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"Tatort"-Kritik: Ein Schocker über häusliche Gewalt

Ein tiefes Unbehagen hinterlässt dieser Krimi: Das Mordopfer war zugleich Täter, ein Despot, der Familie und Umfeld terrorisiert hat. Der Leipziger "Tatort" namens "Schwarzer Peter" zeigt häusliche Gewalt mit schockierenden Details und eine Kommissarin mit Wut im Bauch.

Von Kathrin Buchner

"Papa, ich hab dich lieb", sagt die kleine Lina und legt ihre Hand auf den Arm des Vaters. Rüdiger Kuhnert (Thomas Huber) bebt, tobt, brüllt, schickt die Tochter weg. Gleich wird er seine Frau ins Gesicht schlagen, auf den Küchenboden werfen und vergewaltigen. Später wird er es bereuen, wird seine Frau um Verzeihung bitten. Das blaue Auge wird Susanne Kuhnert (Chiara Schoras) unter ihrem Pony verdecken. Wie sie immer alles verdeckt. Das hat sie gelernt. Ihre Mutter, mit der Susanne nicht mehr spricht, hat es genauso gemacht, jahrelang. Bis zum Tod ihres Mannes.

Keiner hat Peter Schneider als vermisst gemeldet, als seine Leiche in der Weißen Elster mitten in Leipzig gefunden wird. Sein Ehering fehlt, die Beine sind mit einer Axt abgetrennt, mit einem Messer wurde ihm eine tödliche Wunde versetzt. Und kaum einer außer Ehefrau Gitta (Suzanne von Borsody), die versucht, sich mit einem Tabletten-Cocktail umzubringen, scheint seinen Tod zu bedauern. Nicht seine drei Kinder, nicht die Angestellten seiner Firma.

Ein tyrannischer Despot, der sich mit Geld alles kaufen wollte

"Er besaß keine Autorität, nur wenn er brüllte, und das tat er meistens", sagt seine Tochter Ivonne (Sandra Bergmann), die bereits drei Psychotherapien hinter sich hat. Anhand von Zeugenbefragungen rekonstruieren die beiden Leipziger "Tatort"-Kommissare Andreas Keppler (Martin Wuttke) und Eva Saalfeld (Simone Thomalla) das Bild eines tyrannischen Despoten. Ein Arbeitstier war der Ermordete, ein Emporkömmling, ein Macher, einer, der Menschen mit Geld manipulierte, der sich einbildete, alles kaufen zu können, Erfolg, Liebe, Ruhm.

Dementsprechend gibt es ein halbes Dutzend Tatverdächtiger mit starken Mordmotiven: der gedemütigte Stellvertreter, der entlassene Angestellte, der wütende Sohn, die verbitterte Tochter, die verängstigte jüngste Tochter.

Simone Thomalla als Hauptkommissarin Eva Saalfeld ermittelt sensibel, intuitiv, couragiert, mit Wut im Bauch und Tränen in den Augen. Die schockierenden Szenen von Schlägen und Vergewaltigung in der Ehe der Tochter des Mordopfers gehen ihr sichtlich nahe. Selten wurde häusliche Gewalt so drastisch dargestellt. Im reizvollen Kontrast zu Saalfelds Einfühlungsvermögen agiert Kollege Keppler als emotionsloser Analytiker.

Detaillierte Charakterstudie von Täter und Opfer

Ohne Pathos, mit leisen Tönen wird gezeigt, welch Leid das Mordopfer, das zugleich Täter war, in seinem Umfeld angerichtet hat und wie sich häusliche Gewalt und die Rolle des Opfers auf die nächste Generation überträgt. Die Stärke dieses "Tatort" liegt in der psychologischen Feinarbeit, in der detaillierten Charakterstudie des Tyrannen, der dennoch nicht durch und durch negativ gezeichnet ist, Charisma, Fürsorge und Wohltätigkeit blitzen durch.

Herausragend ist Suzanne von Borsodys Darstellung der Ehefrau: Gitta Schneider hat über Jahrzehnte ihr Schicksal ertragen, die Misshandlungen des Ehemanns, hat den schwarzen Peter, den ihr das Leben zugedacht hatte, angenommen, geschluckt, ertragen, geduldet, ja sogar verteidigt. Aus Liebe und Pflichtgefühl. Bis der Tod ihres Vogels das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Als ihr Mann Vogel Bubi den Hals umdrehte, nahm Gitta das Messer und rammte es ihrem Mann in den Bauch - und befreite sich selbst von ihrem Peiniger.