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"Tatort"-Kritik: Zyankali im Tampon

Der Frankfurter "Tatort" unternimmt mal wieder einen Ausflug ins Hartz-IV-Milieu: Er jongliert zwischen Sozialkritik und tragischem Einzelschicksal, kokettiert mit dem Thema Schuldenfalle, um am Ende zwei Giftspritzen gegeneinander antreten zu lassen. In "Bevor es dunkel wird" wird eine Halb-Blinde zum Racheengel.

Von Kathrin Buchner

Alarm im Frankfurter "Mittagstisch": Eine ehrenamtliche Helferin bricht zusammen, sie wurde vergiftet. Ein Aufruhr geht durch die Warteschlange. Menschen raffen Lebensmittel zusammen und flüchten, bevor die Polizei die Waren konfisziert. Der Leiter der sozialen Einrichtung, Jochen Bendel (Fritz Karl), der ohne Schnösel-Attitüde freimütig zugibt "Armut kotzt mich an", fürchtet einen politisch motivierten Anschlag.

Was in Frankfurt unter "Mittagstisch" firmiert, ist auch in anderen deutschen Städten eine beliebte karitative Einrichtung, beispielweise die "Hamburger Tafel". Und längst sind es nicht nur Obdachlose oder Hartz-IV-Empfänger, die dort anstehen, sondern auch ganz "normale" Familien, die einer geregelten Arbeit nachgehen und trotzdem nur knapp über dem Existenzminimum leben.

Wie knapp sie selbst davon verschont wurde, muss auch die halbtags tätige, alleinerziehende Polizeibeamtin Ina Springstub (Chrissy Schulz) feststellen, als sie die betroffenen Menschen in ihren Wohnungen aufsucht, um die ausgegebenen Lebensmittel aufgrund der Vergiftungsgefahr wieder einzusammeln. Dank der finanziellen Zuwendungen ihres Vaters kommt sie an Hartz IV vorbei. "Neue Armut" heißt dieses Phänomen, das der Frankfurter "Tatort" ja gerne aufgreift, und dem auch das vergiftete Opfer, Mechthild Stemmler (Nicola Thomas) zum Opfer gefallen ist.

Nach der Scheidung ist sie Hartz-IV-Empfängerin, wohnt im Hochhaus-Ghetto, hat drei Kinder durchzubringen. Der halbwüchsige Sohn rebelliert, opponiert gegen die Mutter. Die Tochter hält zur Mutter, die jahrelang von ihrem Ex-Mann misshandelt wurde. Schlimm sieht sie aus, die Leiche, die Haut am Rücken ist verbrüht, auf den Beinen sind Narben von schlecht verheilten Knochenbrüchen.

Kommissar Sängers Instinkt wird immer besser, ihr Zustand immer schlechter

Doch die tatsächliche Todesursache ist fast unsichtbar. Und wieder ist es Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki), die durch ihre intuitive Ermittlungsweise auf die entscheidenden Hinweise stößt: Sie guckt in der Damen-Toiletten auf einen Hygienebehälter und kommt auf die Idee, dass sich das Zyankali im Tampon befinden könnte. Sie wird von einer Kollegin nach ebensolch einem Hygieneartikel gefragt und entdeckt, dass die falsche Frau vergiftet wurde.

Sängers Wechselfähigkeit zwischen Einfühlsamkeit und Härte ist beachtlich. Doch sie wirkt immer unglücklicher, diese Sänger, ist reizbar. Die Einheit zwischen ihr und ihrem Kollegen Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) ist gebrochen, seit der eine neue Freundin hat. Eifersucht scheint es, plagt die Kommissarin. Umso sensibler sind ihre Antennen, mit Röntgenaugen analysiert sie das eigentliche Opfer Regina Schottmüller (Kirsten Block), die zugleich Täterin ist.

Giftspritzen im Nebel

"Charity ist die beste Werbung", sagt die Unternehmerin Regina Schottmüller und beweist beim "Mittagstisch" ihre Wohltätigkeit, indem Lebensmittel an Bedürftige spendet und bei der Warenausgabe aktiv mithilft. Ihre soziale Ader ist lediglich Mittel zum Zweck. Eigentlich ist diese verwitwete Frau Schottmüller eine harte Geschäftsfrau, eiskalt kalkulierend bis in ihre Intimsphäre. Angestellte, die nicht mehr funktionieren, feuert sie gnadenlos. Und so galt auch der Anschlag ihr und nicht der ermordeten Mechthild Stemmler. Der Krimi kumuliert in einem Duell der Giftspritzen im düsteren Lagerraum der "Mittagstafel". Die eiskalte Unternehmerin wimmert um ihr Leben und das ihres ungeborenen Kindes, während die verzweifelte Halb-Blinde sich an ihrer Ex-Arbeitgeberin rächen und diese mit einer Ladung Zyankali ins Jenseits befördern will.

Man hätte sich ein wenig mehr gesellschaftliche Relevanz auch beim Mordmotiv erhofft. Doch im Endeffekt liegen die Probleme dieser Welt sowieso immer im Zwischenmenschlichen: Scheinheiligkeit, Kalkül, Bedürftigkeit und Hoffnungslosigkeit, verdichtet im individuellen Schicksal. So wird auch noch neben "Neue Armut" ein weiteres Schlagwort mit Leben erfüllt: "Schuldenfalle" nämlich, in die Protz-Polizist Jan Gröner (Sascha Göpel) tappt, der sich von Angeber-Porsche und Schickimicki-Designer-Kaffeemaschine trennen muss. Mit starkem Schauspieler-Ensemble steht "Bevor es dunkel wird" in bester "Tatort"-Tradition: vielschichtige Charaktere, eine ungewöhnliche Geschichte und ein überraschendes Ende.