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"Tatort"-Kritik: Der Mörder ist immer - der Hausmeister

Natürlich ist der Böse der Nette, bei dem man es nicht vermutet. Die Wiederholung der "Tatort"-Folge "Der schöne Schein" ist ein klassischer Krimi. Spannend erzählt - und mit überraschender Wendung.

Von Ulrike Klode

Es gibt Krimi-Autoren, die wollen sozialkritisch sein und überfrachten ihre Geschichte mit anklagenden Nebenhandlungen. Nicht mehr die Suche nach dem Mörder steht im Vordergrund, sondern die Kritik an der Gesellschaft als solcher. Und dann gibt es Krimi-Autoren, die wollen nichts anderes, als eine spannende Geschichte erzählen.

Glücklicherweise haben die Macher des in der Wiederholung gezeigten Bodensee-"Tatorts" (Buch: Susanne Schneider/Regie: René Heisig) offenbar letzteres Ziel verfolgt: Sie präsentieren mit "Der schöne Schein" einen spannenden Krimi. Am Anfang steht ein Mord, es gibt drei Verdächtige mit Motiven, die man aus den Klassikern kennt: Rache, Habgier, Eifersucht. Dazu ein dunkles Geheimnis und Kommissare, die ermitteln und kombinieren. Und am Schluss steht die überraschende Wendung.

Bonnie Marquardt ist das Mordopfer, mit dem die Geschichte beginnt. Sie ist Ärztin, besitzt eine Schönheitsklinik und wird in einem Planetarium erstickt. In ihrer Kehle findet der Pathologe einen Goldfisch. War es ihr Ehemann, der sie nach Strich und Faden betrogen hat, der von ihrem Geld lebt und von dem sie sich scheiden lassen wollte? War es ihr ehemaliger Liebhaber, Chefarzt in ihrer Klinik, dem sie kündigen wollte, weil er mit Brustimplantaten handelte? Oder war es deren Ehefrau, früher eng mit Bonnie Marquardt befreundet, die vielleicht doch irgendwie von der Affäre wusste? Und was ist das dunkle Geheimnis, das das Mordopfer und die drei Verdächtigen verbindet?

Der Mörder ist - der Hausmeister

Als dann nacheinander auch die Verdächtigen sterben, wird klar: Es muss ein anderer gewesen sein. Aber in dem Fall ist es nicht etwa eine Person, die aus dem Nichts auftaucht. Nein, diese Person ist vorher mehrfach in Erscheinung getreten und hat, wie sich gegen Ende herausstellt, mit dem dunklen Geheimnis zu tun: der nette Hausmeister der Schönheitsklinik. Er will nur eins: Gerechtigkeit dafür, dass die vier Ärzte bei der OP seiner Tochter gepfuscht haben und das Mädchen lebenslang schwer behindert ist. Auch das zeichnet einen guten Krimi aus: Die Figur des Mörders ist lange und selbstverständlich eingeführt, ohne dass der Zuschauer einen Verdacht schöpft.

Natürlich gibt es in diesem "Tatort" auch Nebenhandlungen, die nichts mit der Suche nach dem Mörder zu tun haben. Doch die finden am Rande statt. Da ist zum Beispiel die Geschichte der Kommissare: "Tatort"-Kommissarin Klara Blum (Eva Matthes) ermittelt nun schon zum dritten Mal gemeinsam mit ihrem Schweizer Kollegen Reto Flückiger (Stefan Gubser). In die grenzüberschreitende Amtshilfe mischen sich Gefühle: Blum und Flückiger umtanzen einander wie schüchterne Teenager. Doch am Ende steht die Enttäuschung, denn Flückiger gesteht seiner deutschen Kollegin, dass er sich versetzen lässt - nach Luzern. Sie reagiert betroffen, küsst ihn, sagt "Das finde ich total blöd" und verlässt die Bar. So klar, so wenig melodramatisch. Und trotzdem emotional. Das Ende des deutsch-schweitzerischen Duos Blum/Flückiger ist gleichzeitig ein Anfang, denn Flückiger wird in Luzern künftig seine eigenen "Tatort"-Folgen haben.

Das Thema "Schönheitsklinik" hätte auch dazu verführen können, den Schönheitswahn der modernen Gesellschaft zu stark zu thematisieren. Doch dieser Versuchung widerstehen die "Tatort"-Macher. Klara Blum beschäftigt sich zwar hin und wieder damit, redet mit ihrem Kollegen darüber, ist natürlich dagegen - doch all das wirkt nicht aufgesetzt, sondern authentisch, weil es zur Figur passt.

Die "Tatort"-Folge "Der schöne Schein" ist eine Wiederholung vom 16. Januar 2011.

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