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"Tatort"-Kritik: Münsteraner Mumpitz mit Mumie

Ein persischer Prinz als Mumie, archäologischer Hokuspokus, Zwerg Alberich auf Liebespfaden: Der Münsteraner "Tatort" macht einen auf "Jäger des verlorenen Schatzes", glänzt trotz irrer Story durch Beständigkeit und erreicht eine Traumquote.

Von Kathrin Buchner

Kalauergroßalarm beim Münsteraner "Tatort". Ein Gefängniswärter wurde ermordet - doch bevor die eigentliche Leiche im Keller gefunden wird, taucht eine Mumie auf dem Dachboden auf. Nicht aus Ägypten, das macht die Sensation noch gigantischer: Der vermeintliche Prinz stammt aus Persien und wird bei Gerichtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) wie ein Privatpatient behandelt. Vater Thiel (Claus D. Clausnitzer), der den heiß begehrten Jahrhundertfund beim Ausmisten der Villa der Enkelin eines berühmten Archäologen entdeckt hat, erwartet statt Finderlohn aber eher Fluch. Denn alsbald entpuppt sich die Mumie als Mumpitz, in Handarbeit präpariert von einem von Ehrgeiz und Geldgier zerfressenen Wissenschaftler.

Allzu ernst nehmen kann man einen "Tatort" mit dem Titel "Fluch der Mumie" nicht. wenn man noch drei Fragezeichen davor setzen würde, könnte die Geschichte ebenso gut als eine Episode der drei kalifornischen Hobby-Detektive Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews durchgehen. Die Hörspielserie auf Kassette genießt Kultstatus bei Vertretern der Generation Golf. Kripo-Proll Frank Thiel (Axel Prahl) und Rechtsmediziner-Snob Professor Karl Friedrich Boerne sind ein Duo wie Dick und Doof, die sich eher der Krimikomödie verpflichtet haben als dem klassischen Thriller. Damit wurden sie zum quotenstärksten "Tatort"-Ermittlerteam der ARD.

Erfolg liegt im Prinzip Serie

Die Charaktere werden immer skurriler, die Fälle immer schräger, die Sprüche flotter, damit aber auch die Witze flacher. Denn so simpel und banal wie bei den "drei ???" und allen anderen Serien dieser Welt liegt das Rezept des Erfolgs des Münsteraner "Tatort" an den Zutaten Wiederholung, Beständigkeit sowie Vorhersehbarkeit der Charaktere. Das Serienprinzip eben. Man gewöhnt sich an die Hauptdarsteller mit all ihren Mucken und Eigenarten.

Boerne trumpft auf mit Besserwisserei, Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann) in ihrer Bärbeißigkeit hat diese herrlich knarzige Bassstimme, Thiel pflegt seine Mischung aus Lakonie und Aufmüpfigkeit, die Arbeit erledigt sowieso Assistentin Nadeshda (Friederike Kempter). Allein Silke Haller, genannt Alberich (ChrisTine Urspruch), die zwergenhafte Assistentin der Gerichtsmedizin, darf neue Facetten ihrer Persönlichkeit ausleben. Die Kleine entdeckt große Gefühle und probt den Aufstand gegen den Chef. Und während der sich in einem Eitelkeitswettbewerb um Ruhm und Anerkennung in der Wissenschaftswelt profiliert, schleust Alberich gar den Mann ihres Herzens, Andreas Lechner (Tobias Schenke), Hauptverdächtiger im Mordfall und frisch entlassener Knacki, in die Gerichtsmedizin ein.

Und hier bekommt der Fall durchaus einen gewissen Tiefgang. Denn der bereits als Mörder abgestempelte Ex-Knacki erweist sich als unschuldig und des Vertrauens von Alberich würdig. Sieben der insgesamt 17 Münsteraner Krimifolgen haben die Drehbuchautoren Stefan Cantz und Jan Hinter bereits verfasst. Schräg, aber durchaus rund verstricken sie den Mumienfund mit dem Mord an dem Gefängnisaufseher. Regisseur Kaspar Heidelbach, der Katastrophenfilme wie den mehrfach prämierten Zweiteiler "Das Wunder von Lengede" (Sat.1) oder den deutlich schwächeren Film "Der Untergang der Pamir" (ARD) inszeniert hat, macht daraus eine hübsche Abenteuerklamotte, längst nicht so aufregend wie Hollywood-Actionsknaller à la "Jäger des verlorenen Schatzes", aber schlicht und einfach unterhaltsam, so dass beim "Tatort" seit langem mal wieder mehr als zehn Millionen Menschen zuschauen.