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"Tatort"-Kritik: Türken, Tiroler und Tote

Sturköpfige Einwanderer, die ihre Töchter zwangsverheiraten wollen. Fiese Einheimische, die gegen die Zugewanderten hetzen. Dazwischen der überforderte Chefinspektor Moritz Eisner: Der Österreich-"Tatort" hat ein eigentlich gutes Anliegen gehabt - es aber durch übertriebene Schwarz-Weiß-Zeichnung diskreditiert.

Von Carsten Heidböhmer

In dem beschaulichen Tiroler Städtchen Telfs gärt es: Da haben die zugewanderten Türken doch tatsächlich die Frechheit besessen, eine Moschee mit Minarett zu errichten. Und das im "heiligen Tirol"! Da kann man als Einheimischer schon mal auf die Barrikaden gehen. In dieser aufgeheizten Atmosphäre wird eine junge Türkin an einem Baum hängend aufgefunden - ermordet. Kurz darauf wird ihr österreichischer Freund tot aus dem See gezogen. Und schon sind wir mitten drin im modernen Kulturkampf.

Denn das Paar ist offensichtlich Opfer der verhärteten Fronten geworden: Auf der einen Seite die konservative Familie der Türkin, in der die Töchter nach Altvätersitte im Herkunftsland verheiraten werden. Auf der anderen Seite die fremdenfeindlichen Einheimischen, die mit den Zugewanderten nichts zu tun haben wollen und schon wegen eines bescheidenen Minaretts ihre abendländische Identität bedroht sehen. Normale, besonnene Zeitgenossen suchte man in dieser "Tatort"-Folge vergebens.

Polizist zwischen allen Stühlen

Chefinspektor Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und seine Kollegen vor Ort haben die schwere Aufgabe, da noch die Übersicht zu bewahren. Was alles andere als einfach ist. Insbesondere der türkischstämmige Polizist Vedat Özdemir (Tim Seyfi) sitzt gehörig zwischen den Stühlen. Seine einheimischen Kollegen nehmen ihn als "Türken" nicht für voll. Die türkische Gemeinde sieht ihn dagegen als Überläufer, Verräter an der eigenen Kultur.

Es ist vor allem die Angst um die eigene Kultur, die angestammte Identität, die für die Feindseligkeiten sorgt. Dabei sind sich die beiden Gruppen ähnlicher, als ihnen lieb ist: Die waschechten Tiroler haben Angst vor "Überfremdung" und fürchten, dass es 2030 mehr Türken als Österreicher gebe. Und die Eingewanderten fürchten nichts mehr als sich "zu mischen", denn "sonst sind wir in zwei Generationen weg".

Identität als Konstrukt

Der "Tatort" hat seine Stärken da, wo er die scheinbar reinen Identitäten auseinandernimmt und als Konstrukt entlarvt. "Wir sind Tiroler Bauern seit 1511", prahlt etwa Inspektor Franz Pfurtscheller (Alexander Mitterer), um dann aber kleinlaut zuzugeben: "Na gut, ein Kärntner war schon dabei" - aus der slowenischsprachigen Bevölkerungsgruppe wohlgemerkt. Und die Türkin Melisa Ozbay, die reinstes Deutsch spricht und auf der Universität studiert, sagt: "Was soll ich in der Türkei? Hier ist meine Heimat!".

Es hätte ein spannendes Drama um moderne Identitäts-Konzepte werden können. Doch weil wird uns am Sonntagabend zur Prime-Time im Ersten befinden, müssen sich die tief sitzenden Konflikte in 90 Minuten in Wohlgefallen auflösen. Am Ende begehrt die türkische Mutter auf, will sich erhängen ("Ich halte euch Männer nicht mehr aus"), bringt damit den Vater zur Einsicht, der daraufhin seiner Tochter und ihrem deutschen Freund den Segen gibt. Aber damit nicht genug. Auf dem Dach des Minaretts versöhnt sich der Vater mit seinem aufgehetzten Sohn. Da müssen dann auch die fremdenfeindlichen Österreicher ihre Einstellung überdenken: In der vorletzten Szene kniet der Anführer der Moscheebau-Gegner neben Vater Ozbay auf dem muslimischen Gebetsteppich.

Damit ist aber noch immer nicht Schluss: Weil sich im "Tatort" auch immer Privates mit dem Politischen vermischt, hat Moritz Eisners Tochter jetzt auch einen türkischen Freund. Und so fahren die Eisners nun zu dritt - wohin auch sonst? - nach Antalya. So einfach ist das: Der Kampf der Kulturen findet wegen Urlaubs bis auf Weiteres nicht statt!

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