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"Tatort"-Kritik: Mord im Gesundheitsministerium

Ein Toter im Gesundheitsministerium - beim Berliner "Tatort" ermittelten die Kommissare auf höchster Regierungsebene. Pharmalobbyisten, Gesundheitsreform - "Schleichendes Gift" hätte brisant werden können. Stattdessen turteln sich Ritter und Stark testosterongeschwängert durch Hochglanzbüros.

Von Kathrin Buchner

Schöner Einfall: Der Leiter der Rechtsabteilung im Bundesgesundheitsministerium wird in der Behördentoilette tot aufgefunden. Vergiftet durch Nikotin, einen Monat bevor in ganz Deutschland das Rauchverbot in Kraft tritt. Mord oder Selbstmord, das bleibt die große Frage bis zum Schluss. Denn die Ermittlungen gestalten sich so wie in Agatha-Christie-Krimis: Der Täterkreis ist exakt beschränkt. Regierungsgebäude sind schließlich gesichert wie Hochsicherheitsgefängnisse. Keiner kommt hinein oder heraus, ohne kontrolliert und auf Video gebannt zu werden.

Doch bevor die Ermittlungen richtig losgehen, müssen die Berliner Kommissare Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic) in ihr neues Büro ziehen, das architektonisch ein Pendant zu den Regierungsgebäuden ist. Hightech pur, viele Glasflächen, basierend auf Chrom und Stahlträger. Aufgeräumt. Schöner arbeiten. Dieses Ambiente werden die beiden nicht mehr verlassen. Denn auch die Villen der unter Verdacht stehenden Regierungsbeamten sind durchgestylt.

Der Informationsüberbringer liegt im Koma

Diesen Lebensstil zu halten ist selbst für höhere Beamte nicht einfach - Lobbyisten sind Tür und Tor geöffnet. Der tote Dr. Feinlein hat beträchtliche Bareinzahlungen auf seinem Konto. Ein Fahrradkurier, der eine brisante Liste der geschmierten Beamten überbringen sollte, wird angefahren und liegt im Koma.

Die Macht der Lobbyisten

Die Geschichte wäre eigentlich ideal für eine richtig knackig-kritische "Tatort"-Folge. Pharmalobby, Krankenkassenreform - kaum ein Thema ist emotionaler aufgeladen als die Gesundheit. Alle Zutaten für einen erstklassigen Thriller sind vorhanden, der Amtsleiter im moralischen Konflikt zwischen Pflicht und der Versuchung, den Job mit Hilfe für seine kranke Frau zu missbrauchen, die Assistentin, deren Mann mit seiner Firma Konkurs angemeldet hat, ein skrupelloser Anwalt, der die Schmierereien organisiert, ein investigativer Journalist, der auf der Suche nach der Namensliste ist. Auch deutliche Bezüge zur Realität gibt es, das berühmt-berüchtigte Borchardts, wo sich Berlins einflussreiche Spindoktoren mit Politikern gerne beim Essen konferieren, wird beispielsweise im Film zum "Borgward".

Statt aber die Brisanz der Lobbyisten plakativ anhand der Charaktere zu veranschaulichen und die Mechanismen der Beeinflussung für den Zuschauer transparent zu machen, verplempert Regisseur Uwe Janson wertvolle Drehzeit mit Nebenschauplätzen. Da wird die Leiden der Frau des verstorbenen Amtsleiter, die an Multipler Sklerose und Schlafkrankung leidet, in epischer Breite ausgewälzt. Da werden die Fahrradkuriere als Rebellen auf Rädern geschildert, deren ausgeprägtes Freiheitsgefühl sie zur Selbstjustiz für den angefahrenen Kollegen greift lässt. Da darf Ritter als testosterongesteuertes Turteltäubchen ausgiebige Spaziergänge und Nächte mit der Kurierdienst-Disponentin verbringen.

Die bitteren Pillen musste in diesem Fall der Zuschauer schlucken, das Gift war tatsächlich sehr schleichend. Ein brisantes Thema wurde durch ein mittelklassiges Drehbuch und eine langatmige Inszenierung verschenkt.