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Kritik zum "Tatort": Das Böse vergisst nicht

Demenz ist mittlerweile ein Standardthema im deutschen Krimi. Auch im "Tatort" "Gestern war kein Tag" gehört ein verwirrter Alter zu den Hauptverdächtigen. Aber Günther Maria Halmer schultert nicht nur die Rolle grandios, sondern gleich die ganze Folge.

Von Sophie Albers

Mittagstisch. Knödel gibt es. Das friedliche Bild einer deutschen Familie, bei der der pflegebedürftige Großvater nicht ins Heim abgeschoben wurde. Bis eine blutende Frau am Fenster erscheint, ein schlecht gelaunter Ehemann herumpöbelt, eine überforderte Mutter ausgenutzt wird, ein wütender Sohn durchdreht, und am Ende auch noch zwei Kommissare in der Küche stehen, weil die Leiche des Ehemanns in der Glaserwerkstatt liegt.

Der Münchner "Tatort" "Gestern war kein Tag" erzählt - zuweilen ein bisschen holprig - wie das desaströse Pflegesystem Deutschlands Menschen kriminell werden lässt. Die einen mehr, die anderen weniger. Es geht um die Belastung innerhalb der Familie, wenn der demente alte Mensch zur Gefahr für sich und andere wird, zerstörte Lebenspläne, wenn die Frau ihre Ehe scheitern sieht und sich doch kümmert, und um liebevolle Pflegekräfte vom Balkan, die schwarz arbeiten müssen, weil sie nur illegal hier sein dürfen. Und - schließlich ist es ein "Tatort" - es geht um die Menschen, die eben dieses Leid zum eigenen Vorteil ausnutzen.

Günther Maria Halmers großer Auftritt

"Die guten Menschen von Alt-Perlach" nennt Kommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec) es zynisch, als sich langsam der triste Filz auflöst, in dem ein Vater, der nicht mal die Klassenfahrt seines Sohnes bezuschusst, illegale Pflegerinnen ausnimmt und ein Anwalt die Hilflosigkeit Demenzkranker und ihrer Angehöriger ausnutzt, um Generalvollmachten an sich zu ziehen. Hier vermischen sich guter Wille und niedere Absicht bis zur Unkenntlichkeit. Wahrscheinlich manchmal sogar für die Täter selbst.

Was "Gestern war kein Tag" aber vor allem ausmacht, sind weniger die kriminellen Abgründe, als das wunderbar intensive Spiel zweier Schauspieler: Zum einen Günther Maria Halmer, der den dementen Max Lasinger mit solch zarter Wucht verkörpert, dass man auf jede Szene ohne ihn verzichten möchte. Selten ist die Tragik so deutlich, wie sich ein vormals selbstbewusster, starker, mit beiden Beinen im Leben stehender Mensch zwischen Realität und Vergessen verliert. Halmer spielt es mit geradezu poetischer Kraft, wenn er von hysterischen Anfällen der Verwirrung in das vertraute, sichere Leben zurückfällt, in dem er seinen Mitmenschen immer mit einem Augenzwinkern versichern konnte "Passt scho'".

Reine Menschlichkeit

Halmers Gegengewicht ist Johanna Gastdorf, deren zurückhaltende, alles erduldende Mutterfigur Karin Lasinger langsam unter dem anhaltenden Druck zerbricht. Es ist ein dramatischer Höhepunkt, als sie endlich zugibt, dass sie "nicht mehr kann". Zwischen Vater Lasinger und seiner Schwiegertochter entsteht ein Wechselspiel des Einander-Stützens, das man so viel zu selten sieht. Vielleicht weil es behutsam, bedeutsam und ohne Sensation ist, nicht laut, sondern einfach nur zutiefst menschlich. Auf die gute Art.

Dass am Ende eigentlich alle für den Tod des ruchlosen Vaters verantwortlich sind, steht für das gesellschaftliche Anliegen dieser "Tatort"-Folge: Familien Demenzkranker brauchen bezahlbare Unterstützung. Wirklich spannend ist diesmal nicht die Aufklärung des Mordfalls, spannend ist der Weg, den die Sicht auf den verdächtigen alten Mann nimmt. Während die Kommissare ihn anfangs des Schauspiels verdächtigen ("Die Waffen der Alten sind ihre Krankheiten"), ist es ein resignierter Satz der Mutter, der im Gedächtnis bleibt: "Das Schlimme an der Krankheit ist, dass man nicht mehr weiß, was wahr ist."

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