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Kritik zum 50. Kölner "Tatort": Jeder Jeck ist anders

In "Altes Eisen" kriselt es zwischen Max Ballauf und Freddy Schenk: Max ist verliebt und kann sich kaum auf die Arbeit konzentrieren. Als er noch ein Versetzungsangebot erhält, ist für Freddy der Ofen aus. Doch überstrahlt wird die 50. Folge von einer Protagonistin: der transsexuellen Trudi.

Von Susanne Baller

Nun gut, ich werde weit fortgehen", läutet Maria Callas mit der traurigen italienischen Arie aus der Oper "La Wally" den "Tatort" ein. Das Schicksal der Geierwally, die ihr Dorf verlassen musste, droht auch der Frau, die sich die Langspielplatte aufgelegt hat. Edgar Selge spielt Trudi, die einmal Arno hieß, und in "Altes Eisen" das schwierige Leben einer Transsexuellen führt, der möglichst normal sein möchte. Doch nach 30 Jahren im gleichen Haus verändert sich sein Umfeld plötzlich. Mit dem Vordringen von Werbern und Coffeeshops in den Kölner Stadtteil wittert jeder Hausbesitzer eine Aufwertung seiner Immobilie. Die Konsequenz: Die Alten müssen gehen. Nur leer lässt sich aus einem Haus der höchste Gewinn schlagen. Gentrifizierung nennt man das in der Stadtsoziologie.

Der Umstrukturierungsprozess des urbanen Quartiers und der Druck, der dadurch auf der Nachbarschaft lastet, werden auch zum Motiv für den Mörder, den Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) in der Jubiläumsfolge finden müssen. Wirken der machohafte Wettbürobetreiber Peter Stamm (Tobias Oertel) und die schwer durchschaubare Beinahe-Schwiegertochter des Opfers so offensichtlich verdächtig, dass sie als Mörder für einen "Tatort" kaum infrage kommen, bleibt der tatsächliche Täter bis zum Schluss unscheinbar: Trudis Exfrau Gerda (Heide Simon) ist altersdepressiv und eine zweite Ehe mit dem Fernseher eingegangen.

Brillante Besetzung

Ihre 50. Folge bringt den Kölner Kommissaren einiges an emotionaler Aufregung. Nicht nur Max' Verliebtheit irritiert die Zusammenarbeit, auch ein Versetzungsangebot zum BKA nach Wiesbaden sorgt für Unruhe im Team. Als Max das Beförderungsangebot annehmen will, ohne mit seinem Kollegen darüber zu sprechen, zweifelt Freddy endgültig an seinem Chef. Wenn Behrendt und Bär auch über die Jahre eins geworden zu sein scheinen mit Ballauf und Schenk, wird dieser "Tatort" doch von einer anderen Figur überstrahlt: Edgar Selge brilliert als einfühlsame, sorgende und sympathische Trudi, sodass jede Szene ohne ihn ein Gefühl der Leere hinterlässt. Dank dieser Besetzung gelingt dem "Alten Eisen", woran sonst viele "Tatorte" scheitern: das Abhandeln mehrerer inhaltlicher Großthemen. Nahezu gleichberechtigt stehen die Schwerpunkte Gentrifizierung und Transsexualität nebeneinander und werden doch beide mit einer gewissen Tiefe lebendig.

Die Besetzung mit Selge entbehrt nicht eines gewissen Augenzwinkerns: Edgar Selge trägt den Titel "Ehrenkommissar der bayrischen Polizei", den er sich bei der "Tatort"-Konkurrenz erarbeitet hat. Als einarmiger Ermittler verdiente er sich in "Polizeiruf 110" die Anerkennung der Film- sowie der Polizisten-Welt. Neben Goldener Kamera und Grimme-Preisen hat er die Auszeichnung als "Bester Deutscher Schauspieler" erhalten, die von der Jury 2003 mit den Worten "ein Kommissar, dem man in die Seele blickt" begründet wurde. Den Blick in die Seele gewährt Selge den Zuschauern für seine "Tatort"-Trudi ebenfalls. Das liebende Pflichtgefühl, mit dem sich Trudi auch zig Jahre nach der Trennung um die Exfrau kümmert, kann Selge so feinfühlig übermitteln, dass sowohl der gute Charakter als auch das Dilemma der Transsexuellen plastisch werden. Wenn Gerda auch kurz vor dem Showdown sagt: "Ich bedaure nichts. Du bist mir nichts schuldig", kann Selge im Gesicht der Trudi die ganze Bandbreite der Verzweiflung zeigen; sämtliche Schuldgefühle, weil Gerda womöglich ohne ihn ein erfüllteres Leben gehabt hätte.

Dass die Dramaturgie ihren Höhepunkt zur letzten Szene mit Trudi erreicht, lässt das Ende des "Tatorts" ein wenig abfallen. Die Kommissare tappen im Dunkeln, klappern noch einmal die Beteiligten ab, und hätte die Mörderin nicht gestanden, wäre die Suche wohl ewig weitergegangen. Trudi stirbt als Arno im Krankenhaus, die Schuld an der ganzen Misere kriegt der charakterschwache Spekulant Peter Stamm, Gerda singt "Wenn ich ein Vöglein wär" und Freddy schläft fast ein. So hätte es auch im echten Leben sein können. An der Wurstbraterei gibt's noch ein Bier und den Running-Gag für "Tatort"-Fans, wenn eine Versetzung droht: "Wer will denn schon nach Wiesbaden?"