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"Tatort" aus Niedersachsen: Florence Kasumba: Sie ist die Neue an der Seite von Maria Furtwängler

Sie wollte Steuerberaterin werden, landete aber als Schauspielerin in Hollywood. Nach Auftritten in den Superhelden-Filmen von Marvel, ermittelt Florence Kasumba nun im "Tatort" aus Niedersachsen - als erste schwarze Kommissarin im deutschen TV.

Maria Furtwängler und Florence Kasumba im "Tatort"

Maria Furtwängler (als Kommissarin Charlotte Lindholm) und Florence Kasumba (als Kommissarin Anaïs Schmitz) ermittelten gemeinsam im "Tatort: Das verschwundene Kind" aus Göttingen

Natürlich ist es eine milde Genugtuung für sie, wenn jetzt immer mal wieder einer von den ehemaligen Spöttern zerknickt gesteht: "Florence, ich habe dich wirklich unterschätzt." Aber, schon klar, sie könne auch verstehen, dass ihre Pläne damals teilweise ziemlich vermessen gewirkt haben müssen. Das ist jetzt schon ein paar Jahre her, dass sie noch als Musicaldarstellerin in Bad Hersfeld oder Hamburg ihr Geld verdiente, aber in ihrem Freundeskreis laut davon träumte, einen Job in einer Hollywood-Produktion zu ergattern.

Doch seit 2016 gehört Florence Kasumba zum festen Schauspielerensemble der Superhelden-Filmreihe von Marvel. Das amerikanische Unterhaltungsunternehmen lockt mit Action-Blockbustern ein globales Publikum ins Kino. "Black Panther", der letzte Film mit Kasumba als Kriegerin Ayo, spielte mehr als eine Milliarde Dollar ein und ist damit einer der kommerziell erfolgreichsten Kinofilme aller Zeiten.

Florence Kasumba ist so berühmt, dass es sie sogar als Lego-Figur gibt

Und deshalb ist Florence Kasumba inzwischen so berühmt, dass es sogar eine Lego-Figur gibt, die ihrer Rolle nachempfunden wurde. "Ich finde das ja ziemlich cool, weil es in meiner Kindheit keine Lego-Figuren gab, die so dunkelhäutig aussahen wie ich", sagt Kasumba, die in Uganda geboren wurde, in Essen aufwuchs und heute in Berlin lebt.

Wenn sie von ihren Erfahrungen in Hollywood erzählt, klingt sie ein bisschen wie eine Sportlerin, die endlich in einem Trainingscamp von Gleichgesinnten angekommen ist. "Da kommst du hin, und alle sind hoch motiviert. Jeder gibt alles – weil jeder weiß, dass er ersetzbar ist. Das hat mich zu Höchstleistungen angespornt."

Aber der Höhenflug in Hollywood hat ihr Leben in Berlin nicht verändert. Sie lebt immer noch zur Miete in derselben Wohnung. Zusammen mit ihrem Mann, einem Musicaltänzer, und ihren zwei Kindern. Sie fährt Fahrrad und besitzt kein Auto. Fragt man sie, was sie sich von ihren Hollywood-Gagen gegönnt habe, muss sie eine Weile überlegen. Ach ja, sie habe ihre Mitgliedschaft in ihrer Kampfsportschule in Berlin aufgebessert, damit sie jetzt zu jeder passenden Zeit in einen der Kurse gehen könne. Inzwischen beherrscht sie vier unterschiedliche Kampfstile und ist stolz darauf, viele ihrer Filmstunts und Speerkämpfe ohne Double selbst zu erledigen.

Florence Kasumba wirkte bei "Deutschland 86" mit

In der neuen Staffel der Serie "Deutschland 86" durfte Kasumba zeigen, dass sie auch die leisen Töne beherrscht. Da spielt sie Rose, eine verschwiegene, getriebene Spionin aus Südafrika, die gegen das Apartheidsregime kämpft. Im Schulterschluss mit den ostdeutschen Agenten Martin Rauch (Jonas Nay) und Lenora Rauch (Maria Schrader) zieht sie in den bereits verlorenen Kalten Krieg. Vom großen Bruder Moskau schon aufgegeben, versucht sich das bankrotte DDR-Regime 1986 zu retten, indem es genauso korrupt und devisenhungrig agiert wie die kapitalistischen Erzfeinde im Westen.

Florence Kasumba mit Jonas Nay und Maria Schrader in "Deutschland 86"

Florence Kasumba mit Jonas Nay und Maria Schrader in "Deutschland 86"

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"Deutschland 86" war nur der Auftakt für Florence Kasumbas heimische Filmkarriere. Nach mehreren kleinen Rollen im "Tatort"  ist sie offiziell befördert worden: An der Seite von Maria Furtwängler ist sie in der Krimireihe als Ermittlerin Anaïs Schmitz zu sehen. Sie ist damit die erste schwarze "Tatort"-Kommissarin im deutschen Fernsehen. "Es ist ein gutes Gefühl, dass schwarze Schauspieler in Deutschland nicht mehr nur Putzfrauen, Drogendealer oder Asylbewerber spielen dürfen", sagt sie.

Behütet und ohne das Gefühl des Andersseins sei sie aufgewachsen, erzählt Kasumba. Sie besuchte ein katholisches Gymnasium in Essen und war im Blasorchester der Schule. "Ich wollte eigentlich Steuerberaterin werden", sagt sie und wundert sich, dass sie sich immer dafür rechtfertigen muss, dass sie heute eigentlich gar nichts mehr mit ihrem Geburtsland Uganda verbindet.

Ihre Karriere begann als Musical-Darstellerin

Gleich nach ihrem Abitur bewirbt sie sich an einer Musical-Schule in Holland, obwohl sie kein Wort Niederländisch spricht. Sie absolviert einen Crashkurs und wird genommen. Schnell macht sie sich auf deutschen Musicalbühnen einen Namen, spielte große Rollen in "Der König der Löwen" und "West Side Story" – doch sobald sie das Gefühl hat, etwas zu beherrschen, zieht es sie weiter. "Ich will mich immer weiterentwickeln und besser werden", sagt sie.

Gerade wurde ihre erste "Tatort"-Episode aus Göttingen ausgestrahlt, anschließend ging es nach Los Angeles in die USA, wo sie neben Beyoncé in der Kinoverfilmung von "König der Löwen" vor der Kamera stehen wird. Fragt man sie, wie es sei, mit Weltstars wie Beyoncé oder Scarlett Johansson zu arbeiten, zuckt sie nur mit den Schultern. "Wenn du mit denen im Bootcamp zur Vorbereitung der Filme ein paar Wochen über den Boden robbst, schwitzt und trainierst, siehst du sie nicht mehr als Stars, sondern als normale Arbeitskollegen."

Florence Kasumba (r.) als Kriegerin Ayo im Marvel-Film "Black Panther"

Florence Kasumba (r.) als Kriegerin Ayo im Marvel-Film "Black Panther"

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Sie sei auch sonst nicht sehr empfänglich für die Verlockungen des Ruhms, sondern eher eine Spaßbremse. "Die Leute am Set fragen mich oft: Florence, wir kennen dich gar nicht. Geh doch heute mal was mit uns trinken!" Aber sie winke immer ab, weil sie lieber im Hotelzimmer noch mit ihren Kindern in Berlin skypen will. "Vielleicht liegt das daran, dass ich schon 42 bin. Da hat man andere Prioritäten im Leben als mit 20", sagt sie, um einen Augenblick später zu gestehen: "Eigentlich war ich nie anders. Auch als Teenager wollte ich lieber morgens trainieren als abends Party zu machen." Diese Arbeitsmoral hat ihr in der Filmbranche das Etikett "die schwarze Preußin" eingebrockt. Man ahnt: Um Florence Kasumbas Karriere braucht man sich keine Sorgen zu machen.

Dieser Text ist am 18. Oktober 2018 im stern erschienen. Aus Anlass von Kasumbas "Tatort"-Debüt haben wir ihn aktualisiert und erneut veröffentlicht.

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