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"Tatort"-Kritik: Mord an einem Kinderschänder

Mit emotionaler Wucht brach der "Tatort" namens "Verdammt" über uns herein - er fädelte die Geschichte quasi von hinten auf: Ein Kinderschänder, der seine Strafe verbüßt hat, landet als Leiche im Müllcontainer. Auch wenn keiner daran interessiert ist, müssen die Kölner Kommissare diesen Mord aufklären.

Von Kathrin Buchner

In der Knasthierarchie sind sie Freiwild, selbst unter den Mitinsassen werden sie wie der letzte Dreck behandelt: Pädophile. Kaum ein Thema wühlt die Gesellschaft so auf wie Kindesmissbrauch. Lebenslang hinter Gittern und am besten nie wieder frei lassen, lautet eine weitverbreitete Haltung. Meinung. Die Täter sind verdammt bis in alle Ewigkeit, Resozialisierung ist so gut wie ausgeschlossen.

Das muss auch Paul Keller (Thomas Arnold) erfahren. Als er nach zwölf Jahren Knast wegen mutmaßlichen Mordes an dem achtjährigen Kevin mit guter Sozialperspektive entlassen wird, ist der Weg in seine Wohnung in einer Plattenbausiedlung mit "Wanted"-Zetteln plakatiert. Jeder der Nachbarn weiß Bescheid über Keller. Er wird niemals über die Schwelle seiner Tür gehen, sondern als Leiche in einer Mülltonne enden - so wie einst Kevin.

Den Kölner Kommissaren Schenk (Dietmar Bär) und Ballauf (Klaus J. Behrends) fällt die undankbare Aufgabe zu, den Mörder des vermeintlichen Kindermörders zu ermitteln. Eine polarisierende Aufgabe für das Ermittler-Duo: Auf der einen Seite Max Ballauf, kinderlos, der weitgehend vorurteilsfrei, das Rechtssystem bewahrend und nüchtern nach dem Mörder fahndet, "entweder sind alle wichtig oder keiner".

Auf der anderen Seite Freddy Schenk, sowieso hin- und hergerissen zwischen seiner Rolle als Bulle und als frischgebackener Opa, der gerade am liebsten Stofftiere und Spielzeug für seine kleine Enkelin einkauft und - aufbrausender Bauchmensch wie er ist - die ganze Wut der Eltern gegen Kindesmissbrauch in sich vereint. Genial in seiner Rolle wird Dietmar Bär einmal mehr zum Berserker, schießt wie immer weit über das Ziel hinaus und mutiert als Beschützer seiner Enkelin zum komischen Superhelden, als er den neuen Babysitter mit der Dienstpistole bedroht.

Als Angehöriger ist man immer "die Familie des Peinigers"

So heikel und schwer das Thema, so leicht gelingt Regisseurin Maris Pfeiffer die Umsetzung - dank eines genialen Drehbuchs von Jürgen Werner, das der Missbrauchsproblematik eine neue Sichtweise verleiht. Nämlich die der Menschen, deren Schicksal untrennbar mit dem Kinderschänder verbunden ist.

Wie das Schicksal des Vaters des ermordeten Kevins, der im Internet seinen persönlichen Rachefeldzug gegen Keller und alle anderen Pädophilen im Lande führt. Oder das der nächsten Verwandten, die immer als Familie des Peinigers stigmatisiert werden. "Lassen Sie den Mörder in Frieden, er hat der Welt einen großen Dienst erwiesen", sagt der Stiefvater des Ermordeten. Der Halbbruder von Paul Keller, dessen Verlobte sich von ihm trennt, weil sie Angst um ihren siebenjährigen Sohn hat, wird dadurch selbst zum Täter. Die Mutter, die ihren verurteilten Sohn heimlich im Knast besucht, und trotzdem sagt "so einer wie Paul hat keine zweite Chance verdient".

Tödliche Liebe zum Peiniger

Beinahe lückenlos verarbeitet die "Tatort"-Folge "Verdammt" die verschiedenen Standpunkte einer immer wieder schwellenden Diskussion um Sexualstraftäter. Die kochende Volksseele, der Streifenpolizist, der "Kinderficker" schimpft anstatt den Tatort zu bewachen, der Nachbar, der "kastrieren würde ich ihn", schreit, der Therapeut, der sagt: "Rund 200.000 Menschen in Deutschland haben diese sexuelle Präferenz, die kann man nicht alle wegsperren." Sogar ein Kinderschänder selbst kommt zu Wort, der von seiner Liebe und Zuneigung zu den Kindern spricht.

Nicht didaktisch-langweilig, sondern packend und emotional mitreißend ist die Suche nach dem Mörder. Und die Geschichte macht am Ende noch einen erstaunlichen Schlenker. Sie rehabilitiert den vermeintlichen Täter, der zwar pädophil, aber kein Kindermörder war.

Eine Lehre für alle, die vorschnell urteilen. Denn am Ende ist es tatsächlich Eifersucht, die Eifersucht eines Abhängigen, einer einsamen Teenie-Seele, der sich durch den Mord eines "Konkurrenten" die alleinige Gunst seines Peinigers sichern wollte.