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Tod der "Anna"-Darstellerin: Silvia Seidel - die Primaballerina meiner Kindheit

Als Ballerina "Anna" verzauberte sie zehntausende Mädchen. Als Schauspielerin konnte sie nie Fuß fassen. Silvia Seidel ist mit 42 Jahren gestorben. Abschiedsworte eines "Anna"-Fans.

Von Swantje Dake

Trailer zu "Anna": Diese Serie machte Silvia Seidel berühmt

Das schrille Klingeln der Eilmeldung. Ich lese die zwei Sätze: "Die Schauspielerin Silvia Seidel, bekannt aus der ZDF-Serie 'Anna', ist tot. Die ZAV Künstlervermittlung bestätigte am Montag in München einen entsprechenden Bericht der Tageszeitung 'tz'." Und nach dem ungläubigen "Was?" drängt sofort dieses Lied ins Gehirn: "My love is a tango". Wie oft mussten meine Eltern diese 80er-Chart-Nummer von Guillermo Marchena ertragen? Unzählige Male! Immer und immer wieder legte ich die Platte auf.

"Anna" war die erste Weihnachtsserie, die ich gucken durfte. Schon dafür liebte ich Silvia Seidel. 1987, im Winterurlaub war das. Die damals 17-Jährige war ab sofort meine Heldin. Nicht, dass ich, damals neun Jahre, jemals etwas mit Ballett am Hut hatte. Weder hatte ich blonde lange Haare, noch eine Vorliebe für rosa. Doch nach dieser Woche, die ich allabendlich mit Seidel und Patrick Bach, der ihren Freund Rainer spielte, verbrachte, war klar: Ich will in die Ballettschule!

Heizung statt Ballettstange

Und weil mir meine Eltern diesen Wunsch nicht abnahmen, unterstrich ich meinen eisernen Willen, indem ich ein Stück Tüllgardine über die Wollstrumpfhose drapierte. Die Heizung diente als Ballettstange, und ich brach mir bestimmt fast die Zehen beim laienhaften Nachstolpern der fünf Grundpositionen. Ich sammelte jeden Schnipsel über Anna Pelzer. Meine erste Schallplatte war der Soundtrack zum Film. Ich kaufte die Bücher und zwang meine Mutter in den Kinofilm. Die Gespräche auf dem Schulhof waren wochenlang von einem Thema dominiert. Die Ballettschulen in Deutschland erlebten einen Ansturm wie Tennisvereine nach dem Graf-Sieg in Wimbledon. Herrliche Erinnerungen, die ich - und vermutlich viele meiner Altersgenossinnen - Silvia Seidel zu verdanken habe.

Tod in der Küche

Nun ist sie tot. Schon vergangene Woche soll Seidels Leiche in ihrer Wohnung im Münchner Glockenbachviertel gefunden worden sein. Nach Informationen der "tz" lag Seidel in der Küche, ein Abschiedsbrief auf dem Tisch. "Es gibt keine Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden", sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft München. Wie sie starb, ist bislang nicht bekannt. Vieles spricht für Selbstmord. Die Wirtin ihrer Stammkneipe hatte laut Medienberichten die Polizei alarmiert, nachdem Seidel ein paar Tage lang nicht aufgetaucht war.

Nach dem plötzlichen Erfolg in den 80ern war es still um Seidel geworden. "Mit diesem Riesenerfolg hatte damals niemand gerechnet", erinnert sich Schauspielerin Ilse Neubauer gegenüber der "tz", die in der Serie Annas Mutter Ute spielte. "Die Kleine wurde davon so richtig überrollt. Ich glaube, sie wurde damals schon verheizt." Was blieb, waren ein paar kleine Rollen hier und da. Aber bis zuletzt sah man im Gesicht der 42-Jährigen noch die jugendliche Anna. 25 Jahre nach der Weihnachtsserie!

Anna, Momo, Pippi

Seidel teilte das Schicksal vieler Kinderstars, die auf ewig mit ihrer Rolle verbunden werden. Sei es Radost "Momo" Bokel oder Inger Nilsson, die "Pippi Langstrumpf"-Darstellerin. So beliebt sie Jahre später bei Generationen sind, so eng sind sie mit ihren Rollen verwoben. Nach ein paar Jahren verblasst der Ruhm, Engagements bleiben aus. "Ich bin oft arbeitslos und weiß dann nicht, wovon ich die Miete bezahlen soll. Ich bin froh, überhaupt noch Arbeit zu bekommen, muss nehmen, was ich kriegen kann. Es ist schwer, davon zu leben", sagte Seidel unlängst in einem Interview. Ihre Mutter nahm sich vor zehn Jahren das Leben. "Sie litt unter einer Krankheit, die schlimmer als Aids und Krebs zusammen ist: unter Depressionen", erklärte Seidel ein Jahr nach dem Suizid. Seidel spielte in den vergangenen Jahren Nebenrollen in Serien wie "Um Himmels Willen", "Soko Leipzig", "Sturm der Liebe", zuletzt bei den "Rosenheim Cops" und am Theater. Laut ihrer Agentin hätte sie demnächst auf Tournee gehen sollen.

Kralowa und die lange "Anna"-Nacht

All diese Serien habe ich nicht gesehen. Das Leben und die Karriere von Seidel nicht weiter verfolgt. Sie war für mich, wie für viele, nicht eine Schauspielerin. Sie war Anna. Und erst jetzt, nach ihrem Tod, erinnere ich mich wieder an die rote Rose quer im Mund, die strenge Ballettlehrerin Kralowa und an Annas Liebe Jacob, den man auch als Neunjährige schon anschmachten konnte.

Eine Ballettschule habe ich nie von innen gesehen. Aber Silvia Seidel wird immer das Idol meiner Kindheit bleiben. Und in den nächsten Tagen werde ich mit meinen Schulfreundinnen sämtliche sechs "Anna"-Folgen gucken, plus Kinofilm, hintereinander weg.