Knast. Die ARD wiederholt diesen durchschnittlichen "Tatort" aus Stuttgart und füllt die Sommerpause.

Von Sarah Stendel

In der Sommerpause dürfen die Stuttgarter "Tatort"-Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) noch einmal ran. Die ARD wiederholt ihren Fall "Freigang", der erstmals im Juni 2014 ausgestrahlt wurde. Der Fall in "Freigang" ist knifflig: Eine Frau wird ermordet und an ihrer Leiche werden die DNA-Spuren ihres Mannes Holger Drake (Tambet Tuisk) gefunden. Der sitzt jedoch seit Jahren im Knast, weil er ihren Lover einst totprügelte. Wie kommen seine Spuren also zum Tatort?

Die Staatsanwältin Emilia Álvarez wittert Unstimmigkeiten in der JVA Zuffenhausen und schickt Kommissar Lannert auf einen Undercover-Einsatz. Als Wärter "Peter Seiler" soll er das Vertrauen des Gefängnisleiters Andreas Franke (Herbert Knaup) gewinnen und sich vor Ort umschauen. Ungewöhnlich für einen "Tatort" setzt die Handlung dann zwei Monate später ein: Lannert hat seine neue Identität angenommen, Bootz ermittelt von außen. Der neue Wärter "Seiler" hat schnell gemerkt, dass Zuffenhausen kein Vorzeigeknast ist. Einige Insassen, darunter der Mörder Drake, genießen ungewöhnliche Privilegien, andere werden benachteiligt. Als sich plötzlich der Wärter Scheffler (Matthias Ziesing) im Knast umbringt, wird es immer brenzliger für Lannert…

Die neue Identität muss sitzen

Vor allem die Undercover-Mission von Lannert ist toller Krimistoff, der beim Zuschauen Spaß macht. Lannerts neues Leben als geschiedener Hamburger "Peter Seiler" sitzt wie eine zweite Haut. Und das muss es auch, sonst wird es für ihn als Maulwurf gefährlich. Denn dass im Knast kein Auge zugedrückt wird, bekommt er spätestens mit, als die Kollegen die Leiche von Scheffler diskret verschwinden lassen. Sein echtes Privatleben hat er aufgegeben: In "Seilers" Wohnung gibt es ein gerahmtes Foto von ihm und einer angedichteten Teenagertochter, Dienstpistole und Diensthandy sind in der Waschmaschine versteckt. Kontakt zu Bootz hat er nur bei geheimen Treffen in einem Puff - ja, hier werden einige müde Gags bedient.

Stuttgart-Fans wissen natürlich, dass Lannert als verdeckter Ermittler in Hamburg gearbeitet hat, bevor er in die schwäbische Hauptstadt kam. Bei einem Unfall verlor er dort Frau und Tochter. Auch deshalb wirkt der Erzählstrang authentisch, Lannert ist geübt im In-andere-Rollen-Schlüpfen. Das Thema "Arbeit vs Privatleben" wird außerdem in der Nebenhandlung mit Bootz wieder aufgenommen, der gerade eine Scheidung verkraften muss. Seine Frau hat ihn für einen anderen verlassen - weil Bootz Familie und Beruf nicht vereinbaren konnte.

Ein Mörder, der freiwillig ins Gefängnis geht

Leider ist "Freigang" an manchen Stellen etwas unstimmig. Dass Franke sich ein lukratives System mit Drogen und Gefälligkeiten im Tausch gegen Geld aufbaut, ist zwar vorstellbar. Aber was hat der Gefängnisleiter davon, wenn er Mörder rauslässt, um wieder zu töten? Das Risiko, dass der Gefangene abhaut ist viel zu groß – selbst, wenn er dafür noch so viel Geld zahlen kann. Denn auch die angeblich so familiären Bande zwischen den Mitarbeitern und Insassen kommen nicht glaubwürdig rüber. Der depressive Scheffler wirkt viel zu sensibel, als dass er wirklich eiskalt seine Frau seinem Chef als Affäre überlassen würde. Und sein Schwiegervater erscheint wiederum nicht intelligent genug, um allein für die überraschende Wendung am Schluss gesorgt zu haben.

So will zwischendurch keine rechte Spannung aufkommen – vor allem, weil die klassische Frage nach dem Mörder hier nicht beantwortet werden muss. Dafür rätselt der Zuschauer, ob Lannert mit der von Franke spendierten Blondine nun wirklich aufs Zimer ging oder nicht? Die interessantesten Sequenzen sind nämlich die, in denen sich Lannert als "Seiler" beweisen muss. Und beispielsweise bei einer blutigen Prügelattacke wortlos zusieht. Oder den spontan in seiner Wohnung auftauchenden Franke geschickt davon überzeugt, dass weder er noch die Witwe von Scheffler etwas verraten haben.

Die Witwe Barbara (Valeria Koch) sorgt übrigens als einzige mit schwäbischen Akzent für den obligatorischen Lokalkolorit, macht das aber gut. Und auch Herbert Knaup als berechnender Sicherheitschef mit Elvis-Faible gibt dem Film Präsenz. Ein überraschendes und Schuss-lastiges Ende zum Mitfiebern gleicht die zähen Minuten zwischendurch dann wieder aus. 

Die "Tatort"-Folge "Freigang" wurde erstmals am 9. Juni 2014 ausgestrahlt.