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"To The Bone": Experte warnt vor Netflix-Film über Magersucht

Wieder Wirbel um eine Eigenproduktion von Netflix: Für "To The Bone" hungerte sich Schauspielerin Lily Collins zur Magersüchtigen - dabei war sie selbst früher betroffen. Ein Experte erklärt, warum der Film gefährlich ist.

Von Jana Felgenhauer

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Achtung, Spoiler! Dieser Text enthält Hinweise auf die Handlung im Netflix-Film "To the Bone"

Ihre Arme sind von dichtem Flaum bedeckt, den ihr Körper wachsen lässt, um sich zu wärmen, blaue Flecken ranken sich an ihrer Wirbelsäule entlang, es sind Spuren von den vielen Sit-ups auf hartem Boden. Ihre riesigen braunen Augen treten so dominant hervor, als würden sie allein im Raum schweben. Ständig kontrolliert sie, ob sie mit einer Hand ihren Oberarm umschließen kann. Ellen ist magersüchtig.

Vier Therapien hat sie schon gemacht, bis sie in der Wohngruppe von Dr. William Beckham landet, der sagt: „Ich behandele dich nur, wenn du leben willst.“ Beckhams (dargestellt von Keanu Reeves) Methoden sind anders als in den Kliniken, in denen Ellen (gespielt von Lily Collins) bisher war. Wer isst, bekommt Punkte und dadurch Privilegien. Über Zahlen darf nicht gesprochen werden, nicht über Ziffern auf der Waage und auch nicht über die Anzahl der Kalorien, die durch die Sonde einer Patientin fließen. Jeden Tag wird zusammen an einem Tisch gegessen - zumindest mehr oder weniger. Und so beobachtet man die zwanzigjährige Ellen, wie sie ihr Gemüse auf dem Teller arrangiert, mühsam die Panade von ihrem Schnitzel abkratzt und dann doch alles in die Tonne wandert.

Netflix wagt sich an brisante Themen

Jedes dritte Mädchen und jeder fünfte Junge zwischen elf und siebzehn Jahren zeigt auffälliges Essverhalten, fand eine Untersuchung des Robert-Koch-Instituts heraus. Und die Patienten werden immer jünger. Es muss also darüber gesprochen werden. Nur wie kann man sich dem Thema nähern, ohne vorbelastete Menschen zur Nachahmung anzuregen? Ein gutes Händchen für sensible Themen hatten die Produzenten von Netflix in letzter Zeit nicht. Erst vor ein paar Monaten wurde der Streamingdienst kritisiert, das Thema Suizid verantwortungslos behandelt zu haben. In der Netflix-Drama-Serie "13 Reasons Why" geht es um eine Schülerin, die sich das Leben nimmt, vorab jedoch Kassetten aufnimmt, durch die sie später zu ihren Mitschülern spricht. Einer der Hauptkritikpunkte: Es wird detailliert gezeigt, auf welche Art sie ihr Leben beendet.

Nun also "To the Bone": In einem Forum, in dem sich Menschen über ihre Essstörungen austauschen, gab es schon vor Veröffentlichung des Films rege Diskussionen. Eine Userin schrieb, dass sie Angst habe, ihn zu sehen, weil sie nach dem letzten Film über Magersucht mehrere Tage aufgehört habe zu essen. Eine andere postete, sie habe den Eindruck, die Krankheit werde glorifiziert, aber: "Die Wahrheit verkauft keine Filme."

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Anorektische Vorbilder in Medien sind gefährlich

Wie stark Medien auf junge Menschen einwirken können, bewies eine Studie des Zentrums für Jugend- und Bildungsfernsehen. Ein Drittel der Teilnehmer, die gerade wegen einer Essstörung in Behandlung waren, gaben an, besonders durch "Germanys Next Topmodel" beeinflusst worden zu sein. In Serien und Filmen wird das Thema Magersucht selten angesprochen und wenn, dann mit negativen Folgen. Ein bekanntes Beispiel ist der Charakter Cassie aus der britischen Erfolgsserie "Skins". Ein zerbrechlich-hübsches Mädchen in schrägen Outfits, das auch dann noch gute Laune vortäuschte, wenn es drei Tagen lang nichts gegessen hatte. Schon bald tauchten Bilder von ihr auf sogenannten "Pro-Ana"-Seiten auf. Das sind Blogs anorektischer Mädchen, Cassie wurde zu einem Postergirl für Magersüchtige.

Auch "To the Bone" hat Nachahmungspotenzial, sagt Dr. Osen, Chefarzt der Schön Klinik Bad Bramstedt. Aus der Praxis weiß er, dass viele seiner Patienten medial beeinflussbar sind. "Eine der wichtigsten Risikofaktoren für die Entwicklung einer Essstörung ist die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper." Und die werde durch Vorbilder in den Medien gefördert. "Man muss davon ausgehen, dass junge Mädchen, die noch nicht gefestigt sind, nach Identifikationsmöglichkeiten suchen. Auch wenn immer mehrere Faktoren zusammenkommen müssen, damit jemand eine Essstörung entwickelt."

Lily Collins war selbst krank - und hungerte wieder für die Rolle

Die Figur Ellen ist jemand, dem junge Menschen nacheifern: Sie ist cool, schlagfertig und clever, macht Zeichnungen, die sich andere an die Wand hängen und sieht nebenbei auch noch aus wie ein Model. Natürlich verliebt sich der einzige Mann der Wohngruppe, Luke (Alex Sharp), in sie. Der Zuschauer lernt: Man kann bedrohlich dünn sein und trotzdem Erfolg haben, begehrenswert sein. Doch ein Film über Magersucht sollte abschrecken, schließlich geht es um eine Krankheit, an der man sterben kann.

Magersucht und Bulimie: So erkennen Sie die wichtigsten Anzeichen


"To the Bone" werde dem Ernst der Krankheit nicht gerecht, sagt Dr. Osen. Die Darstellerin wirke nicht belastet genug. Alles sei zu spielerisch, komödienhaft. "Wenn Magersüchtige und Therapeuten im wahren Leben zusammen an einem Tisch sitzen, entsteht eine enorme Stresssituation für alle, weil die Patienten Panik haben, zuzunehmen. Sie sind oft gereizt, in sich gekehrt und extrem niedergeschlagen." Er habe sogar erlebt, dass es auf einer Station, in der man Patienten mit verschiedenen psychosomatischen Krankheiten mischt, die Depressiven sind, die diejenigen mit Essstörungen zum Lachen bringen.

Der Film sendet ein falsches Signal

Regisseurin Marti Noxon war früher selbst magersüchtig und auch Lily Collins, die das Drehbuch schrieb, hungerte als Jugendliche. Für die Rolle als Ellen nahm die ohnehin schon sehr schlanke Schauspielerin ab. Zwar geschah das unter ärztlicher Aufsicht, trotzdem sendet das ein völlig falsches Signal. "Es wirkt so, als könne man die Krankheit an und ausschalten. Hungern und dann weitermachen wie bisher? So funktioniert das nicht", sagt Dr. Osen. Er habe auch ein ethisches Problem mit der Umsetzung: "Man würde ja auch niemanden mit Bakterien infizieren, damit er authentischer krank aussieht.

Gegen Ende des Films gibt es eine Halluzination mit viel Pathos. Ellen sitzt in einem weißen Kleid auf einem Baum, daneben Luke. Sie schaut herab und sieht sich selbst nackt und leblos auf dem Boden liegen. Ellen fragt: "Oh mein Gott, bin ich das?" Dann wacht sie auf.