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TV-Kritik "Günther Jauch": Heiliger Hoeneß!

Der tiefe Fall des Uli Hoeneß: Spontan reagierte Jauch auf die Selbstanzeige des Bayern-Präsidenten und fragte: "Vom Saubermann zum Steuersünder?". Der Talk verkam zum pädagogischen Stuhlkreis.

Von Sophie Lübbert

Oliver Pocher hat sich vorbereitet. Er trägt Jeans, Jackett und einen sehr seriösen Gesichtsausdruck. Dann räuspert er sich und sagt: "Ich muss jetzt erstmal die Steuererklärung machen". Das soll ein Witz sein. Stille. Keiner lacht. Normal für Pocher? Ja - bis auf die Tatsache, dass er nicht vor irgendeinem halbleeren Gemeindesaal redet. Sondern in der wichtigsten Polit-Talkshow des Landes: bei Günther Jauch.

Der will das Thema des Wochenendes diskutieren: "Der Fall des Uli Hoeneß - vom Saubermann zum Steuersünder?". Eine ernste Sache, schließlich geht es um Moral, Macht, Millionen. Aber Jauch wäre nicht Jauch, wenn er aus jedem noch so seriösen Thema nicht ein bisschen Boulevard herausholen könnte. Und das tut er. Erstens, indem er jemanden wie Oliver Pocher einlädt. Und zweitens, indem er die ganze Diskussion zu einem Loblied auf Hoeneß verkommen lässt.

"Traurig", "enttäuscht", "geschockt"

Es fängt schon damit an, dass sich zu Beginn alle Gäste dazu äußern sollen, wie sie auf die Hoeneß-hinterzieht-vermutlich-Steuern-Nachricht reagiert haben. "Was haben Sie gedacht?", fragt Jauch und schaut so intensiv betroffen, als sei er Leiter eines pädagogischen Stuhlkreises. "Traurig" waren sie alle, "enttäuscht", "geschockt". Es klingt, als sei jemand Wichtiges gestorben, ein politisches, gesellschaftliches, popkulturelles Idol - dabei hat doch wohl nur ein reicher Fussballmanager seine Steuern nicht bezahlt.

Das gibt aber natürlich nicht so viel her wie die Geschichte, die Jauchs Redaktion sich zusammengezimmert hat. Und damit auch der Letzte kapiert, wie wichtig und relevant das Ganze hier ist, wird im Einspieler noch einmal drauf hingewiesen: "Die Stimme des Volkes" sei Hoeneß gewesen, ein "Klartext-Redner". Aber jetzt ist das natürlich vorbei. "Wie tief wird er fallen?", flüstert es düster. Eigentlich wäre genau diese Frage Sache des Finanzamtes und der Staatsanwaltschaft in Bayern. Aber es ist doch viel schöner, mit halbgaren Gerüchten um sich zu werfen.

Und so muss "Focus"-Chefredakteur Jörg Quoos (sein Blatt brachte die Hoeneß-Meldung als erstes) erklären, wie die Recherche zum Fall abgelaufen ist. Wer wann wem wo wie eine E-Mail geschickt hat. Welche Quellen es gab. Was Hoeneß genau geschrieben hat. Das stand zwar schon überall, aber darauf kann man jetzt keine Rücksicht nehmen.

Dann dürfen Wolfgang Kubicki von der FDP und Dieter Ondracek von der Steuerfahndung erklären, was genau so eine Selbstanzeige eigentlich ist, welche Fehler es dabei gibt und wann sie dem Steuersünder Straffreiheit bringt. Das führt zwar zu lustigen Dialogen (Jauch: "Was würde es bedeuten, wenn Hoeneß keine Kapitalertragssteuer zahlte?" - Steuerfahnder: "Das würde bedeuten, dass er die Kapitalerträge nicht versteuert hat"), aber leider auch zur traurigen Erkenntnis: Es gibt absolut momentan nichts mehr zu sagen. Jauch und seine Runde können nur in einem dichten Nebel aus Vermutungen und Verdächtigungen stochern: Woher kommt das ganze Geld, muss Hoeneß ins Gefängnis, warum hat er es überhaupt getan?

"Eine zweite Chance hat er in jedem Fall verdient"

Natürlich ginge es auch anders. Das Thema ist ja da, es ist wichtig, es könnte Auslöser sein für eine große Debatte über Steuergerechtigkeit, gern auch losgelöst von der Person Hoeneß. Nordrhein-Westfalens Finanzminister Norbert Walter-Borjans versucht genau das kurz. Ob es richtig sei, dass es im Steuerrecht möglich ist, mittels einer Selbstanzeige der strafrechtlichen Verfolgung zu entgehen, stellt er zur Debatte. Niemand geht drauf ein.

Stattdessen driftet das Gespräch bald endgültig in Richtung Hoeneß-Verklärung ab. Hauptsächlich zuständig dafür ist Sportreporter Dieter Kürten: Ein Kämpfer sei sein Kumpel Uli, auch mit einer sanften Seite ausgestattet und sowohl empfindlich als auch gefühlvoll. Und überhaupt, könnten es nicht vielmehr die "Finanzberater, Experten, Freunde" gewesen sein, die den armen reichen Mann manipuliert haben? "Eine zweite Chance hat er in jedem Fall verdient", sagt Kürten.

Eine zweite Chance hätte aber vor allem diese Sendung verdient. Mit - zum Teil - anderen Gästen, einem weiter gefassten Thema - und etwas weniger Begeisterung für einen Steuerhinterzieher.

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